Kritik an Lohnfortzahlungspraxis: ANregiomed lenkt nun doch ein | FLZ.de | Stage

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Veröffentlicht am 11.09.2025 12:46

Kritik an Lohnfortzahlungspraxis: ANregiomed lenkt nun doch ein

ANregiomed hat auf die anhaltende Kritik reagiert und eine neue Regelung gefunden, wie das Unternehmen mit Langzeitkranken umgeht. (Foto: Evi Lemberger)
ANregiomed hat auf die anhaltende Kritik reagiert und eine neue Regelung gefunden, wie das Unternehmen mit Langzeitkranken umgeht. (Foto: Evi Lemberger)
ANregiomed hat auf die anhaltende Kritik reagiert und eine neue Regelung gefunden, wie das Unternehmen mit Langzeitkranken umgeht. (Foto: Evi Lemberger)

ANregiomed hat auf die Kritik an der eigenen Vorgehensweise bei der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall reagiert. Der Prozess sei „angepasst und klarer kommuniziert”, teilte der Klinikverbund auf Nachfrage mit. Zuvor hatte es auch Druck aus dem Verwaltungsrat gegeben.

42 Tage haben Arbeitnehmende in Deutschland einen Anspruch auf Lohnfortzahlung im Krankheitsfall durch den Arbeitgeber. Wenn im Anschluss eine neue Erkrankung auftritt, starten die 42 Tage von Neuem. Ist jemand länger krank und es handelt sich um dieselbe Erkrankung, springt die Krankenkasse mit Krankengeld ein. Das sind etwa 70 Prozent des Gehalts.

Hohe Kosten für Arbeitgeber

Ob es sich um dieselbe oder um eine neue Erkrankung handelt, erfahren Arbeitgeber durch eine Anfrage an die Krankenkasse. Das geht unkompliziert mit wenigen Klicks in jeder Lohnbuchhaltungssoftware.

ANregiomed hat den Spieß im Frühjahr umgedreht. Nach 42 Krankheitstagen ging ein Schreiben des Dienstleistungszentrums Personalwesen (DLZ HR) raus. Es wurde einfach angenommen, dass es sich um dieselbe Erkrankung handelt. Gegenteiliges sollten Betroffene nachweisen. So wollte ANregiomed bei der Lohnfortzahlung Ausgaben senken und verwies auf die Krankenkassen.

Der Klinikverbund hatte die Verfahrensweise damit begründet, dass für die Entgeltfortzahlungen über den 42. Krankheitstag hinaus allein im vergangenen Jahr 3,66 Millionen Euro an Kosten aufgelaufen sind. 182 Beschäftigte hätten es im Jahr 2024 auf insgesamt 21.070 Fehltage gebracht, an denen die die volle Entgeltfortzahlung floss. Mit dem neuen Verfahren sollte dem entgegengewirkt werden.

Vorwurf der fehlenden Empathie

Das sorgte allerdings für viel Ärger in der Belegschaft. Das Schreiben vom DLZ HR ließ keine Empathie für die Situation der Erkrankten erkennen. Es wurde auch nicht gewertet, wie lange ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin bereits im Unternehmen beschäftigt ist. Die Gewerkschaft Verdi kritisierte dieses Vorgehen als „rechtlich bedenklich” und leitete eine Überprüfung ein.

Inzwischen würden nun nur noch Mitarbeitende kontaktiert, „bei denen wir nicht nachvollziehen können, dass bei ihnen unterschiedliche Krankheiten vorliegen”, erklärte ANregiomed nun auf Anfrage der FLZ. Das Schreiben an die Beschäftigten sei angepasst worden.

Es werde erklärt, „dass der Arbeitgeber bei der gleichen Erkrankung nur sechs Wochen zur gesetzlichen Entgeltfortzahlung verpflichtet ist und der Beschäftigte im Falle einer Überschreitung dann bei der zuständigen Krankenkasse Anspruch auf Krankengeldzahlungen hat und diese dort beantragen muss”.

Die Betroffenen hätten zwei Wochen Zeit, sich zu äußern und entsprechende Nachweise zu erbringen, falls tatsächlich unterschiedliche Erkrankungen vorliegen. „Jeder Vorgang wird durch unser DLZ HR umsichtig und sorgfältig geprüft”, heißt es weiter von der ANregiomed-Pressestelle.

Sollte es keine „nachvollziehbaren Hinweise auf eine neue Erkrankung” geben, werde die Lohnfortzahlung eingestellt und auf das Krankengeld verwiesen. „Unser Ziel war und ist der konstruktive Austausch mit den betroffenen Mitarbeitenden.”

Eine Beschäftigte hatte allerdings erst kürzlich im FLZ-Interview geschildert, dass sie sich bemüht habe, alle Nachweise vorzulegen. Sie habe nicht einmal eine Antwort bekommen, beklagte sie.

Die Vorgehensweise der vergangenen Monate hat nach Informationen der FLZ auch den Verwaltungsrat von ANregiomed beschäftigt. Öffentlich wurde davon allerdings bislang nichts, weil das Gremium stets hinter verschlossener Tür tagt.

Das Thema fällt zwar in die Zuständigkeit der Klinikverwaltung, doch waren Mitglieder des Verwaltungsrates über die Vorgehensweise empört und forderten Klinikvorstand Dr. Gerhard Sontheimer auf, einzuschreiten, zur alten Praxis zurückzukehren und sich bei den Betroffenen zu entschuldigen. Es sei ein Schlag ins Gesicht der Beschäftigten, wenn man ihnen die Lohnfortzahlung vorenthalte. Der Klinikverbund auf motiviertes und engagiertes Personal angewiesen.

Harte Kritik aus dem Verwaltungsrat

Der stellvertretende Verwaltungsrat Johannes Schneider hat das Vorgehen nun in einer Erklärung öffentlich kritisiert und als „erschütternd” bezeichnet. Gerade in einem Krankenhaus sollten die Beschäftigten darauf vertrauen können, „im Krankheitsfall Rückhalt zu erfahren”. Schneider: „Es geht nicht um Zahlen, sondern um Menschen, die seit Jahrzehnten mit Einsatz und Hingabe arbeiten.”

Man dürfe nicht „wegen weniger Ausnahmen” alle unter Generalverdacht stellen und „mit einer Praxis bestrafen, die Loyalität und Motivation untergräbt”. Aus Sicht des Bürgermeisters von Adelshofen sei nun „eine klare und ehrliche Entschuldigung des Vorstands” angebracht. „Nur durch einen respektvollen und fairen Umgang lässt sich verlorenes Vertrauen wieder aufbauen und neue Zuversicht schaffen.”

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