Mantrailer auf der Suche: Die Teams mit den Superspürnasen | FLZ.de | Stage

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Veröffentlicht am 19.08.2023 15:00

Mantrailer auf der Suche: Die Teams mit den Superspürnasen

Aveline ist mit ihren neun Jahren schon ein „alter Hase“. Sie hatte den „Vermissten“ zügig gefunden, der ihr die von Eberhard Zentgraf zuvor überreichte Belohnung geben durfte. Die war schnell verspeist. (Foto: Ute Niephaus)
Aveline ist mit ihren neun Jahren schon ein „alter Hase“. Sie hatte den „Vermissten“ zügig gefunden, der ihr die von Eberhard Zentgraf zuvor überreichte Belohnung geben durfte. Die war schnell verspeist. (Foto: Ute Niephaus)
Aveline ist mit ihren neun Jahren schon ein „alter Hase“. Sie hatte den „Vermissten“ zügig gefunden, der ihr die von Eberhard Zentgraf zuvor überreichte Belohnung geben durfte. Die war schnell verspeist. (Foto: Ute Niephaus)

Viel los ist auf dem Parkplatz in der Ortsmitte von Obermichelbach (Kreis Fürth). In jedem der eintrudelnden Autos sitzen ein bis zwei Hunde. Ihre Herrchen kennen sich. Sie treffen sich regelmäßig mit ihren Tieren, die zu Personenspürhunden – Mantrailern – ausgebildet werden. Einige haben die Prüfung bereits geschafft.

Andere müssen hingegen noch kräftig üben. Aveline ist die Älteste und Erfahrenste in der vierbeinigen Runde. Sie und ihr Herrchen Eberhard Zentgraf von der BRK-Rettungshundestaffel im Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim sind ein eingespieltes Team. Sie haben schon etliche erfolgreiche Einsätze hinter sich. Mit dabei hat Zentgraf noch Niyol. Er ist sechs Jahre alt.

Die Jüngsten sind noch in der Ausbildung

Noch einiges zu lernen haben die Jüngsten, zu denen Gretchen gehört, die ein Team mit Matthias Werner bildet. Und Christian Scharrers Cody. Krümel ist hingegen eigentlich ein ausgebildeter Flächensuchhund und hat bereits Einsätze gemeistert. Seit rund neun Monaten trainiert sein Herrchen mit ihm jetzt noch das Mantrailing. „Das passt besser zu ihm“, sagt Claus Böhm, der die weiteste Fahrt hinter sich hat. Er gehört zum ASB Kronach und nimmt regelmäßig an den Trainings teil.

Auch die anderen sind bereit, für ihr ehrenamtliches Engagement erhebliche Strecken auf sich zu nehmen und viel Zeit zu investieren. „Man muss dafür brennen, sonst macht man es nicht“, stimmen alle überein. Egal, ob Schnee, Regen, Kälte oder Hitze: Stetiges Üben ist unabdingbar. „Die Ausbildung eines Mantrailer-Teams dauert rund zweieinhalb bis drei Jahre“, sagt Eberhard Zentgraf.

Schwere Prüfung alle zwei Jahre

Eine lange Zeit. Sie zählt in der Rettungshundeausbildung zu den schwierigsten Aufgaben. Hinzu kommt, dass nur rund 25 bis 30 Prozent der Teams, die zur Prüfung antreten, diese auch bestehen. Außerdem muss sie alle 24 Monate wiederholt werden. Sonst dürfen die Duos nicht zu Einsätzen ausrücken.

„Es muss alles passen. Der Hund muss den Arbeitswillen, die Ausdauer und die notwendigen Nasenfähigkeiten mitbringen.“ Aber auch vom Hundeführer wird einiges gefordert: Engagement und Durchhaltevermögen. Dass sie das besitzen, stellt die Gruppe in Obermichelbach seit Jahren unter Beweis. Hund und Hundeführerin oder Hundeführer müssen, so Zentgraf und Andreas Röhr (Staffel Mittelfranken), eng zusammenarbeiten.

