Erfrischend und zu Herzen gehend gestaltete sich der letzte Konzertabend in der Reichsstadthalle vor der Renovierung mit dem Akademischen Orchester Würzburg. Die Halle gehörte noch einmal für wenige Stunden den Studierenden der dortigen Universität.
Das Programm konnte sich sehen und hören lassen, denn der Dirigent Markus Popp hatte anspruchsvolle Werke aus den Epochen Klassik, Romantik und der Moderne mit den jungen Musikerinnen und Musikern erarbeitet. Nur wenige von ihnen studieren tatsächlich Musik. So ist eine der beiden Konzertmeisterinnen des Abends, Victoria Beckenbauer, angehende Zahnmedizinerin.
Sie kommt ursprünglich aus Stuttgart, spielt schon sehr lange Violine. Sie achtet auf eine optimale Orchesterstimmung. Es geht nicht los, bevor sie zufrieden ist. Dann betritt Markus Popp die Bühne – hebt den Taktstock. Eine strahlend mächtige Bläserfanfare erklingt: Die „Meistersinger von Nürnberg“ sind in Rothenburg angekommen.
Ehrwürdig und erhaben hat Wagner das eindrucksvolle Prozessionsthema komponiert und weitere Hauptthemen der Oper in das Vorspiel eingearbeitet. Das Orchester folgt dem Dirigenten genau, spielt leidenschaftlich und expressiv, zeichnet klare Linien und Phrasierungen bei den Melodien. Die Darstellung ist spannungsreich, wirkt lebendig und transparent.
Es folgt Beethoven. Dessen 8. Symphonie spielen die jungen Künstler schwungvoll und frisch, lassen deutlich spüren, dass Beethoven hier die tradierten Strukturen klassischer Symphonien verlassen will.
Heitere Instrumentaldialoge sind zu hören, die sich dann wieder im Gesamtklang finden – ein fröhliches gegenseitiges Anspielen mit charmanten Melodien. Dem pompösen Menuett folgt verheißungsvoll das großartige Finale, zunächst verhalten, dann sehr schnell – ein rasantes Rondo Allegro vivace, hin- und mitreißend.
Nach der Pause übernimmt Sophie Hänisch, die Medizin studiert, die Rolle der Konzertmeisterin. Und auch der Chemiestudent David und seine Biochemie studierende Kollegin Wiebke sitzen jetzt im Orchester. Beide spielen Klarinette, seit vielen Jahren. Bevor man in das Orchester aufgenommen wird, ist ein Vorspiel zu bewältigen. Ist das geschafft, gibt es einmal pro Woche eine feste Probe, geübt wird zu Hause.
Beide äußern sich wertschätzend über das harmonische musikalische Miteinander im Orchester. Das betonen auch Sophie Hänisch und Victoria Beckenbauer. Die Gemeinschaft sei toll, man finde Freunde, gehe nach den Proben miteinander aus, unternehme Konzertfahrten, berichten sie.
Das Publikum bekommt nun das „Capriccio Italien“, op. 45, ein Orchesterwerk des russischen Komponisten Peter Tschaikowsky, zu hören. Er hat die lebensfrohe Atmosphäre Italiens eingefangen und in Noten gefasst. Impressionen italienischer Volksmusik klingen an, dazu musikalische Zitate, die italienische Kunst repräsentieren. Mit einem 6/8-Signal starten die Trompeten. Es folgt eine melodische Volksweise in Kanonform. Man fühlt sich zurecht an den Schlager „Bianca“ erinnert. Einen bunten folkloristischen Bilderbogen spannt der Dirigent mit seinem Orchester, über eine Art Bolero bis hin zum wirkungsvollen Final-Presto im neapolitanischen Rhythmus einer Tarantella. Wie ein kleiner Urlaub fühlte sich das Capriccio bei geöffneten Türen an.
Auch die „Maskerade-Suite“ des 1903 geborenen Komponisten Aram Chatschaturjan begeistert. Es ist eine Liebesgeschichte voller Irrungen und Wirrungen, die er in fünf Sätze gepackt hat und die während eines Maskenballs ihren Anfang findet. 1944 hat er sein Werk geschaffen, startend mit seinem vordergründig leichten und beschwingten Walzer, der jedoch auch eine schwermütige und düstere Seite zeigt. Er bildet auch die Filmmusik zu „Krieg und Frieden“.
Kontrastierend dazu eine ruhige, beschauliche Nocturne. Die Konzertmeisterin spielt das Violinsolo hingebungsvoll, ja bezaubernd. Der flotten Mazurka folgt eine ruhige Romanze und zum Schluss ein furioser Galopp, den das Orchester temperamentvoll präsentiert. Das Publikum spendet tosenden Applaus. Dirigent Popp gibt das Kompliment zurück. Es folgt eine Zugabe.
„Abschied auf Zeit“ war das Motto, und so verabschiedet sich das Ensemble mit einer Suite von Dimitri Schostakowitsch, einem schwungvollen Walzer und einem Tanzpaar, das über das Parkett der Halle wirbelt. Das Orchester will wiederkommen, nicht erst, wenn die Halle saniert ist. Das Publikum freut sich schon jetzt.