Die einen bewundern ihn dafür, die anderen runzeln die Stirn. Der Rede- und Kommunikationsstil von Ministerpräsident Markus Söder ist in der deutschen Politiklandschaft einmalig. Auch beim Europaempfang der CSU Mittelfranken in Ansbach legte er am Dienstagabend ein kleines Kabarett-Programm hin.
Gut, dass eine von vier Hymnen, die an diesem Abend gesungen wurden, auch als fröhliche Einmarschmusik funktioniert. So war der Ton der Veranstaltung mit dem Frankenlied auch gleich gesetzt. Hundertfaches Händeschütteln, massenhaft gezückte Handys – Ministerpräsident Markus Söder wurde in der Ansbacher Orangerie empfangen wie ein Popstar. Eine Rolle, die ihm bekanntlich gut gefällt und die er auch an diesem Abend mit Leben füllte.
Phasenweise hatte Söders etwa dreiviertelstündige Wahlkampfrede etwas vom konservativen Kabarett à la Bruno Jonas und Helmut Schleich. Einsatz von Händen, Füßen, Gestik und Mimik. Söder hält keine bloßen Vorträge, seine Bühnenpräsenz gleicht eher der eines Entertainers. Für sein Publikum ist das unterhaltsam, für einen Ministerpräsidenten und Landesvater nach wie vor ungewöhnlich und unkonventionell.
Was er im Internet auf die Spitze treibt, das lebt Söder auch beim Live-Auftritt aus: ernste politische Themen, verpackt in eine flapsige Hülle. Dazu immer wieder kurzweilige und überspitzte Anekdoten aus dem Leben eines Ministerpräsidenten. Die Politikwissenschaft nennt das Politainment. In Amerika wird der, der es besser beherrscht, alle vier Jahre zum mächtigsten Menschen der Welt gewählt. In Deutschland betreibt es niemand aktiver und gekonnter als Söder.
Dass dabei die politischen Gegner aufs Korn genommen werden: logisch. Dass die „seltsamen Essgewohnheiten“ des indischen Premierministers analysiert werden: erwartbar, angesichts von Söders permanent zur Schau gestellter Leidenschaft für Drei im Weggla. Doch die anwesenden Parteifreunde dürfen sich ebenfalls nicht zu sicher fühlen: Der Bauch des bayerischen Innenministers? Die sportlichen Leistungen und das Alter des Europawahl-Kandidaten? Der Gesichtsausdruck des Landrats? So ziemlich die gesamte versammelte CSU-Prominenz erhält ihr Sprüchlein – unmissverständlich, wer hier der Boss im Ring ist. Das Publikum lacht, die Angesprochenen lächeln leicht gequält.
Ein echter Entertainer hat für sein Publikum selbstverständlich auch eine regionalisierte Rede vorbereitet. Und so ergründet der aus Nürnberg stammende CSU-Vorsitzende auch schon ziemlich zu Beginn süffisant die urfränkischen Eigenschaften: „Die Unterfranken sind die Lustigsten, die Oberfranken die Kernigsten und die Mittelfranken sind so ein bisschen semi-depressiv. Das Schlimmste, das man einem Mittelfranken antun kann, ist, ihn mit anderen Menschen zusammenzubringen. Das überfordert ihn.“
Politische Veranstaltungen am Abend sind fester Bestandteil unseres Berufes. Die Bandbreite dabei ist bei einer Zeitung wie der FLZ groß: Von der Gemeinderatssitzung in kleinen Ortschaften bis zum Besuch des Ministerpräsidenten ist alles dabei.
Politische Reden hören wir also regelmäßig. Da fällt schnell auf, wenn ein Redner – in diesem Fall Markus Söder – sich bewusst ganz anders präsentiert als die meisten seiner Kolleginnen und Kollegen.
Diese Besonderheit wollten wir herausarbeiten – so entstand in der morgendlichen Redaktionskonferenz die Idee zu diesem Text.
Die Fakten und inhaltlichen Aussagen dürfen natürlich trotzdem nicht fehlen. In diesem Fall werden sie separat dargestellt.