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Veröffentlicht am 08.11.2024 16:31, aktualisiert am 09.11.2024 16:51

Mordversuch in Ansbach: Ex des Opfers erzählt von brutaler Vorgeschichte

Am 3. Oktober hat ein 47-jähriger Mann einen 28-Jährigen in Ansbach niedergestochen. Der Mann sitzt derzeit in U-Haft, für die Staatsanwaltschaft geht es um versuchten Mord. Wer verstehen will, wie es zu diesem verhängnisvollen Aufeinandertreffen der beiden Männer kam, sollte die Geschichte einer Frau kennen: die der 27-jährigen Susanna.

Susanna heißt in Wahrheit anders. Wir haben ihr diesen Namen gegeben, um sie und ihr Baby zu schützen. Sie erzählt der FLZ ihre Geschichte, um Frauen, die Gewalt in ihrer Partnerschaft erleben, Mut zur frühzeitigen Trennung zu machen. Der Mann, der zugestochen hat, ist ihr Stiefvater. Sie will seine Tat nicht entschuldigen, aber öffentlich machen, wie es am Ende einer gescheiterten Beziehung dazu kam.


„Wir haben viel zusammen gelacht. Es gab ja nicht nur schlechte Zeiten.”

Susanna

Susannas Geschichte beginnt vor einem guten Jahr. Damals lernte sie vor einer Bar einen Mann kennen. „Das war nichts Spektakuläres“, erinnert sie sich. Die beiden trafen sich wieder, er kam zu Besuch. Er schien ein netter Mensch zu sein. „Er hat viel geholfen, hat aufgeräumt“, schildert die junge Frau die Anfänge. „Ich wurde dann schnell schwanger und er ist geblieben“. Susanna dachte, sie könnten zusammen eine Familie gründen.

Dann nahm die negative Entwicklung schleichend ihren Lauf. Zunächst mit „komischen Ausflippern“. „Das war aber noch nicht so extrem schlimm, dass es in mir ausgelöst hat, dass ich gehen muss“, meint die junge Frau rückblickend. Er habe sie „viel vollgequatscht, dass es ihm leidtut. Viele Frauen kennen das“. Doch schon bald gab es Manipulationen. Aus diesen wurden irgendwann Drohungen gegenüber Susanna und ihrer Familie. Sie war hin- und hergerissen zwischen versuchten Trennungen und neuen Anläufen, um die Beziehung zu retten.

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Schließlich wünschte sie sich eine Familie, nicht zuletzt, weil sie ihren eigenen Vater früh verloren hat. „Ich habe auch die guten Seiten gesehen. Wir haben viel zusammen gelacht. Es gab ja nicht nur schlechte Zeiten“.


„Da waren so viele Warnsignale, aber ich war komplett verblendet.”

Susanna

Anfang des Jahres hatte der werdende Vater eine Psychose, möglicherweise wegen seiner Drogenabhängigkeit. „Er hat drei Tage lang nicht geschlafen und hat mir daheim das Leben zur Hölle gemacht“. Bei einer Auseinandersetzung stahl er ihr Handy. Sie schob ihn mit aller Kraft aus der Wohnung und rief die Polizei an. „Scheinbar gab es einen Haftbefehl. Jedenfalls haben die ihn mitgenommen.“

„So blöd, wie ich war, hab’ ich ihn besucht. Er tat mir leid, weil er sich entschuldigt hat“. Er meinte, er habe eingesehen, was er getan hat. Er sei in dem Moment nicht er selbst gewesen. Dann sei er entlassen worden, weil sie ihn in ihrer Wohnung anmeldete.

Er bekam aber die Auflage, sich jeden Mittwoch bei der Polizei zu melden. Oft sei er gar nicht hingegangen, manchmal zwei- oder dreimal hintereinander. Das habe aber niemand interessiert, ebenso wenig, wenn er am falschen Tag kam. „Da hat keiner was unternommen, das verstehe ich nicht“, meint Susanna.

Polizeikommando rückte an und brach die Tür auf

„Es war auch irgendwie meine Schuld, dass ich ihn oft zurückgeholt habe“, glaubt sie heute. „Da waren so viele Warnsignale, aber ich war irgendwie komplett verblendet.“ Am Ende war es eine „Vollkatastrophe“. Einmal musste während der Schwangerschaft sogar ein Polizeikommando anrücken und die Tür aufbrechen. Das Amtsgericht Ansbach erließ im August einen Strafbefehl in Höhe von 90 Tagessätzen, weil er seine hochschwangere Lebensgefährtin mehrfach mit der Hand ins Gesicht geschlagen hatte.

