Die Rettungsarbeiten im Katastrophengebiet zwischen Nepal und China werden erneut durch Flutwarnungen, Erdrutsche und einem neu entstandenen See beeinträchtigt. Wie der chinesische Katastrophenschutz berichtete, wurde flussaufwärts des Grenzübergangs Gyirong im Südwesten Tibets ein See entdeckt. Dort konzentrieren sich die chinesischen Sucharbeiten. Der See hatte sich infolge der Sturzflut vom Mittwoch gebildet.
Nach Angaben der Behörde war es an einem Fluss, der auf Hochchinesisch Purepuqiang-Zangbu heißt, zuvor zu einem Erdrutsch gekommen, woraufhin sich das Wasser staute. Rettungskräfte in Gyirong brachten sich am Samstagabend (Ortszeit) nach der Entdeckung des Sees in Sicherheit, wie es am Sonntag hieß.
Auf ähnliche Weise hatte sich vor zwei Tagen ein See in dem Gebiet angestaut. Experten hatten befürchtet, dass der Damm aus Schlamm und Geröll den Wassermassen nicht standhalten und eine neue Flut das Tal hinunterstürzten könnte. Das Wasser floss dann aber gefahrlos ab.
Die Zahl der Toten steigt jedoch unaufhörlich. In Nepal wurden nach jüngsten Angaben der Polizei 788 Leichen entdeckt. China gab die Zahl der Toten in Tibet weiter mit 16 an, womit die Gesamtzahl auf 804 stieg. Mehr als 3.000 Menschen werden auf beiden Seiten insgesamt noch vermisst, darunter Hunderte Ausländer.
Erstmals seit der Flutkatastrophe nannten die Behörden in Tibet die Herkunftsländer der zuvor 261 als vermisst gemeldeten Ausländer. Darunter sind auch drei Deutsche. Nepals Tourismusbehörde hatte acht Deutsche als vermisst registriert. Unklar ist jedoch, ob es möglicherweise Dopplungen gibt, denn einige Deutsche hatten sich am Mittwoch zum Zeitpunkt der Sturzflut mit nepalesischen Reiseveranstaltern am Grenzposten Gyirong in Tibet befunden.
Eine vierköpfige Familie aus Deutschland hatte die Armee bereits per Hubschrauber in Sicherheit gebracht. Das Auswärtige Amt erklärte am Sonntag auf Nachfrage, die Botschaften in Peking und Kathmandu arbeiteten weiter an der „Sachverhaltsaufklärung“. Weitere Angaben machte die Behörde nicht.
Mit Hochdruck arbeiten die Rettungskräfte in Tibet und Nepal weiter an der Bergung. Immer wieder verschickten die nepalesischen Behörden Flutwarnungen über den Mobilfunk. Darin riefen sie die Menschen in den betroffenen Gebieten auf, wachsam zu bleiben und sich nicht in der Nähe von Flüssen aufzuhalten. Ein Augenzeuge berichtete von vielen Menschen in der Region Battar im Bezirk Nuwakot, die Berge hinaufliefen, um an sichere Orte zu gelangen.
Währenddessen schwindet die Hoffnung, noch Überlebende zu finden. Und dennoch: Auf schier wundersame Weise hatten die Helfer in Nepal am Samstag eine 97 Jahre alte Frau aus den Trümmern eines Altenheims lebend gerettet. In einer Baggerschaufel fuhren Retter die Frau in Tupche an einen sicheren Ort.
„Als meine Großmutter hinausgehoben und auf den Bagger gesetzt wurde, lachte sie, als wäre sie eine Kriegerin, die siegreich aus dem Krieg zurückgekehrt sei“, sagte ihr Großneffe der britischen BBC. Es habe totales Chaos geherrscht, weil alles unter dem Schlamm begraben gewesen sei. Sein Bruder und dessen Sohn hätten die Frau entdeckt. Nach einigen Stunden sei sie dann gerettet worden, erzählte der Mann.
Weiter unklar ist das Schicksal Hunderter vermisster Arbeiter an Staudammprojekten in Nepal. An einem der Wasserkraftwerke vermuteten die Behörden mögliche Opfer, die sich in einen Tunnel gerettet hatten. Für die komplizierte Such- und Bergungsoperation flogen mittlerweile Spezialtrupps aus Indien und China ein, um die Rettungsarbeiten zu unterstützen.
Am Sonntag gelang den Rettungskräften an dem Kraftwerk Upper Trishuli 3A, einen Zugang zu graben, wie ein Video in den sozialen Medien zeigte. Probleme bereitete jedoch laut offiziellen Angaben eine Flutwelle und ein damit steigender Wasserstand im Trishuli-Fluss von fünf bis zehn Metern. Am Ufer kam es deshalb zu Erosionen. Die Regierung will jedoch nach einer Prüfung schweres Gerät an den Ort schicken.
Nepals Außenminister Shishir Khanal hatte neben Hilfe in der Rettungs- und Hilfsphase auch Unterstützung beim Wiederaufbau erbeten. Die USA sagten Hilfslieferungen in Höhe von 3,6 Millionen US-Dollar zu (etwa 3,1 Millionen Euro). Darin enthalten sei bis zu drei Monate lang Nahrungsmittelhilfe für bis zu 10.000 von der Flut betroffenen Haushalte, schrieb das US-Außenministerium auf der Online-Plattform X.
Auch fernab des eigentlichen Katastrophengebietes im Norden hinterließ die Flut ihre Spuren. Wie die nepalesische Polizei berichtete, blockierte ein Erdrutsch eine Autobahn zwischen Kathmandu und Südnepal. Die Straße verläuft entlang eines über die Ufer getretenen Flusses und ist eine Hauptverbindung zwischen der Hauptstadt und dem Süden des Landes. Durch die Blockade entstand die Sorge möglicher Lieferengpässe in Richtung des Katastrophengebietes.
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