Skulpturen von Dietrich Klinge in Dinkelsbühls Kapuzinerkirche mit sakraler Würde | FLZ.de | Stage

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Veröffentlicht am 21.09.2025 07:00

Skulpturen von Dietrich Klinge in Dinkelsbühls Kapuzinerkirche mit sakraler Würde

Die Figur „Die Wunde”: Im sakralen Kontext mit dem leidenden Christus am Kreuz erscheint sie wie eine Leidensgenossin des Erlösers. (Foto: Martina Kramer)
Die Figur „Die Wunde”: Im sakralen Kontext mit dem leidenden Christus am Kreuz erscheint sie wie eine Leidensgenossin des Erlösers. (Foto: Martina Kramer)
Die Figur „Die Wunde”: Im sakralen Kontext mit dem leidenden Christus am Kreuz erscheint sie wie eine Leidensgenossin des Erlösers. (Foto: Martina Kramer)

Die Dinkelsbühler Altstadt ist bis Mitte Oktober die Bühne für 20 Skulpturen des im Ortsteil Weidelbach lebenden Bildhauers Dietrich Klinge. In einer Serie stellt die FLZ die Kunstwerke in einer losen Abfolge vor.

Von der Dreikönigskapelle bis zur Kapuzinerkirche sind es nur wenige Minuten zu Fuß. Es bietet sich deshalb an, nachdem man die vier Skulpturen Dietrich Klinges in der Kriegergedenkstätte angeschaut hat, gleich weiter zu dem Gotteshaus zu gehen, wo zwei weitere Werke stehen.

Sie sind in ihrer Wirkung so ganz anders als die Figuren in der kleinen Kapelle. Es sind zwei große, Raum greifende Objekte, aufgebaut im Mittelgang der zum ehemaligen Kapuzinerkloster gehörigen Kirche, die seit 1959 ein Wallfahrtsort ist. Längst ist der Orden ausgezogen, doch noch immer ist seine Jahrhunderte andauernde Präsenz spürbar.

Offensichtlich Schweres durchgemacht

Auch die beiden Klinge-Skulpturen strahlen sakrale Würde aus. Es sind Figuren, die in sich zu ruhen scheinen, was jedoch täuschen mag. Zumindest die vom Aufbau her eher quadratisch wirkende Skulptur, deren Haupt sich aus einem soliden Holzquader – der freilich aus Bronze ist – erhebt, hat offensichtlich Schweres durchgemacht. „Die Wunde“ in der Herzgegend ist tief und ergießt einen dicken Blutstrahl aus ihrem Inneren. Der rötlich rostfarbene Ton, der das Zentrum der Figur prägt, deutet zusätzlich auf die Verletzung hin.

Die Züge des Gesichts, das unter einer helmartigen Kopfbedeckung hervorlugt, sind wie unter einem unterdrückten Schmerz verzerrt. Die nur angedeuteten Augen sind geschlossen und nach unten gezogen. Die Statik der Plastik kann als Ausdruck der Lähmung gedeutet werden, ein letztes Zusammenhalten vor dem Zusammenbruch, den diese grobe Wunde unweigerlich zur Folge haben muss. Im sakralen Kontext mit dem leidenden Christus am Kreuz erscheint diese Figur wie eine Leidensgenossin des Erlösers.

Ganz anders von der Ausstrahlung her ist „eRBe12”, die zweite Skulptur, die der „Wunde“ gegenüber positioniert ist. Ein unbestimmbares Zwitterwesen, dessen Haltung mit den auf dem Sockel aufliegenden Armen in frontaler Ansicht ein wenig an eine Sphinx erinnert. Der Kopf mit dem beseelten, nach innen gerichteten Blick wirkt in seiner Kargheit eher männlich. Bei entsprechendem Blickwinkel ergibt sich der Eindruck, als umgebe das Haupt der Plastik einer Aureole, die eigentlich über dem dahinter befindlichen Altar angebracht ist.

Ganz eigentümliche Dynamik

Der Körper mit seiner ausgeprägten Brustpartie wirkt eher weiblich, wenn auch ausgezehrt, so als ob die Rippen durchscheinen würden. Querlinien, ein tief eingegrabener Mittelkanal im Oberkörper, ein aufgequollener Baubereich, vor dem sich Hände kreuzen, geben dem eigentlich ruhig scheinenden Torso eine ganz eigentümliche Dynamik.

Auch wenn diese Figur von keiner Wunde beeinträchtigt ist, so scheint sie doch Leid erfahren zu haben. Bemüht, dem Abgründigen eine gewisse Stoik entgegenzusetzen, wie der leicht entrückte Ausdruck ihres Gesichtes andeutet – so als habe sie allen Schmerz bereits überwunden. Und damit tritt sie zugleich in den Dialog mit dem Erlöser und seinem Heilsversprechen.


Von MARTINA KRAMER
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