Nach der Geburt des gemeinsamen Kindes wurde es richtig schlimm. Er versuchte mit „Psychospielen“, einen Keil zwischen Susanna, ihre Familie und Freunde zu treiben. „Durch die Geburt meiner Tochter habe ich gemerkt: Irgendwas stimmt hier gar nicht.“ Danach konnte er Susanna nach deren Einschätzung nicht mehr so gut manipulieren, weil er merkte, dass sie gehen wollte. Schon zuvor war sie immer wieder vor der Gewalt ihres Partners zu ihrer Mutter geflohen.

Er stand mit dem Messer vor seiner Partnerin

Wenn das Baby schrie, gab er ihr die Schuld. Er änderte sich noch einmal massiv und wurde immer aggressiver, stand auch schon mit einem Messer vor Susanna. „Ich konnte nicht einfach so die Wohnung verlassen.“ Immer musste sie einen Grund haben, immer wollte er wissen, wohin sie geht.

Aber Susanna wurde bewusst: „Jetzt geht es nicht nur um mich, sondern auch um mein Kind“. Es war schwierig, zu entkommen. „Es klingt blöd, aber es war sicherer mit ihm. Dann hab’ ich es abbekommen und nicht meine Familie und Freunde.“

Bei der Polizei traute sie sich nicht anzurufen, weil sie Angst wegen des Jugendamts hatte. „Vom Jugendamt hört man, die nehmen dir die Kinder weg. Wenn die mit involviert sind, dann hast du ein Problem.“ In Wahrheit sei das aber gar nicht so: „Ich habe die jetzt an meiner Seite und die helfen mir total.“

Die Staatsanwaltschaft Ansbach geht von einem heimtückischen Angriff auf einen Fußgänger in der Schalkhäuser Landstraße aus. (Foto: Tizian Gerbing)
Die Staatsanwaltschaft Ansbach geht von einem heimtückischen Angriff auf einen Fußgänger in der Schalkhäuser Landstraße aus. (Foto: Tizian Gerbing)

Versuchter Mord in Ansbach: 47-Jähriger in Haft – was zur Tat bekannt ist

Weil er versucht haben soll, einen 28-Jährigen umzubringen, sitzt ein Mann in U-Haft. Es geht bei dem doppelten Angriff mit Auto und Messer um Heimtücke.
04.10.2024 14:27
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Susanna hätte sich ein früheres Eingreifen gewünscht

Nach allem, was passiert ist, habe sie sich dort selbst gemeldet, was ihr auch hoch angerechnet worden sei. Ihre Beraterin und Betreuerin sei sehr freundlich und „versucht, uns zu schützen“.

Hätte sie das früher gewusst oder hätte die Polizei „früher was gemeldet“, wäre vielleicht alles anders gelaufen, vermutet sie: „Die haben doch die Gewalt gesehen.“ Im September kam es zur endgültigen Trennung.

Ihr Ex-Partner ist laut Susanna verheiratet und hat mit seiner getrennt von ihm lebenden Frau Kinder. Auch zu dieser Beziehung gebe es eine Akte beim Jugendamt wegen Gewalt. Susanna hätte sich auch deswegen ein früheres Eingreifen und mehr Unterstützung von außen gewünscht.

Aktuell gilt für ihren Ex-Partner für ein halbes Jahr ein vom Amtsgericht Ansbach angeordnetes Kontaktverbot. Schon im Mai hatte die Polizei ihm einen befristeten Platzverweis erteilt. Dieses Verbot bewirkte, dass er sich weder ihrer Wohnung noch ihrem Arbeitsplatz nähern durfte.

FLZ-Einblick

Hinter der Story

Es gehört viel Vertrauen dazu, die eigene, sehr persönliche Geschichte zu erzählen und öffentlich zu machen, gerade wenn man ein Baby hat und der Ex-Partner zur Gewalt neigt. Trotzdem ist es wichtig, sie zu erzählen, damit andere Frauen es gar nicht so weit kommen lassen.

Für die Redaktion gilt es dabei, die Balance zwischen Emotionalität und professioneller Distanz zu wahren.

