Julian Nagelsmann ist DFB-Geschichte - und Jürgen Klopp steht als große Bundestrainer-Lösung in den Startlöchern. Vier Tage nach dem nächsten WM-Flop hat der Deutsche Fußball-Bund mit Präsident Bernd Neuendorf an der Spitze umfassend gehandelt, um die in Amerika viel zu früh gescheiterte und einmal mehr am Boden liegende Nationalmannschaft mit Blickrichtung Europameisterschaft 2028 sportlich wieder flottzumachen.
Dafür steht Sympathieträger Klopp bereit. „Hinsichtlich der Neubesetzung des Trainerpostens wird die DFB-Spitze nunmehr das Gespräch mit Jürgen Klopp suchen. Er hat bereits seine grundsätzliche Bereitschaft zur Übernahme des Postens signalisiert“, teilte der Verband mit. Der 59-Jährige ist bei der WM als Experte für MagentaTV im Einsatz und vertraglich noch bis Sommer 2029 als Head of Global Soccer an den Getränke-Konzern Red Bull gebunden.
Nagelsmann ist nach 1.015 Tagen und zwei großen Turnieren ohne Triumph weg. Außerdem wird Geschäftsführer Andreas Rettig (63) den DFB zum Jahresende verlassen. Offen blieb im Frankfurter Verbands-Beben zunächst, wie es mit Sportdirektor Rudi Völler weitergeht. Der 66-Jährige, engster Vertrauter und Unterstützer von Nagelsmann, steht noch bis zur EM 2028 unter Vertrag.
Beim 38-jährigen Nagelsmann war in den Tagen nach dem bitteren Aus nach Elfmeterschießen im Sechzehntelfinale gegen Paraguay die Erkenntnis gereift, dass er im Verband und in der Öffentlichkeit keinen Rückhalt mehr hatte. Direkt nach dem Spiel in Foxborough wollte er noch weitermachen. „Ich bin keiner, der wegläuft“, sagte er nach seinem 37. Länderspiel. Es war nun doch sein letztes.
„Ich habe in den vergangenen Tagen seit dem Ausscheiden viel nachgedacht und mich mit Vertrauten in meinem persönlichen Umfeld und im Verband ausgetauscht“, äußerte er in der DFB-Mitteilung: „Die Entscheidung ist mir alles andere als leichtgefallen. Mein oberstes Ziel war immer der Erfolg der Mannschaft. Sie hat nach so einer herben Enttäuschung die Chance auf einen unbelasteten Neuanfang verdient.“
Einen besonderen Dank richtete Nagelsmann an die Fans, die er eigentlich mit dem Weltmeister-Titel beglücken wollte: „Es tut mir von Herzen leid und weh, dass wir euch enttäuscht haben und euch keine weiteren Fußballnächte bei dieser WM bescheren konnten. Ihr hättet viel mehr verdient gehabt!“Nagelsmann ergriff am Tag nach dem Rapport in der Frankfurter DFB-Zentrale die Chance eines stilvollen Abgangs. Er habe in dem „vertraulichen Gespräch“ mit den DFB-Bossen darum gebeten, ihn von seinen Aufgaben zu entbinden, schrieb der Verband. In einer Sitzung am Freitagvormittag beschlossen dann Gesellschaftervertreter und Aufsichtsrat der DFB GmbH und Co. KG auf Vorschlag von Neuendorf „die sofortige Auflösung des Vertragsverhältnisses“.
Und das „einstimmig“. Fürsprecher hatte Nagelsmann in dem Gremium keine mehr. Über die Höhe der Millionen-Abfindung für den bereits vor der WM bis 2028 verlängerten Vertrag machte der DFB keine Angaben. Aus Nagelsmanns Trainerstab müssen auch zwei seiner Assistenten, Benjamin Glück und Benjamin Hübner, den DFB verlassen.
Neuendorf dankte Nagelsmann im Namen des Verbandes „für die seit September 2023 geleistete Arbeit“. Den früheren Bundesliga-Coach, der nach einer Auszeit wohl wieder einen Job im Vereinsfußball suchen dürfte, würden „eine hohe Einsatzbereitschaft und außerordentlicher Ehrgeiz auszeichnen“.
Rudi Völler, der Nagelsmann im Herbst 2023 als „Wunschlösung“ und Nachfolger von Hansi Flick zum DFB gelotst hatte, würdigte die Entscheidung des 38-Jährigen. „Weil er Verantwortung übernimmt (...) und die Nationalmannschaft als Ganzes über die eigene Person stellt“. Nagelsmann bleibe „ein exzellenter Trainer“, bemerkte Völler: „Und ich bin überzeugt, dass er seinen Weg weiter erfolgreich gehen wird.“
Nagelsmann dürfte zunächst öffentlich abtauchen. Dafür rückt Klopp jetzt noch mehr ins Rampenlicht. Zumal er weiter in den USA für MagentaTV die WM-Spiele analysieren wird. Da spricht ab sofort nicht mehr nur der Experte Klopp zu den Zuschauern, sondern der Bundestrainer in spe.
Im Sommer 2026 könnte zusammenfinden, was bislang nicht zusammenfand. Klopp hatte den Posten in der Vergangenheit mehrmals als „Ehre“ bezeichnet und nicht „völlig ausgeschlossen, dass ich irgendwann mal Bundestrainer werde. Aber es muss passen.“
Jetzt könnte es passen. Der Red Bull-Vertrag scheint kein Hindernis. Und zwei Jahre nach seinem Abschied vom FC Liverpool scheint Klopp auch wieder die Energie und Lust zu verspüren, als Trainer zu arbeiten. Wobei Verbandstrainer auch für ihn - wie bei Nagelsmann - etwas anderes darstellt als Vereinscoach.
Klopp ist freilich menschlich reifer, sportlich erfahrener und auch erfolgreicher als Nagelsmann. Mit Borussia Dortmund wurde er zweimal deutscher Meister. Mit dem FC Liverpool gewann er die Premier League und 2019 die Champions League. Er gilt als Menschenfänger, er steht für einen intensiven Power-Fußball, für Leidenschaft an der Linie - und Erfolg.
Sein Länderspiel-Debüt könnte Klopp am 24. September zum Start in die Nations League auswärts gegen den Erzrivalen Holland bestreiten, der bei der WM auch früh scheiterte. Auch die Niederlande werden dann einen Neuanfang mit einem neuen Bondscoach nach Ronald Koeman erleben.
Zunächst müssen sich die DFB-Bosse aber mit ihm über die sportliche Ausrichtung und einen Vertrag (Laufzeit, Gehalt) handelseinig werden. Aus dem Verband ist zu vernehmen, dass es erst mal Gespräche seien und noch keine konkreten Verhandlungen.
Wie sieht Klopp die sportliche Perspektive, den Kader? Wen würde er mitbringen? Wer müsste noch gehen? Könnte Völler auch weiterhin Teil der sportlichen Leitung sein? Klopp weiß, dass eine Rückkehr Deutschlands in die Weltspitze kein Selbstläufer ist. „Wir waren Fußball-Deutschland. Um wieder Fußball-Deutschland zu werden, müssen wir jetzt ran an die Nummer, und zwar richtig“, hatte er im Boston Stadium nach dem Paraguay-Spiel erklärt.
Der DFB und Neuendorf haben immerhin mit dem ersten personellen Schnitt bewiesen, dass man aus den vorangegangenen WM-Desastern gelernt hat. Nach dem Vorrunden-Aus 2018 in Russland hatte Joachim Löw ebenso weitermachen dürfen wie Hansi Flick nach dem frühen Aus 2022 in Katar.
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