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Veröffentlicht am 23.07.2026 03:54

Lifestyle ohne Lasten: Unterwegs mit einem City-Retro-Bike

Schicke Erscheinung: Dank Chrom und Leder wirkt das Van Stael schick und retro. (Foto: Stefan Weißenborn/dpa-tmn)
Schicke Erscheinung: Dank Chrom und Leder wirkt das Van Stael schick und retro. (Foto: Stefan Weißenborn/dpa-tmn)
Schicke Erscheinung: Dank Chrom und Leder wirkt das Van Stael schick und retro. (Foto: Stefan Weißenborn/dpa-tmn)

Starrgabel, Stahlrahmen, straighter Look: So stellt man sich ein Retro-Bike vor. Gegenüber Alu lässt sich der Rahmen filigraner fertigen, die dünnen Rohre allein schon wirken elegant. Kommen dann noch chromblitzende und lederne Applikationen ans Rad, sind auch neugierige Blicke gesichert.

Die Frage bei solchen Fahrradmodellen drängt sich aber auf: Wenn die äußerliche Erscheinung so augenfällig wichtig ist, wie steht es dann um die inneren Werte? Große Klappe, nichts dahinter? Wir haben dem Retro-Bike Gazelle Van Stael auf den Zahn gefühlt.

Der Einsatzzweck

Hersteller Gazelle zählt das Modell zur Kategorie der Citybikes, der Stadträder also. Produktmanager Mathieu Knaven sagt: „Das Van Stael steht für das, wofür Gazelle seit über 130 Jahren bekannt ist: klare Linien, präzise Verarbeitung, ein komfortables Fahrgefühl, das sofort überzeugt.“ Es sei gemacht „für den urbanen Alltag, kurze und mittlere Strecken, den Weg zur Arbeit oder einfach eine entspannte Runde durch die Stadt.“Die Gazelle-Website ergänzt: „Und auch, um damit gesehen zu werden.“ Dass der Look zum Verkaufsargument wird, sieht man an der anderen Bezeichnung, die der niederländische Hersteller aufgreift: Lifestyle-Rad. Während bei City-Modellen schon mal die Genregrenzen zum Trekkingbike verwischen und als Reiserad-light für Wochenendtrips und Gepäcktaschentransport geeignet sind, zieht das Gazelle-Rad hier eine klare Linie.

Die Technik 

Die Äußerlichkeiten, die Gazelle zum Wesensmerkmal erklärt, zeigen sich schon beim Rahmen und dessen Herstellung: Die Rohre des Stahlrahmens sind mit Muffen im Retro-Look ineinandergefügt und verlötet, klassisches Verfahren. Bei der Rahmengeometrie habe ein Modell von der Tour de France des Jahres 1915 als Inspirationsquelle gedient.Dass mit dem Rad die Vergangenheit beschworen wird, ist auch kostentechnisch von Vorteil: Bauteile, die moderner und teurer wären, verbieten sich aus Stilgründen. So sind weder Scheibenbremsen an Bord noch Carbonriemen. Stattdessen verzögern vorn wie hinten Felgenbremsen der Bauart V-Brake, die an neuen Rädern selten geworden und an E-Bikes so gut wie gar nicht mehr vorhanden sind.Klassisch von den Pedalen und Kurbeln über das Kettenblatt überträgt eine Kette die Kraft ans Hinterrad - was auch den größeren Kettenschutz erklärt, der optisch wirksam die gleiche Farbe wie der Rahmen trägt: wahlweise Khaki oder Blau, glänzend immer.Für die Gangwechsel sorgt eine Nabenschaltung mit sieben Gängen, die bewährte Nexus von Shimano mit allerdings eher groben Übersetzungssprüngen zwischen einzelnen Stufen - mitunter zu groß zumindest für den sportlichen Anspruch, der der Hersteller auch erhebt, wenn er von einem Racer spricht.

