Noch im Oktober war Sarah Robinson zuversichtlich, dass es weitergeht mit dem Ansbacher Unverpackt-Laden. Doch das hat sich zerschlagen. Am heutigen Montag ist das Geschäft in der Schaitbergerstraße das letzte Mal geöffnet.
„Aus gesundheitlichen Gründen“ kann die 44-Jährige nicht mehr weitermachen. Schon seit einigen Tagen läuft der Abverkauf der Waren. Immer mehr Behälter sind leer, an immer mehr Stellen sind die Böden der sonst vollen Regalbretter zu sehen. „Alles muss raus“ steht im Schaufenster. Nach den Weihnachtsfeiertagen gibt es noch einen dreitägigen Ausverkauf für das Inventar. Regale, Gläser, Schaufeln, Waagen, möglichst alles soll einen neuen Besitzer oder eine neue Besitzerin finden.
Der Laden war ein Experiment. Der Verzicht von Verpackung jeder Art, um Müll zu vermeiden, der die Umwelt belastet: Noch immer ist das für viele Menschen ein Konzept, das nicht so recht in ihre Lebenswirklichkeit passen will.
Wer in einem Unverpackt-Laden einkaufen will, muss das vorausschauend tun. Um Nudeln, Haferflocken oder Tee mit nach Hause nehmen zu können, muss man ein passendes Behältnis mitbringen. Das wird gewogen und am Ende zahlt man nur für die eingefüllte Ware. Das erklärt auch ein wenig, warum trotz der Lage mitten in der Altstadt neben der Johanniskirche eher wenig zufällige Laufkundschaft ins Geschäft kam.
Vor ein paar Jahren gab es einen regelrechten Trend für solche Unverpackt-Läden, doch inzwischen nimmt die Zahl wieder deutlich ab. In Schwabach, Nürnberg, Erlangen, Augsburg, Eichstätt oder Langenaltheim haben Läden zugesperrt oder sind im Begriff, das zu tun. In ganz Mittelfranken gibt es inzwischen weniger als ein halbes Dutzend Unverpackt-Läden.
Wirtschaftlich war es für die Geschäfte, die sich eine nachhaltige Lebensweise auf die Fahne geschrieben haben, noch nie einfach, doch die gestiegene Inflation hat ihnen das Leben zusätzlich erschwert, sagt Sarah Robinson. Das hat sie bei ihrer Kundschaft gemerkt. „Wir wollen und können ja nicht einfach billigere Produkte auf Menge kaufen und verramschen“, hat sie früher einmal in einem Gespräch mit der FLZ gesagt. Schließlich seien neben dem Verzicht auf die Verpackung regionale und nachhaltige Wirtschaftskreisläufe sowie ein faires Miteinander entscheidende Standbeine für das Unverpackt-System.
Robinsons Rettungsanker nach gut drei Jahren war eine Solidaritätsbewegung. Fast 50 Kundinnen erklärten sich seit dem Frühjahr bereit, als „ANpackerIN“ einen monatlichen Fixbetrag zu zahlen. Eine Art Abo sozusagen. Für den eingezahlten Betrag konnten sie entweder im Laden einkaufen oder den Betrag verfallen lassen, um die Idee des Unverpackt-Ladens zu unterstützen.
Für Robinson war das eine wirtschaftliche Basis, die ihr Planungssicherheit brachte. Doch die Zeit zum Durchschnaufen nach anstrengenden Aufbaujahren währte nur kurz. Nun zwingen sie gesundheitliche Gründe zum Aufgeben. „Ich wollte das eigentlich bis zu meiner Rente machen“, sagt sie und seufzt. „Das ist mein Baby.“
Wir müssen umdenken.
Eröffnet hat Sarah Robinson das Geschäft vor gut vier Jahren. Im Oktober 2020 heizte sich die Pandemie gerade für den zweiten Aufguss nach der Sommerpause auf. Die Menschen reagierten aufgeschlossen. Sie waren viel daheim. Man gönnte sich gute Lebensmittel, die auch ein bisschen mehr kosten durften. Doch das hielt nicht lange an. Und Corona war ja erst der Anfang. Es folgten Ukraine-Krieg, Energiekrise, Inflation.
Sarah Robinson ist von der Idee immer noch überzeugt. „Wir müssen umdenken“, sagt sie und bekommt einen sehr nachdenklichen Gesichtsausdruck. „Wir müssen das in den Griff kriegen, was wir den nachfolgenden Generationen überlassen.“ Laut dem Statistischen Bundesamt in Deutschland hat im Jahr 2021 jeder Deutsche 237 Kilogramm Verpackungsmüll produziert.
Die Initialzündung für Sarah Robinson war ein Tauchgang auf den Philippinen. Einmal falsch abgebogen und sie kam zu einem Fluss, der jede Menge Müll ins Meer gespült hat. Sie war schockiert und schrieb sich für ein Umweltsicherungsstudium in Triesdorf ein. Weil es sonst keiner tat, beschloss sie, die Unverpackt-Idee selbst aufzugreifen.
In den vergangenen vier Jahren hat sie sich ein enges Netz an Lieferanten aufgebaut. Eier, Honig, Säfte, Nudeln, Nüsse, Schokolade und noch mehr: Für vieles, was es im Laden gab, fand sie regionale Anbieter, mit denen sie zusammenarbeitete.
Die „tollen Produkte“ werden ihr selbst im Alltag natürlich sehr fehlen, bekennt die 44-Jährige. „Und der Geruch, wenn man die Tür aufgemacht hat“, sagt sie und grinst verschmitzt. Weil alles offen gelagert war – natürlich unter Beachtung der strengen Hygienevorschriften – durchströmt den Laden auch jetzt noch ein Duft, in dem sich Kaffee, Tee und Seife auf einladende Weise mischen.
Der Grundidee bleibt Sarah Robinson auch nach der Ladenschließung treu. Sie arbeitet künftig für die Ökokiste, einem Lieferdienst für Bioprodukte, der sein Angebot auch in den Raum Ansbach bringen will.