Alle nicken, keiner widerspricht und zwei Wochen später hat jeder eine andere Version dessen im Kopf, was entschieden wurde. Oder gar keine mehr. Dieses Phänomen hat einen Namen: Meeting-Amnesie. Was dahintersteckt und wie man im Arbeitsalltag gegensteuert.
„Meeting-Amnesie beschreibt das Phänomen, dass ein Team ein Meeting verlässt, scheinbar einig ist – alle nicken, keiner widerspricht – und zwei Wochen später jeder eine andere Version der 'getroffenen Entscheidung' im Kopf hat. Oder schlimmer: gar keine mehr“, sagt Eva Schulte-Austum. Für die Wirtschaftspsychologin und Unternehmensberaterin gibt es klassische Erkennungszeichen:
Oft kommen mehrere Faktoren zusammen, wenn Inhalte aus Meetings wenige bis keine Auswirkungen haben:
In ihrer Rolle als Unternehmensberaterin hat Schulte-Austum einige typische Fälle identifiziert. In großen Konzernen mit vielen Hierarchieebenen dienen Meetings häufig eher der Absicherung statt der Entscheidung: „Wer nichts entscheidet, kann nichts falsch machen – und folglich prägt sich auch nichts ein.“
Besonders anfällig sind außerdem Unternehmen in Transformationsprozessen – also in Phasen tiefgreifender struktureller Veränderungen, etwa durch Digitalisierung oder Marktverschiebungen. Die emotionale Anspannung sei hoch, die Informationsdichte enorm: „Das Gehirn wählt aus – und lässt vieles fallen“, so Schulte-Austum.
Auch die Arbeit im Homeoffice und der Austausch über digitale Kanäle kann Vergessen begünstigen. „Im Videocall fehlt der räumliche Anker. Neurowissenschaftlich betrachtet braucht das Gedächtnis Kontextreize – ein Geruch, ein Raum, ein Gesicht“, sagt Schulte-Austum. Wenn diese Reize fehlen, könne das Gehirn auch weniger speichern.
Zunächst brauche es eine Atmosphäre, in der sich Mitarbeitende trauen, offen zu sprechen – auch unbequeme Fragen zu stellen oder unfertige Ideen einzubringen, empfiehlt Greta Silver. Nur so lasse sich sicherstellen, dass Entscheidungen wirklich verstanden und verankert werden.
Konkret schlägt Silver vor, Konferenzen auch mal ungewöhnlich zu beginnen, etwa mit Fragen wie „Worüber regt ihr euch hier wirklich auf?“, „Was blockiert euch?“ oder „Welche Idee wurde hier vielleicht viel zu früh aufgegeben?“.
Auch wichtig: Ideen sollten nicht sofort zerredet werden. „Nicht: Das hatten wir schon mal. Sondern: Warum hat es damals nicht funktioniert? War die Idee falsch – oder nur der Blick darauf?“, so Silver.
Eva Schulte-Austum rät zum „Wer macht was bis wann“-Satz. Am Ende jedes Meetings lässt die Führungskraft reihum jeden Beteiligten in einem Satz zusammenfassen: „Ich nehme mit: X. Ich erledige: Y. Bis: Z.“
Das kostet im besten Fall wenig Zeit, bringt aber viel. „Es ist neuropsychologisch hocheffizient – denn: Wenn ich etwas laut ausspreche, verankere ich es tiefer im Gedächtnis als wenn ich es nur höre“, so die Wirtschaftspsychologin. Außerdem decke eine solche Runde sofort auf, wenn jemand eine völlig andere Vorstellung des Besprochenen hat als der Rest des Teams.
Meeting-Amnesie ist kein reines Führungsproblem. Auch wer nicht den Hut aufhat, kann aktiv gegensteuern. Dafür sind klare Zuweisungen und Verantwortlichkeiten entscheidend. Die einzufordern liegt nicht allein bei Vorgesetzten. Silver erklärt: „Die Energie eines Unternehmens verändert sich. Menschen hören anders zu, wenn sie nicht mehr Zuschauer, sondern Mitgestalter sind.“
Das bedeutet im Alltag: nachhaken, wenn etwas unklar bleibt. Eigeninitiative zeigen, wenn Aufgaben im Raum stehen, aber niemand sie übernimmt. Und nach dem Meeting kurz schriftlich festhalten, was man selbst mitgenommen hat. Das schützt vor der eigenen Vergesslichkeit und schafft Verbindlichkeit im Team.
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