2001 kam Peter Cahn als Intendant nach Dinkelsbühl. Seitdem hat sich viel getan. Ein Namenwechsel signalisiert es. Aus dem Fränkisch-Schwäbischen Städtetheater wurde das Landestheater Dinkelsbühl Franken-Schwaben.
Als Sie vor 20 Jahren nach Dinkelsbühl kamen, was haben Sie gedacht, Herr Cahn?
Dass viel zu tun ist. Geprägt haben mich meine Zeiten am Nationaltheater Mannheim und Schauspielhaus Dortmund. Es war daher immer mein Ziel und Wunsch, dementsprechende Strukturen zu schaffen und dementsprechende Leistungen auf die Bühne zu bringen. Ich wollte dahin kommen, dass das, was auf der Bühne und hinter der Bühne passiert, einem heutigen Profi-Theater entspricht. Ich finde, dass das nach den 20 Jahren gelungen ist.
Welche Verbesserungen waren das konkret?
Wir haben jetzt eine Maskenbildnerin vom Stadttheater Würzburg, die für jedes Stück kommt und die Schauspieler anleitet. Wir haben mit Elvira Freind eine diplomierte Kostümbildnerin. Wir laden Gastregisseure ein. Wir haben mehr Techniker. Wir spielen öfter als vor 20 Jahren. Und wir haben viel mehr Zuschauer. Vor Corona waren es jährlich um die 60 000. Über das Vierfache als vor 20 Jahren.
Ein Diplom-Bühnenbildner fehlt allerdings nach wie vor.
Ja, ich weiß, der Diplom-Bühnenbildner. Das ist eine Schwierigkeit. Wir haben das ein oder zweimal probiert. Das waren tolle Ideen, aber wir haben nicht die Ressourcen, die dementsprechend umzusetzen. Und das tollste Bühnenbild muss dann auch in einen Lkw und auf eine andere Bühne passen. Wir sind ein Landestheater. Das interessiert nicht jeden Bühnenbildner, der seine Vorstellungen umsetzen möchte.
Was waren die Meilensteine auf dem Weg?
Die haben damit zu tun, wo wir hier sitzen. Vor 20 Jahren waren wir noch in der Bauhofstraße. Das Gebäude war sehr baufällig. Gespielt haben wir in der Schranne. Der Umzug hierher, in die Spitalscheune, war ein Riesensprung. Hier haben wir einen adäquaten Zuschauerraum, Werkstatt und Büros. Das ist wichtig, auch für das Selbstverständnis. Der erste Meilenstein war die neue Freilichttribüne. Verbunden war das alles mit der politischen Unterstützung durch unseren Oberbürgermeister, Dr. Hammer. Und auch mit Holger Göttler, dem damaligen Stadtbaumeister, der beide Theater konzipiert hat.
Gab es Inszenierungen am Anfang, die eine Tür zum Publikum geöffnet haben?
Das waren die „Comedian Harmonists“ und danach der „Name der Rose“, aber auch Stücke wie „Manche mögen’s heiß“. Da sagten die Leute: Ah, guck mal, die können das auch. Die können auch Singen, die können Theater und Musik.
Leichte Sommerunterhaltung waren die „Harmonists“ nicht.
Wir haben uns darin das erste, aber nicht das letzte Mal mit deutscher Geschichte auseinandergesetzt, mit dem Nationalsozialismus. Diese Zeit prägt uns ja heute noch. Und sie ist längst nicht „aufgearbeitet“. Wenn ich in der Zeitung sehe, dass Impfgegner Judensterne tragen, zieht es mir die Schuhe aus. Das ist eine unglaubliche Anmaßung und eine Herabwürdigung von sechs Millionen ermordeten Kindern, Frauen, Männern. Es gibt ja tatsächlich diese Behauptung, dass wir jetzt in einer Diktatur oder kurz davor leben und man das dadurch verhindern muss, dass man gegen die Impfpflicht oder Ähnliches ist. So etwas ist eine Entwertung sämtlicher Begriffe.
Was bedeutet das für das Theater, das Sie machen?
Mein Anspruch ist, dass bei aller Unterhaltung auch immer wieder Theater zum Spiegel wird, dass es die Erinnerung wachhält und zum Nachdenken anstößt. Dario Fo und sein politisches Volkstheater waren immer ein Vorbild für mich. Als Nachkomme der 68er hat mich auch das geprägt.
Gab es noch andere Vorbilder?
Jean-Louis Barrault, ein großer französischer Theatermann, der auch Schauspieler und Pantomime war. Ich durfte mit ihm arbeiten. Meine Schauspielschule hatte mich nach Bochum ausgeliehen, wo er Shakespeare inszenierte. Ich dachte, ich habe eine riesen Rolle.
Etwa nicht?
Ich sollte das Hinterteil eines Esels spielen. Ein Kollege den Vorderkörper. Wir waren ein menschlicher Esel. Irgendwann bei der Probe sagte Jean-Louis Barrault: Stopp, stopp, stopp! Er sprach Französisch und erklärte mir, was so ein Hinterteil alles machen kann, was der Esel für Befindlichkeiten hat, wo es ihn kratzt, juckt, was er gegessen hat. Das alles sollte ich spielen. Das war mühsam. Aber es wurde der absolute Kracher. Es gab jedes Mal Szenenapplaus für uns. Das andere prägende Erlebnis war: Ich bin nach meiner privaten Schauspielausbildung – ich fand, dass da viel gefehlt hat – 1984 noch mal nach New York.