„Man muss den Hund lesen können“, erklärt Zentgraf. „Man muss ihm vertrauen, weil nur er die Nase hat, um die Geruchsspur zu verfolgen.“ Gleichzeitig heißt es für den Menschen aber auch, zu erkennen, wann sein Vierbeiner Probleme hat und Unterstützung braucht.

Unsichtbare Band zum Hund

Wie dies funktioniert, das ist in Obermichelbach erkennbar – als es gilt, nach und nach Personen, die sich versteckt haben, zu finden. Hier zeigt sich, wie das unsichtbare Band zwischen Hund und Führer funktioniert. „Das muss man sich erst erarbeiten“, weiß Röhr. Es dauert Jahre, bis man ein Dream-Team ist.

Röhr schüttet gerade Babypuder aus einem Fläschchen, um festzustellen, woher der Wind weht. Derweil dreht einer der Hunde eine kleine Runde, bis er die richtige Fährte zum „Vermissten“ einschlägt. Ab und zu schauen Anwohner neugierig, was es mit den vielen Hunden und ihren mit orangefarbenen Westen versehenen Haltern so auf sich hat. „Kann ich helfen?“, fragt einer. „Alles okay. Wir üben nur“, lautet die Antwort.

Während Flächen- und Trümmersuchhunde nach jeglicher menschlicher Witterung im Wald oder auf den Trümmern suchen, um eine vermisste Person zu finden, arbeitet der Personenspürhund mit dem Individualgeruch eines Menschen. Diesen bekommt er auch beim jüngsten Training über einen Geruchsträger präsentiert.

Geruch so unverwechselbar wie ein Fingerabdruck

Mit einem Tuch wischen sich die zu Suchenden über die Haut. Danach stecken die Hundeführer das Tuch in einen Gefrierbeutel oder in ein Schraubglas. Als Geruchsträger kann alles verwendet werden, was die vermisste Person berührt oder getragen hat. Für einen Hund sind die Geruchspartikel so unterschiedlich wie ein Fingerabdruck.

Bevor sich das Mensch-Hund-Duo auf die Suche macht, taucht der Vierbeiner seine Nase in das Behältnis. Zuvor wurde ihm das Geschirr übergestreift, das er nur im Einsatz trägt. Dann wird noch die rund sechs Meter lange Leine festgemacht. Jetzt wissen Krümel, Aveline und Co., dass die Arbeit ruft. Über die Leine hält der Hundeführer den Kontakt zu seinem Teamgefährten und sichert ihn gleichzeitig. So merkt der Mensch auch, was das Tier tut, wenn er es nicht direkt anschaut, weil er etwa den Straßenverkehr oder die Umgebung beobachtet oder es schlichtweg dunkel ist.

Wie das alles funktioniert, kann man bei den Such-Runden gut erleben, die die Teams nach und nach absolvieren. Jeder kommt an die Reihe – alle werden fündig. Der einzige Unterschied: Die alten Hasen im Geschäft sind schneller am Ziel und somit bei der Belohnung. Käse, Fleischstückchen, Würstchen. Ratzfatz ist alles verschlungen.

80 bis 100 Einsätze Jahr für Jahr

In Mittelfranken gibt es laut Zentgraf jährlich rund 80 bis 100 Alarmierungen für die Rettungshunde, zumeist fordert die Polizei Personenspürhunde an. Derzeit gebe es davon sechs einsatzfähige Teams. Als Einsatzgebiet nennt Zentgraf Städte und Dörfer. Denn dort sind Flächensuchhunde nicht einsetzbar, da sich dort viele Menschen aufhalten und die Spuren verwischen. Mantrailer und Flächensuchhunde sollen sich ergänzen. Eine ideale Kombination.

Findet der Mantrailer eine Spur, die etwa aus einem Wohngebiet in den nahen Wald führt, können die tierischen Kollegen der anderen Fraktion das Forstareal schnell und effektiv absuchen. So arbeitet man Pfote in Pfote. In Obermichelbach ist es inzwischen spät und dunkel geworden – Zeit nach Hause zu fahren und sich auszuruhen. Bis zur nächsten Woche. Dann sieht man sich wieder– beim nächsten Training mit den Superspürnasen.

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