Dass Susannas Geschichte wahr ist, belegen nicht nur ihre Worte, sondern auch Fotos, Polizei- und Gerichtsdokumente, die sie uns vorgelegt hat – eine mutige junge Frau, die sich nicht unterkriegen lässt.

    Anfang Oktober attestierte ihr ein Ansbacher Arzt eine geschwollene Nase und eine Beule am Hinterkopf. Vor Gericht schilderte sie, was passiert war: „Er zerrte mich in das (...) Gartenhäuschen und sperrte die Tür sowie die Gartentür ab. Unsere Tochter war im Kinderwagen vor dem Häuschen. (...) Er schlug mir dann mit der rechten Faust ins Gesicht und traf mich an der Nase und an der Stirn. (...) Ich flüchtete in den Nebenraum, wo er weiter auf mich eingeschlagen hat. Ich bin dann irgendwann zu Boden gegangen. Als ich auf dem Boden lag, hat er mit seinem Fuß gegen meinen Kopf und mein Gesicht getreten.“

    Nach den Worten von Susanna folgte eine Drohung: „Soll ich dich umbringen? Ich nehme mir jetzt ein Messer.“ Weil er aber auf die Schnelle keines fand, drohte er ihr mit einer Gabel. Sie flehte ihn an, damit aufzuhören. Dann brach er zusammen und begann zu weinen.

    Susanna versuchte, ihn zu beschwichtigen. Immerhin konnte sie das Gartenhäuschen verlassen und sich gemeinsam mit ihm auf den Weg zur Wohnung machen.

    Passanten konnte sie nicht auf die Notlage aufmerksam machen

    „Ich hatte die Hoffnung, dass ich unterwegs Passanten auf die Situation aufmerksam machen könnte. Dazu ergab sich aber keine Gelegenheit.“ Unter einem Vorwand klingelte sie bei den Vermietern und flüchtete in deren Wohnung. Die alarmierte Polizei nahm dem Mann den Schlüssel ab und erließ erneut einen Platzverweis.

    Susanna hätte sich aber gewünscht, dass die Beamten ihn nicht einfach vor der Haustür wieder laufen lassen, sondern etwas mehr Distanz schaffen – dann wäre es wohl auch nicht zu dem folgenden Messerangriff gekommen, vermutet sie.

    Von den dramatischen Ereignissen erzählte sie ihrer Mutter und deren Lebensgefährten. Unterwegs zu Susanna begegneten die beiden dem Ex-Partner. Der Lebensgefährte der Mutter steuerte das Auto kurzerhand auf den Gehweg, überfuhr ihn und griff ihn mit einem Messer an, schildert Susanna.


    „Solche Männer ändern sich nicht.”

    Susanna

    Das Amtsgericht wies ihr angesichts dessen die bisher gemeinsam genutzte Wohnung zur alleinigen Nutzung zu. Bis Mai nächsten Jahres darf ihr Ex-Partner die Wohnung weder betreten noch sich ihr auf weniger als 200 Meter nähern. Anrufe, SMS, E-Mails, Facebook, Whatsapp, persönliche Ansprache: All das ist ihm verboten. Wenn er sich nicht daran hält, drohen ihm Geld- oder Haftstrafen. Noch immer fürchtet sich Susanna davor, dass der Mann sich an ihr rächen will.

    „Solche Männer ändern sich nicht“, ist ihre traurige Bilanz. „Meine Hoffnung, eine Familie zu haben, war viel zu groß.“ Jetzt ist der Traum von einer Familie für sie ausgeträumt: „Seit er weg ist, geht es mir viel besser.“

    Im Oktober fuhr ein 47-Jähriger einen Mann an und stach ihn nieder. Doch die Vorgeschichte ist mindestens ebenso düster. (Foto: Tizian Gerbing)
    Im Oktober fuhr ein 47-Jähriger einen Mann an und stach ihn nieder. Doch die Vorgeschichte ist mindestens ebenso düster. (Foto: Tizian Gerbing)
    Im Oktober fuhr ein 47-Jähriger einen Mann an und stach ihn nieder. Doch die Vorgeschichte ist mindestens ebenso düster. (Foto: Tizian Gerbing)

    Thomas Schaller
    Thomas Schaller
    Redaktion Westmittelfranken/Landkreis Ansbach
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