Leere Tempel in Angkor: Kambodschas Welterbe in der Krise | FLZ.de | Stage

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Veröffentlicht am 27.05.2026 00:08

Leere Tempel in Angkor: Kambodschas Welterbe in der Krise

Touristenflaute am Tempel: Das Angkor-Weltkulturerbe ist derzeit wenig besucht - auch der zugehörige Tempelberg Bakong. (Foto: Carola Frentzen/dpa-tmn)
Touristenflaute am Tempel: Das Angkor-Weltkulturerbe ist derzeit wenig besucht - auch der zugehörige Tempelberg Bakong. (Foto: Carola Frentzen/dpa-tmn)
Touristenflaute am Tempel: Das Angkor-Weltkulturerbe ist derzeit wenig besucht - auch der zugehörige Tempelberg Bakong. (Foto: Carola Frentzen/dpa-tmn)

Die steinernen Gesichter des Bayon-Tempels in der antiken Stadt Angkor Thom lächeln seit Jahrhunderten in alle Richtungen – doch an diesem Morgen gibt es kaum jemanden, der zurücklächelt. In der weltberühmten Anlage in Kambodscha, die wie die anderen Tempel von Angkor seit 1992 zum Weltkulturerbe der Unesco gehören, ist es eigenartig still. 

Auch in Angkor Wat - dem im 12. Jahrhundert erschaffenen größten religiösen Bauwerk der Welt - bestaunen nur wenige Hundert Schaulustige den Sonnenaufgang. Ein menschenleeres Selfie des „achten Weltwunders“ aus der ersten Reihe, mit den fünf ikonischen Türmen im Hintergrund, ist derzeit kein Problem. 

„Ich habe mit viel mehr Gedränge gerechnet, schließlich ist dieser Tempel ja für viele ein absolutes Sehnsuchtsziel“, sagt eine junge Touristin aus Nordrhein-Westfalen. Sie schaut sich überrascht um.

Tomb-Raider-Tempel ohne Touristen

Im vom Dschungel überwachsenen Ta Prohm herrscht ebenfalls Flaute. Ein einzelnes Pärchen posiert vor den gewaltigen Baumwurzeln, die sich wie riesige Schlangen über Mauern und durch Fensteröffnungen winden.

In der Nähe führt ein Guide eine Familie aus Frankreich in die Geheimnisse der mystischen Steinruinen ein. Größere Touristengruppen? Fehlanzeige. „Man hat derzeit die meisten Tempel fast für sich alleine. Als ich vor 15 Jahren zum ersten Mal hier war, musste man für jedes Foto Schlange stehen“, sagt eine Deutsche. 

Gerade Ta Prohm, der 2001 als Filmkulisse für den Blockbuster „Lara Croft: Tomb Raider“ mit Angelina Jolie diente, und seitdem auch „Lara-Croft-Tempel“ genannt wird, hatte einst einen Touristenansturm ausgelöst. Überhaupt gehörte der spektakuläre archäologische Park jahrzehntelang zu den Traumzielen der Welt. Was ist da los?

Grenzkonflikt mit Thailand

„Der wieder aufgeflammte Grenzkonflikt zwischen Thailand und Kambodscha im letzten Jahr ist sicher der Hauptgrund für den Besucherrückgang. Viele haben Angst“, sagt der örtliche Reiseleiter Sin Peng. Der uralte Zwist zwischen den Nachbarn schwelt schon seit der Kolonialzeit. Im vergangenen Juli kam es zu schweren Gefechten, die im Dezember eskalierten. Es gab Tote auf beiden Seiten - darunter auch Zivilisten.

Es geht um Geschichte und Stolz - und den Verlauf der 800 Kilometer langen Grenze. Immer wieder entzündet sich der Konflikt an den Ruinen des über 1.000 Jahre alten Tempels Preah Vihear, den beide Länder als kulturelles Erbe betrachten. 

Was müssen Touristen wissen?

Die Kämpfe fanden Hunderte Kilometer von den Angkor-Tempeln entfernt statt und wurden dank einer Waffenruhe nach kurzer Zeit wieder eingestellt. Aber viele Reisende waren und sind dennoch verunsichert. Auch bleiben alle Landübergänge bis auf weiteres geschlossen.

Für Touristen gilt die Region um Siem Reap aber als sicher. Auch vom Auswärtigen Amt gibt es ausschließlich eine Reisewarnung für das unmittelbare Grenzgebiet zu Thailand - das mehr als 200 Kilometer weiter nördlich liegt. Von dem Konflikt ist für Tempel-Urlauber derzeit nichts zu spüren. Es gelten aber natürlich die üblichen Vorsichtsmaßnahmen, so etwa, größere Menschenansammlungen zu meiden und sich vor Dieben und Betrügern in Acht zu nehmen. 

Mehrere Ursachen für die Flaute

Laut der staatlichen Agentur Angkor Enterprise brachen die Besucherzahlen im ersten Quartal 2026 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um mehr als 30 Prozent ein. Dabei gilt gerade die Zeit von Januar bis März mit ihren noch angenehmen Temperaturen eigentlich als Hochsaison in Siem Reap, der Provinzhauptstadt, vor deren Toren Angkor Wat liegt.

Es gibt neben dem Grenzkonflikt noch andere Faktoren, die für den Einbruch verantwortlich sind: Kriege und Konflikte in aller Welt, der zunehmende wirtschaftliche Druck und steigende Flugpreise bremsten ebenfalls die Reiselust, wie die Zeitung „Khmer Times“ berichtete. 

