Packend: „Schuld und Sühne“ bei den „Kreuzgangspielen extra” | FLZ.de | Stage

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Veröffentlicht am 04.03.2024 15:59

Packend: „Schuld und Sühne“ bei den „Kreuzgangspielen extra”

Anette Daugardt als Raskolnikov und Uwe Neumann als Ermittler Porfirij lieferten sich ein raffiniertes Katz-und-Maus-Spiel. (Foto: Martina Kramer)
Anette Daugardt als Raskolnikov und Uwe Neumann als Ermittler Porfirij lieferten sich ein raffiniertes Katz-und-Maus-Spiel. (Foto: Martina Kramer)
Anette Daugardt als Raskolnikov und Uwe Neumann als Ermittler Porfirij lieferten sich ein raffiniertes Katz-und-Maus-Spiel. (Foto: Martina Kramer)

Wie kann man einen 700 Seiten starken Roman in eine gute Stunde Schauspiel packen? Anette Daugardt und Uwe Neumann zeigten in einer kompakten Inszenierung von Fjodor Dostojewskis „Schuld und Sühne“, dass es funktionieren kann.

„Der größte Kriminalroman aller Zeiten“ hatte Thomas Mann einst über Dostojewskis Werk geäußert. Und gewiss ist die Schilderung von Raskolnikovs Mordtat an der alten Wuchererin so packend geschildert, dass das Publikum auch heute noch den Atem anhält.

Ohrenzeugen einer Gräueltat

Das war auch an diesem Abend so, als das Stück im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Kreuzgangspiele extra“ in Feuchtwangens Stadthalle Kasten zu neuem Leben erwachte. Der Zuschauer wird unmittelbarer Zeuge der Gräueltat, obwohl da nur eine Frau auf der Bühne steht und das Geschehen schildert.

Anette Daughardt spricht den Raskolnikov mit großer Intensität und vermittelt die mächtigen Bilder, die der Roman evoziert, in unmittelbarer Greifbarkeit. Man vergisst vollkommen, dass da eigentlich eine Frau spricht und nicht der gedungene Mörder, die Axt im verschlissenen Mantel versteckt, ein großer grober Kerl, der verwahrlost aussieht.

Mord und dramatische Flucht

Mit ihm steigt man das Treppenhaus in dem ausladenden Gebäude hoch in den dritten Stock, klopft an der Tür, noch unsicher wie der Mord auszuführen ist, vollbringt die Tat und vollzieht schließlich eine dramatische Flucht, die beinahe schiefgeht. Doch der Mörder entkommt – zunächst. Als dieser erste Teil der Darstellung zu Ende ist, befindet sich das Publikum noch derart im Bann, dass es der Mitteilung von Seiten Daughardts bedarf, dass nun erst einmal Pause sei.

Im zweiten Teil des Stücks treffen Raskolnikov und der Ermittler Porfirij, gespielt von Uwe Neumann, aufeinander. Es ist ein raffiniertes Katz-und-Maus-Spiel mit wechselnden Positionen: Mal ist der Mörder der Gejagte, mal ist er der Jäger, ebenso wie der Polizist. Beide wissen um die grausame Wahrheit, doch mangels Beweisen kann Porfirij Raskolnikov nicht überführen.

Es ist die zweite große Schlüsselszene im Roman, denn hier entfaltet sich des Mörders angegriffene Psyche in aller Deutlichkeit. Er hält sich für einen außergewöhnlichen Menschen, dem deshalb das Recht zusteht, „eine Laus“ zu zerquetschen, wenn es dem Wohle der Allgemeinheit dient. Die alte Frau, die sich an der Armut anderer bereichert, ist für ihn solch ein Fall.

Souveräner Ermittler

Uwe Neumann vermittelt seiner Figur jene intellektuelle, ruhige Größe und Souveränität, derer es bedarf, seinem Gegenüber auf Augenhöhe zu begegnen. Er bleibt selbst dann unerschrocken und standhaft, als Raskolnikov die Waffe auf ihn richtet. Denn er hat die Moral auf seiner Seite. Anders als der Mörder, der zwar nach seiner Tat entkommen konnte, aber nun sich selbst ausgeliefert ist. Und da gibt es kein Entweichen, da erwartet ihn nach der Schuld die Strafe durch eine höhere Instanz.

Das macht die kurze, aber höchst intensive Inszenierung deutlich. Der Größenwahn Raskolnikovs ist exemplarisch und erinnert nicht wenig an Charaktere, die heute das Weltgeschehen bestimmen. Dostojewskis narzisstische, grausame, selbstgerechte Figur hat universelle Größe. Die Inszenierung von Daughardt und Neumann ist packend und erschütternd zugleich.


Von Martina Kramer
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