New York? Klingt spannend.
Ich habe vier Monate am Actor Studio als Gast Unterricht genommen. Und es war auch so, dass ich dachte: Wow. Diese zwei Proben-Stunden mit Jean-Louis Barrault und diese vier Monate, das hat sich zusammengefügt. Das waren zwei große Erlebnisse. Sonst würde ich heute kein Theater mehr machen
Was ist im Unterricht passiert?
Walter Lott, der Dozent, war ein großer Mann. Der guckte mich an, sagte mit tiefer Stimme: Peter, what are you doing is very nice ... es ist ganz schön, was du machst, aber ich glaube es dir nicht. Geh doch morgen in den Central Park und guck’ dir alles an, was du an Wasser findest, und dann improvisiert du acht Stunden Wasser. Ich dachte: Ist der blöd, ich bin doch Schauspieler und kein Wasser. Aber ich bin in den Central Park, habe mich vor den Brunnen hingestellt und versucht, Wasser zu improvisieren.
Mit Erfolg?
Ich habe begriffen, was ein Schauspieler mit seiner Stimme, mit seinem Körper alles anstellen kann. Ich dachte: Wow, das ist schon toll, was Theater sein kann. Danach war ich am Staatstheater Mainz. Im Weihnachtsmärchen habe ich das tapfere Schneiderlein gespielt. Ich dachte schon, ich bin kurz vor Hollywood und bin dann noch einmal nach New York. Die Vorsprechen liefen nicht so gut. Danach kam ein Privattheater. Das fand ich ganz schlimm. Ich habe am Nationaltheater Mannheim vorgesprochen. Und es hat geklappt. Danach habe ich Jugendtheater in Augsburg gemacht als künstlerischer Leiter. Und seit über 20 Jahren bin ich nun hier.
In 20 Jahren hat sich viel verändert. Auch der Humor?
Der hat sich verändert. Er ist schneller geworden. Die bekannten Stücke aus den 50er und 60er Jahren, funktionieren nicht mehr. Der Humor ist zu altbacken. Er ist zu langsam. Er ist nicht satirisch und ironisch genug. Aber es gibt ja neue Stücke. Wir machen jetzt im Sommer zum Beispiel „Monsieur Claude und seine Töchter“. Toller Humor. Und mit gesellschaftskritischer Haltung.
Der Humor, der mit der Angst vor der gesellschaftlichen Blamage spielt, vor allem was Sexualität angeht, funktioniert der noch? Bei Ray Cooney etwa.
Na ja. Warum outen sich nicht mehr Fußballer? Weil wir so tolerant sind? Viele Menschen sind noch in ihren alten Denkmustern verhaftet. Sie haben Spaß an den Klischees, auch wenn die scheinbar nicht mehr politisch korrekt sind. Deswegen lachen sie. Sie lachen, ohne es zu merken, über sich selbst, über ihre Ängste. Ray Cooneys Tempo und die Absurdität seiner Situationskomik funktioniert immer noch. Im Herbst werden wir wieder ein Stück von ihm machen.
Ihr Theater verfestigt damit überholte Denkmuster.
Das glaube ich nicht. Es ist wichtig, dass man darüber lacht. Zwang, wie man etwas zu sehen, etwas auszudrücken hat, ist nicht gut. Dario Fo ist hier wieder ein guter Ratgeber. Er hat einmal gesagt: Das Lachen öffnet den Verstand. Das ist es doch: einen offenen Verstand zu haben, um Dinge aufzunehmen und darüber nachzudenken.
Sie sind jetzt gut 20 Jahre in Dinkelsbühl. Haben Sie manchmal gedacht: Es macht mir hier keinen Spaß mehr?
Nee, nie. Es gab einfach so viel zu tun, zu viele neue Sachen, tolle Sachen. Das Einzige was sehr, sehr anstrengend ist, ist jetzt die Corona-Zeit. Trotzdem den Mut nicht verlieren. Trotzdem gucken, was geht noch. Das kostet allen viel Kraft. Aber mit jedem neuen Stück ist der Spaß.
Peter Cahn, wurde 1959 in Königstein im Taunus geboren. Seine Ausbildung an der Schauspielschule Genzmer in Wiesbaden schloss er 1983 mit der Bühnenreife-Prüfung ab, sein Studium der Theaterwissenschaft in Frankfurt 1988 mit dem Diplom. Als Schauspieler und Regisseur war er unter anderem am Nationaltheater Mannheim, der Badischen Landesbühne Bruchsal und am Schauspielhaus Dortmund engagiert. Von 1996 bis 2001 leitete er als Intendant das Junge Theater Augsburg. Die Spielzeit 2001/2002 war seine erste als Intendant des Fränkisch-Schwäbischen Städtetheaters in Dinkelsbühl, dem heutigen Landestheater Dinkelsbühl Franken-Schwaben. Von 2015 bis 2021 war er zusätzlich der künstlerische Leiter der Scherenburgfestspiele Gemünden.