Aber auch der neue Flughafen östlich von Siem Reap trägt eine Mitschuld, ist Reiseführer Sin Peng überzeugt. Fragt man Hotelangestellte oder Restaurantbesitzer in der Pub Street - dem Herzstück des Nachtlebens von Siem Reap - pflichten sie ihm bei. 

„Der Airport ist einfach zu weit weg, was die Fahrt zum Hotel extrem teuer macht“, sagt der Fahrer eines Remorque. So heißen die traditionellen Motorrad-Tuk-Tuks in Kambodscha, die für kurze Strecken innerhalb von Siem Reap überall bereitstehen. Auch ihr Geschäft gerät unter Druck. Für eine 15-minütige Fahrt zu einem Nachtmarkt nimmt der Mann selbst gerade einmal einen US-Dollar. So groß ist die Verzweiflung gerade. Ein Tipp für Touristen: Eine Fahrt im Remorque macht nicht nur Spaß, sondern hilft auch den selbstständig arbeitenden Fahrern und ihren Familien.

Seit den 1990er-Jahren ist der US-Dollar übrigens zur Stabilisierung der Wirtschaft die wichtigste Währung in dem armen Land - neben dem kambodschanischen Riel. Auch die Bankautomaten spucken allerorts beide Währungen aus. In touristischen Gebieten sind die Preise fast überall in Dollar ausgezeichnet.

Gähnende Leere im neuen Flughafen

Aber zurück zum Flughafen: Der Siem Reap Angkor International Airport ist seit Oktober 2023 in Betrieb und hat den früheren, nur acht Kilometer von Siem Reap liegenden Flughafen ersetzt. Grund für den von China finanzierten, milliardenteuren Neubau war zum einen der Schutz der Tempel vor Vibrationen und Fluglärm. 

Zum anderen ging die Regierung davon aus, dass der alte Flughafen bald aus allen Nähten platzen würde. Doch sie sollte sich täuschen: Der Tempel-Tourismus hat sich seit der Corona-Pandemie nie wirklich erholt. Statt geschäftigem Treiben herrscht in den weitläufigen Hallen des neuen Airports ebenfalls oft Leere. 

Das hat auch damit zu tun, dass es keine Direktflüge aus Europa zum Unesco-Welterbe gibt. Ein Blick auf die Ankunftstafel zeigt: Sämtliche Maschinen kommen aus asiatischen Metropolen wie Bangkok, Kuala Lumpur oder Singapur – ein internationales Drehkreuz sieht anders aus. Einen leckeren Kaffee und Shops gibt es dennoch.

Nach der umständlichen Anreise läppern sich dann die Kosten: Für die Taxifahrt ins Hotel in Siem Reap werden schnell mehr als 35 Dollar fällig, manche Hotels verlangen für den privaten Transport noch weit mehr. Rechnet man dann noch das Drei-Tages-Ticket für die Tempelanlagen von 62 Dollar pro Person hinzu, summiert sich das schnell zu einem stattlichen Gesamtpreis.

Unvergessliche Erfahrung für Tempel-Fans

Für die, die sich derzeit auf den Weg machen, halten die steinernen Zeugnisse der Khmer-Kultur aber ein großartiges Erlebnis parat. Angkor Wat, Bayon, Ta Prohm und all die anderen atemberaubenden Tempel so leer zu erkunden und in Ruhe durch ihre lichtdurchfluteten, vom Dschungel umarmten Ruinen zu spazieren, ist eine unvergessliche Erfahrung. 

Links, Tipps, Praktisches:

Anreise: Flüge von Deutschland nach Siem Reap (SAI) sind nur mit mindestens einem Zwischenstopp möglich. Oft werden Drehkreuze wie Bangkok, Singapur oder Kuala Lumpur genutzt mit Fluggesellschaften wie Thai Airways und Singapore Airlines. 

Einreise: Deutsche Staatsangehörige benötigen laut Auswärtigem Amt ein Visum, das elektronisch beantragt werden kann (www.evisa.gov.kh). Kosten: 30 Dollar für drei Monate. Zudem müssen sich Reisende vor Ankunft registrieren (https://arrival.gov.kh). 

Tempeltouren: Die Tickets für den Angkor Archeological Park kosten 37 US-Dollar für einen Tag, 62 US-Dollar für drei Tage und 72 US-Dollar für sieben Tage, also zwischen gut 30 und gut 60 Euro. Offiziell sind sie über das Angkor Enterprise Portal (angkorenterprise.gov.kh) online erhältlich. Alternativ können Tickets persönlich am Angkor Park Ticket Counter etwa vier Kilometer von Siem Reap entfernt gekauft werden. Touren können an der Hotelrezeption oder online bei Veranstaltern gebucht werden. Man kann die Tempel aber auch auf eigene Faust besichtigen.

Klima: Die beste Reisezeit für die Region ist die Trockenzeit von November bis März, da die Temperaturen angenehmer sind und meist die Sonne scheint. Danach wird es sehr heiß. Von August bis Oktober herrscht Regenzeit.

Weitere Infos: www.tourismcambodia.com; www.auswaertiges-amt.de/de/reiseundsicherheit/kambodschasicherheit-220008

© dpa-infocom, dpa:260526-930-132823/1


Von dpa
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