Der Fahreindruck 

Was man sagen muss: Wendig ist das Bike und damit doch irgendwie sportlich. Dafür sorgen der kurze Radstand von 1,05 Metern, mehr aber noch der geringe sogenannte Nachlauf mit einem Lenkwinkel von steilen 73 Grad: Vereinfacht gesprochen steht die Gabel recht steil, was Lenkbewegungen schon mal Haken folgen lässt.Zumindest gewöhnungsbedürftig ist das direkte Lenkverhalten - zum Beispiel beim Umstieg von einem Reiserad oder Mountainbike mit auf Laufruhe ausgelegter Rahmengeometrie.Passend dazu die Sitzhaltung: Die ist dank positiver Überhöhung - der Sattel höher als der Lenker - sportiv gebückt. Die Schaltung arbeitet verlässlich. Wer aber moderne Getriebesysteme gewöhnt ist, die ein Schalten auch unter voller Last vertragen, muss sich erst wieder daran gewöhnen, beim Betätigen der Daumenhebel kurz Druck von den Pedalen zu nehmen - sonst nimmt die grundlegend wartungsarme Technik die Befehle nicht sauber an und auf Dauer Schaden.Gleiches bei den Bremsen: Sie tun's, sind aber nicht State-of-the-Art, was sich gegenüber Scheibenbremsen am weniger bissigen Zupacken zeigt. Wer nur die verordneten Wege in der Stadt mit dem Van Stael bestreitet, dürfte sowohl mit der Bremsleistung als auch der Bandbreite und den Abstufungen der Schaltung zurechtkommen, wenn es nicht zu bergig wird.Irgendwann vermisst man feinere Abstufungen, andererseits darf man das Moderfahrrad Van Stael nicht wirklich an einem Rennrad oder Mountainbike messen, das für ernst gemeinten Sporteinsatz gedacht ist und nicht nur flott wirken soll. Apropos wirken: Man mag kaum glauben, dass das Gazelle auf 28- und nicht 26-Zoll-Rädern rollt. Es ist so kompakt, dass man es als Objekt im Stand, aber auch im Betrieb als klein und kurz empfinden kann.

Weitere Bauteile, Zubehör, Peripherie

Die Schutzbleche, da nicht aus Kunststoff gemacht, verdienen ihren Namen noch und haben ebenso wie die Reifen ihren Anteil am Old-School-Look: Die einen aus chromglänzendem Stahl, die anderen aus einer beigefarbenen Gummimischung, die jedem Oldtimer gut stehen wurde. Selbst die Klingel ist aus Stahl und blitzt in der Sonne ebenso hell, wie sie bei Betätigung klingt. Weitere i-Tüpfelchen sind Sattel und Lenkergriffe - beide aus hellbraunem Leder und hochwertig in der Verarbeitung.Doch es gibt Lücken in der Perfektion: Das Sattelrohr setzt nach kurzer Zeit Rost an, und eine Beleuchtung fehlt im Lieferumfang ebenso wie ein bei einem Stadtrad eigentlich obligatorischer Gepäckträger.Ein Reflektor verziert das Schutzblech hinten, weitere werden mitgeliefert, um wenigstens in dieser Hinsicht der Straßenverkehrs-Zulassungs-Ordnung (StVZO) zu genügen, die diverse Reflektoren vorschreibt - aber eben auch Lichter vorn und hinten, die man nachrüsten muss. Mehr Ausstattung hätte das Bike stilistisch verwässert, und teurer gemacht. Und schwerer: Mit 14,8 Kilo ist das Rad angenehm handlich, wenn auch kein Leichtbauprodukt.

Der Preis 

Als Brot- und Butter-Fahrrad gilt das Van Stael bei Hersteller Gazelle, also ein für Kunden preislich attraktives Modell, das gut verkauft wird und dabei etwas abwirft. Bedeutet hier: ab 999 Euro kostet das Fahrrad offiziell. Es gibt es mit klassischem Herrenrad-Oberrohr, aber auch als Step-Through-Variante mit abgesenktem Doppelstreben-Oberrohr, das bis zur Hinterradnabe durchläuft, gibt. Auch als Mixte-Rahmen kennt man diese Bauart.

Das Fazit

Das Rad ist ein Hingucker, und Wunsch (Herstellerbeschreibung) und Wirklichkeit (Fahreindruck) gehen kaum auseinander. Allerdings leidet der Pragmatismus, den man von einem Citybike erwarten darf, unter der retro-modischen Stringenz. Aber auch hier erweckt Hersteller Gazelle kaum falsche Erwartungen, wenn er von einem Lifestyle-Rad spricht. Es kommt wie immer darauf an, was der Kunde sich erwartet.

© dpa-infocom, dpa:260723-930-424190/1


Von dpa
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