Miese Datengrundlage, viel zu wenig Messstellen, willkürliche Festlegungen: Der Ärger war groß bei den Landwirten, als vor einigen Jahren die Karte mit den „Roten Gebieten” veröffentlicht wurde, in denen nur sehr wenig oder gar nicht gedüngt werden darf. Nun gibt es eine neue Karte, doch zufriedener sind die Landwirte offenbar nicht.
Zur Erinnerung: Einer EU-Verordnung folgend hatte die Staatsregierung mit Hilfe der Wasserwirtschaftsämter das Grundwasser im gesamten Freistaat untersucht. Dort, wo der Nitratgehalt den Grenzwert von 50 mg pro Liter überschritt, wurde im Einzugsbereich der jeweiligen Messstelle ein „rotes Gebiet” festgelegt. In diesem durften die dort wirtschaftenden Bauern nur noch sehr wenig oder gar nicht mehr düngen - unter Ertragsgesichtspunkten ein harter Schlag.
Die Kritik der Landwirte war folgerichtig und entzündete sich vor allem an den angeblich höchst oberflächlichen Messungen. Dadurch, dass man nur vergleichsweise wenig Messstellen festgelegt hatte, sei die Ausweisung der betroffenen Gebiete doch eher grobkörnig und willkürlich erfolgt. Mit mehr Messpunkten hätte man eine deutlich differenziertere Auswertung erhalten, von denen die Landwirtschaft mutmaßlich profitieren würde, so die damalige Argumentation.
Die Kritik wurde gehört, Freistaat und Wasserwirtschaftsämter reagierten: Das Netz der Messstellen wurde deutlich aufgestockt, wobei man diesmal sogar die Landwirte um Rat fragte. Ja, bestätigen Jürgen Dierauff, BBV-Obmann im Landkreis, und Thomas Pfeiffer aus Uehlfeld, ebenfalls Bauer und Spezialist in der Grundwasserschutzfrage, man habe dem WWA diverse Stellen genannt, wo man in der richtigen Tiefe auf Wasser stoßen könne und etliche dieser Stellen seien für die neuen Messungen auch ausgewählt worden.
Dann müsste doch jetzt alles gut sein, oder? Mehr Messpunkte, genauere Ergebnisse, mehr Spieltraum für die Landwirtschaft? Offenbar nicht, denn vor wenigen Tagen versandte der Bayerische Bauernverband (BBV) in Person des mittelfränkischen BBV-Präsidenten Peter Köninger eine Pressemitteilung, in der auch die neu ausgewiesene Karte scharf kritisiert wurde. Bei den Bäuerinnen und Bauern spüre er eine „herbe Enttäuschung”, so Köninger, vor allem in Unter- und Mittelfranken gebe es nun sogar mehr statt weniger rote Gebiete, die Ausweisungen seien „weder praxisnah noch verursacherbezogen”. Im Klartext: Die Messungen wurden – dem Wunsch der Landwirte entsprechend – deutlich genauer vorgenommen, fielen jedoch nicht zur Zufriedenheit der Bauern aus. Müsste die Schlussfolgerung dann nicht lauten: „Pech gehabt – selber schuld”?
Nein, ganz so einfach sei dies nicht, sagen Jürgen Dierauff und Thomas Pfeiffer. Zwar sei der Freistaat der Forderung nach mehr Messstellen nachgekommen, doch habe man dabei nicht bedacht, dass dadurch auch die Auswirkungen auf die einzelnen Bereiche unsicherer würden. Als Beispiel nennt Dierauff seinen eigenen Hof bei Markt Nordheim: „Wir waren rot, dann grün, und jetzt wieder rot. Wie soll man sich darauf einstellen können?”
Für Dierauff hat das ganz konkrete finanzielle Folgen: In einer „roten Phase” hat er zusammen mit drei anderen Berufskollegen ein riesiges Gülle-Auffangbecken für einen sechsstelligen Betrag gebaut, weil er die Gülle ja nicht ausbringen durfte. Dann war sein Gebiet wieder als „grün” eingestuft und er hätte düngen können. Jetzt ist es wieder rot und er ist dankbar für das Becken. Und morgen?
