Christian Ruck sperrte vor rund 155 Jahren den Laden auf, nach diesem Sommer ist das alteingesessene Schreibwarengeschäft in der Feuchtwanger Innenstadt Geschichte. Wirtschaftliche Gründe zwingen den Familienbetrieb zur Aufgabe.
Auffällige Hinweisschilder in Rot und Weiß zieren die breite Fensterfront: „Räumungsverkauf wegen Geschäftsaufgabe“, steht darauf zu lesen, bunte Prozentschilder in den Schaufenstern sollen die Kundschaft in den Laden locken. Alles muss raus, und das ist so einiges, schließlich gibt es längst nicht nur Schreibwaren im Angebot. Dabei hatte es 1870 noch klein angefangen.
Im Amts- und Anzeigenblatt für das Königliche Bezirksamt Feuchtwangen erschien am 20. Oktober 1870 „für das verehrte Publikum in Stadt und Land“ die Empfehlung von Buchbinder Christian Ruck. „In dem von mir erkauften, vormals Regensburgischen Hause, gegenüber der Hezelschen Schlosserei & Eisenwarenhandlung betreibe ich in meinem neu eingerichteten Laden ein wohlsortiertes Lager in allen Buchbinder-Artikeln, Gesang-, Schul- und Gebetsbüchern, Schreibheften und Schreibmaterialien.“ Zugesichert wurde in der Annonce ganz geschäftstüchtig „prompte, reelle und billige Bedienung“.
Bernd Wattenbach, mütterlicherseits der Urenkel des damaligen Gründers, muss beim Blick auf das historische Zeugnis des Familienerbes ein wenig schmunzeln. In der nächsten Generation wurde das Sortiment um Bilder- und Kochbücher erweitert, Tapeten, Mauerschablonen sowie künstliche Blumen kamen ebenfalls hinzu. Grabkränze, Sterbe-Wäsche und Brautschleier bildeten ab, dass es nahezu alles gab, was vom ersten bis zum letzten Tag eines Menschen erforderlich war.
Als Wattenbach 1980 das Geschäft von seinem Vater Fritz übernahm, investierte er viel Geld, um die bestehende Immobilie auszubauen und das Ladengeschäft zu erweitern. Auf rund 300 Quadratmeter Verkaufsfläche werden seitdem Artikel angeboten. Er selbst hatte als Grundlage zur Übernahme des Geschäfts mit 15 Jahren Einzelhandelskaufmann gelernt, später packte er noch eine Lehre als Büromaschinenmechaniker dazu. „Das ist auch längst ein überholter Beruf“, denkt Bernd Wattenbach zurück.
Von den vergangenen Tagen kündet noch eine alte Presse, die im Keller steht. Die einstige Werkstatt, in der seine Vorfahren sicher viele Stunden verbracht hatten, ist längst aufgelöst und ins Ladengeschäft integriert. Er selbst hatte Waren für den Bürobedarf und Spielwaren ins Sortiment aufgenommen. Viele Generationen an Feuchtwangerinnen und Feuchtwangern deckten sich im Geschäft ein. Doch mit dem Bau der Dinkelsbühler Straße und der dortigen Ansiedlung vieler Geschäfte und großer Verbrauchermärkte begann für die Familie die wirtschaftliche Talfahrt, erinnert sich Wattenbach.
„Besser wird es nicht mehr. Seitdem ist es immer wieder ein wenig schlechter geworden“, sagt er heute. Mitanbieter in der Innenstadt hätten längst aufgegeben oder wären weggezogen, mit dem Umzug des gegenüberliegenden Baugeschäfts sei „ein Magnet“ weggefallen. Deshalb habe er und seine Frau Sylvia bereits vor rund 15 Jahren den beiden Kindern abgeraten, die Familientradition fortzuführen. Mindestens zehn Stunden Arbeit am Tag, kaum Freizeit und wenig finanzieller Ertrag: Das seien keine verlockenden Aussichten für die eigenen Kinder. „Das hat keine Zukunft, hab’ ich gesagt. Und das hat sich bewahrheitet.“ Auch die Suche nach einem möglichen Nachfolger sei aufgrund dann anstehender Sanierungsarbeiten keine Option.
Rabattschlachten, das Angebot im Internet, die Corona-Pandemie, kaum noch vorhandenes gastronomisches Angebot in der Altstadt sowie kontinuierlich nachlassender Publikumsverkehr in der Hindenburgstraße hätten ihn und seine Frau in der Entscheidung bestärkt, jetzt aufzuhören. Zunächst hätten alle Tante-Emma-Läden geschlossen, jetzt sei der Mittelstand dran, meint Wattenbach. „In zehn Jahren wird’s kaum noch inhabergeführte Geschäfte geben.“
Wenn jetzt Kundschaft käme und von ihren Erinnerungen berichtete, etwa vom Kauf der ersten Schulhefte, erlaube er sich schon mal die Frage, wo sie in den vergangenen Jahren gewesen wären. Frustriert oder gar resigniert klingt Wattenbach aber keineswegs, vielmehr „bin ich froh, dass wir so lange durchgehalten haben“. Mit dem Aus für den Familienbetrieb haben sich seine Frau und er längst abgefunden und sehen die Chancen für einen entspannten Ruhestand.
Der lauschige Garten im eigenen Hinterhof, die Enkelkinder, die Eisenbahnanlage unter dem Dach oder gemeinsame Ausflüge mit dem Rad: Langweilig wird es nicht werden, blicken Bernd und Sylvia Wattenbach voraus. Im April und wohl auch Mai läuft der Ausverkauf noch, dann soll aber endgültig Schluss sein. Der erste längere Urlaub im Sommer ist bereits gebucht, erzählt Bernd Wattenbach: „Vermissen werd' ich nichts, jetzt können wir dann machen, was wir wollen.“