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Veröffentlicht am 14.06.2024 18:39

Krimi-Spaß bei den Kreuzgangspielen

Meisterdetektiv Hercule Poirot präsentiert das blutige Messer: eine Szene mit Meike Pintaske, Kirsten Schneider, Gerd Lukas Storzer, Heike Clauss und Helene Ruthmann (von links). (Foto: Nicole Brühl)
Meisterdetektiv Hercule Poirot präsentiert das blutige Messer: eine Szene mit Meike Pintaske, Kirsten Schneider, Gerd Lukas Storzer, Heike Clauss und Helene Ruthmann (von links). (Foto: Nicole Brühl)
Meisterdetektiv Hercule Poirot präsentiert das blutige Messer: eine Szene mit Meike Pintaske, Kirsten Schneider, Gerd Lukas Storzer, Heike Clauss und Helene Ruthmann (von links). (Foto: Nicole Brühl)

Selten quietschten die Fenster so fies im Kreuzgang. Selten war es so frostig. Selten war die Entdeckung einer Leiche so schrecklich. So schrecklich komisch. Und nie war ein Toter so lebendig. Am Donnerstag hatte der Krimiklassiker „Mord im Orientexpress“ Premiere. Kaum eine Produktion auf der Feuchtwanger Freilichtbühne war so schön schräg.

Wer in jener eisigen Nacht in dem Zug auf dem Weg von Istanbul nach Calais den Mord begangen hat, wissen viele im Publikum. Denn Agatha Christies Roman von 1934 ist berühmt, die Verfilmungen mit Stars wie Peter Ustinov oder Kenneth Branagh sind noch berühmter. Trotzdem ist’s immer wieder spannend, wie Meisterdetektiv Poirot, der eitle Belgier mit extravagantem Schnauzer, die Puzzleteile zusammenfügt bis zum Finale.

Pfiffige Bühnenversion von Ken Ludwig

In Feuchtwangen ist die pfiffige, erst vor wenigen Jahren geschriebene Bühnenversion von Ken Ludwig zu erleben. Sie erzählt die bekannte Geschichte flott und mit Mut zum Ulk. Eine feine Facette ist dabei, dass im Theater das Theater zum Thema wird: Weil beinah alle Figuren eine Rolle spielen, um Poirot zu täuschen.

Doch der Detektiv kommt mit seiner legendären Spürnase jedem auf die Schliche. Die Nase zuckt, als er das Betäubungsmittel im Trinkglas des Ermordeten erschnuppert. Aha, der Mann war bewusstlos, als jemand nach Mitternacht achtmal ein Messer in seinen Oberkörper rammte, mal mit Wucht, mal nur ein bisschen. „Fünf tiefe Wündön, drei Kratzer“, konstatiert Hercule Poirot mit Accent, während er hübsch eklig in den Stichkanälen stochert.

Dem Ensemble zuzusehen, macht großen Spaß. Das Timing ist präzis, die Typen sind originell überzeichnet – und alle sind verdächtig: das hysterische Kindermädchen Greta Ohlsson (Jaes Gärtner) ebenso wie die herrische Prinzessin Dragomiroff (Helene Ruthmann), der verhuscht-verdruckste Sekretär Hector MacQueen (Mario Schnitzler) oder der ruppige Oberst Arbuthnot (Joseph Reichelt). Zum mysteriösen Reigen im Erste-Klasse-Wagen gehört zudem die nervöse und doch abgebrühte Erzieherin Mary Debenham, gespielt von Meike Pintaske.

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Ulrich Westermann gibt den distinguierten, aber rasch erregbaren Monsieur Bouc, Leiter des Eisenbahn-Unternehmens. Verständlich, dass er die Beherrschung verliert angesichts des Umstands, dass sein Zug in einer Schneewehe feststeckt, die Vorräte ausgehen, eine Leiche herumliegt und sich ein Mörder im Waggon aufhält. Schaffner Michel (Jan-Hendrik Wagner) steht seinem Chef dienstbeflissen zur Seite, doch auch er hat ein Motiv. Ebenso die selbstbewusste Gräfin Andrenyi (Kirsten Schneider), der Poirot bald verfallen ist.

Die leicht abgetakelte und schwer überdrehte Amerikanerin Helen Hubbard könnte ebenfalls gemordet haben. Sie reist mit riesigem Gepäck sowie Alkohol und Messer im Handtäschchen – eine Paraderolle für Heike Clauss. Songs trällernd bringt sie nicht nur Poirot um den Schlaf, sondern auch den Schuft Samuel Ratchett. Den spielt Michael Grötzsch als aggressiven Widerling – und als deutlich sympathischere, erstaunlich aktive Leiche.

Der Protagonist Poirot ist mit Gerd Lukas Storzer hervorragend besetzt: selbstgefällig und scharfsinnig, dann zweifelnd, die Gräfin anschmachtend und grandios komisch, wenn er die Augen rollt, mit dem stummen „h“ zu kämpfen hat und über „die Wündön“ referiert.

Blick in die Zugabteile

Ob bizarres Chaos im Waggon, Akzent-Geblödel oder entsetzliches Entsetzen in Zeitlupe: Der Regisseur Lennart Matthiesen hat jede Szene genau auf den Punkt gebracht. Die Umbauten mit Koffern, die zu Betten oder Tischen werden, sind so vergnüglich wie überraschend. Mal wird das Publikum mitgenommen in drei Zugabteile gleichzeitig, mal blicken die Zuschauer plötzlich vom schmalen Gang hinein in die Abteile.

Werner Brenner hat den nostalgischen Orientexpress in den Kreuzgang gehievt, zumindest Elemente davon. Der Rest ist Theaterzauber: Unsichtbare Fenster und Türen gehen auf und zu, es schneit, der Zug bremst jäh. Typische Krimimusik der Vergangenheit (Michael Reffi), eingespielte Geräusche und Stimmen, ein Schrei sorgen für Grusel und die an die 1930er Jahre angelehnten Kostüme von Heike Engelbert für Atmosphäre.

Am Ende wird es nachdenklich nach all dem grotesken Spaß: Poirot sinniert über Gerechtigkeit, über Rache, Vergeltung und über seine Entscheidung. Hier schlägt die Produktion den Bogen zum anderen Kreuzgang-Abendstück, zum „Besuch der alten Dame“.


Lara Hausleitner
Lara Hausleitner
Redakteurin für Lokales und Kultur - und Reisende aus Leidenschaft.

"I have never written a word that did not come from my heart. I never shall."
Nellie Bly
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