Erschwerend kommt für die Landwirte der Region – und speziell im östlichen Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim – das mögliche Uehlfelder Wasserschutzgebiet hinzu. Das ist zwar in seiner endgültigen Anlage und Ausdehnung noch längst nicht festgelegt, doch in der neuen Karte ist es bereits in seinen größtmöglichen Dimensionen als rotes Gebiet berücksichtigt. Im Klartext: Ab kurz vor Höchstadt über Uehlfeld, Dachsbach und Gerhardshofen sowie bis in den östlichen Bereich von Münchsteinach und nördlich bis an den Rand des Steigerwalds gelten nun massive Düngeeinschränkungen. Das Schutzgebiet – ein echter Vorschlaghammer für die Landwirte.
Für Thomas Pfeiffer ist das unverständlich: „Dieses riesige Trinkwassereinzugsgebiet wird einfach über die vielen grünen Messstellen dort drübergelegt und wird damit komplett rot.” Und Jürgen Dierauff ergänzt: „Bayern interpretiert das Bundesrecht in diesem Fall besonders scharf.” So habe der Gesetzgeber das nicht vorgesehen, so habe auch die Europäische Union dies nicht verlangt. Letztlich lassen sich Dierauff und Pfeiffer sogar zu einem leisen Lob für den ehemaligen grünen Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir hinreißen: Dieser habe durchaus vernünftig agiert und sei nicht an sich selbst, sondern an seiner Umgebung im Landwirtschaftsministerium gescheitert.
Die Landwirtschaft der Region hat also mit der neuerlichen Ausweisung der roten und grünen Gebiete vor allem zwei Probleme: Zum einen, dass mancherorts ein seltsamer Flickenteppich entstanden ist, der die Unsicherheit der Landwirte noch erhöht. Zum anderen, dass mit dem potenziellen Wasserschutzgebiet ein weiterer riesiger „roter” Faktor dazu gekommen ist. Zum Flickenteppich nennt Dierauff ein Beispiel aus dem Raum Uffenheim: „Da hatte eine Quelle erst 50 mg Nitrat und war grün, dann waren es 51 und es war wieder rot.. Wie soll man damit umgehen?”
Im Gespräch lassen Dierauff und Pfeiffer durchaus erkennen, dass sie so manche Protestnote von früher heute anders bewerten. „Die Ergebnisse der vielen neuen Messstellen sind einfach unbefriedigend für die Praxis der Betriebe”, sagt Pfeiffer. Einig ist er sich mit Dierauff darin, dass man dem Wasserwirtschaftsamt keinen Vorwurf machen kann – im Gegenteil: „Das WWA hat uns gewarnt, dass mehr Messstellen für uns keine Verbesserung bringen.”
Und die Lösung? Wie könnte man es doch noch schaffen, dass der wichtige Schutz des Grundwassers und die Bedürfnisse der Landwirte gleichermaßen berücksichtigt werden? Dierauff und Pfeiffer haben diesbezüglich eine Idee, die auch BBV-Mittelfranken-Chef Peter Köninger verbreitet hat. Der forderte zuletzt „flexible und regionsspezifische Lösungen”. Bei Dierauff könnte das folgendermaßen aussehen: „Wenn ein Landwirt nachweist, dass er wasserschonend wirtschaftet, dann muss er davon profitieren. Die Daten dafür wären über die Düngebedarfsermittlung doch ohnehin vorhanden. Man bräuchte dann nur die Dokumentation der tatsächlichen Düngung in der Jahreszusammenfassung – das wäre für uns kein zusätzlicher Aufwand.”
Für Dierauff wäre dieser „belohnende Ansatz” ein Gewinn für alle Beteiligten. Die Wasserwirtschaftsämter hätten ihre Messungen nicht umsonst gemacht, sondern damit die Basis gelegt, und die Landwirte hätten dadurch eine Motivation, künftig etwas „vorsichtiger zu düngen”, um wasserschonend zu arbeiten und damit in den Genuss von Vergünstigungen zu kommen. Denn eines sei klar, sagt Jürgen Dierauff: „Wir können nicht mehr fordern, dass alle Auflagen wegmüssen. Wir müssen lernen, damit umzugehen.”