Störche als Plagegeister: Herriedens Bürgermeisterin beklagt „fortwährenden Ärger” | FLZ.de | Stage

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Veröffentlicht am 09.10.2025 10:00, aktualisiert am 10.10.2025 12:29

Störche als Plagegeister: Herriedens Bürgermeisterin beklagt „fortwährenden Ärger”

Storchenparade auf dem Dachfirst: Wie hier an der Stiftsbasilika sind die Hinterlassenschaften der Tiere in Herrieden vielfach zu sehen. (Foto: Rudolf Eder)
Storchenparade auf dem Dachfirst: Wie hier an der Stiftsbasilika sind die Hinterlassenschaften der Tiere in Herrieden vielfach zu sehen. (Foto: Rudolf Eder)
Storchenparade auf dem Dachfirst: Wie hier an der Stiftsbasilika sind die Hinterlassenschaften der Tiere in Herrieden vielfach zu sehen. (Foto: Rudolf Eder)

Die Zahlen sind quasi explodiert. Rund um Herrieden hat sich der einstmals gefährdete Bestand an Weißstörchen so gut entwickelt, dass die Vögel inzwischen oftmals als Plagegeister wahrgenommen werden. Die Experten kennen das Problem, setzen aber auf ein Miteinander zwischen Mensch und Tier.

Wenn auswärtige Gäste erstmals die schmucke Stadt an der Altmühl besuchen, sind sie zumeist begeistert von dem Anblick: Im weitläufigen Wiesengrund zwischen Aurach und Merkendorf finden sich zahlreiche Exemplare des Ciconia ciconia, wie der lateinische Fachbegriff des Klapperstorchs lautet. Die Dächer der historischen Kernstadt Herriedens werden in den Abendstunden zu regelrechten Treffpunkten, zu Dutzenden sammeln sich die Vögel, ehe sie im Sonnenuntergang in ihre Horste fliegen: Fraglos ein pittoreskes Bild, doch die Hinterlassenschaften der deutlich gewachsenen Population und die damit verbundenen finanziellen Herausforderungen sorgen längst für reichlich Unmut in der Stadt.

Störche in Herrieden? „Darf sich gerne jeder einen mitnehmen”

Der Storch ist längst auch ein Dauerbrenner im Rathaus. Positiv, in touristischer Hinsicht, denn Adebar lässt sich gut vermarkten. Aber die Beschwerden aus der Bevölkerung häufen sich, heißt es aus der Verwaltung. Als im August die BR-Radltour in Herrieden gastierte und Bürgermeisterin Dorina Jechnerer im Interview auf der Bühne vor tausenden Menschen leicht romantisch-verklärt zu den vielen Störchen befragt wurde, lautete die offene Antwort der Rathaus-Chefin: „Es darf sich gerne jeder einen mitnehmen.” Im Klartext: Die Störche werden in ihrer Masse als Problem wahrgenommen.

Das gefühlt rasante Anwachsen rund um Herrieden lässt sich durch Zahlen verifizieren. Auf „rund 150 Brutpaare” beziffert Günter Möbus vom Landesbund für Vogelschutz (LBV) die Population im Landkreis. Und jedes Jahr werden es mehr, auch der Bestand der Jungtiere (363 zu 312) hat im Vergleich zu 2023 um deutlich mehr als zehn Prozent zugelegt. Bei einer Zählung am 1. Januar 2025 kam der Experte auf 150 Störche, die allein im Stadtgebiet Herriedens übernachteten. Zum Vergleich: Als der Freistaat in den 1980er Jahren ein Schutzprogramm für den Storch initiierte, gab es bayernweit nur noch 60 Weißstorch-Paare. Heute sind es wieder rund 1400 Störche. In Herrieden ist eine der größten Kolonien zu finden. Auch und gerade wegen menschlicher Einflüsse.

Wilde Tauben am Dach des Gabrieli-Hauses im Herzen Herriedens: Wegen der Überpopulation gibt es Probleme. (Foto: Florian Pöhlmann)
Wilde Tauben am Dach des Gabrieli-Hauses im Herzen Herriedens: Wegen der Überpopulation gibt es Probleme. (Foto: Florian Pöhlmann)

Kein Verbot in Herrieden: Taubenfütterung bleibt nur unerwünscht

Stadträte lehnen Vorschlag der Verwaltung ab. Stattdessen sollen Gespräche auf die Überpopulation aufmerksam machen. Eier werden im Nest durch Imitate ersetzt.

Auch die Deponie in Aurach „schmeckt” offenbar

Die Ursachen sind längst klar: Neben dem Angebot im Feuchtwiesengebiet entlang der Altmühl finden sich in der Nachbarschaft weitere Futterstätten, die der Storch zu schätzen gelernt hat. Neben der Deponie in Aurach und einem Betrieb mit Grünboxen bei Bechhofen zieht die Störche gerade die Entsorgungsanlage in Seebronn an. Weil sie damit auch in den Wintermonaten ausreichend Nahrung vorfinden, ziehen die meisten Störche nicht mehr nach Afrika oder auf dem kürzeren Weg zu den Abfalldeponien in Spanien. Entsprechend relativiert sich die Population nicht mehr.

Als erste Maßnahme vor Ort will der Betrieb in Seebronn sein Areal überdachen, entsprechende Anträge liegen bereits vor, hieß es zuletzt im Herrieder Stadtrat. Die dort ins Spiel gebrachte Idee, ähnlich wie bei Tauben die Eier der Störche zu entnehmen oder durch Attrappen zu ersetzen, führe zu nichts, meint der Experte vom Vogelschutzbund. Die etwa bei Graugänsen mögliche Maßnahme, das Gelege anzustechen und bis auf zwei Eier unfruchtbar zu machen, kommt beim Storch nicht in Betracht, weil er über Bundes- und EU-Recht streng geschützt ist. „Es müssen intelligente Lösungen her”, sagt Möbus.

Bürgermeisterin schrieb an Minister Glauber

Derweil hat sich auch Bürgermeisterin Dorina Jechnerer mit einem Brief an den Staatsminister für Umwelt und Verbraucherschutz, Thorsten Glauber, gewandt. In dem der FLZ vorliegenden Schreiben schildert die Rathaus-Chefin die Probleme mit der Überpopulation. Sie berichtet von „fortwährendem Ärger” und „beachtlichen Kosten” für Hausbesitzer, die aus Sicherheitsgründen oder aufgrund von Säuberungsmaßnahmen die Hinterlassenschaften der Störche beseitigen lassen. „Die Stadt sieht sich zunehmend mit Forderungen nach finanzieller Unterstützung konfrontiert.” Da der Storch über ein Bundesgesetz streng geschützt ist, sieht Jechnerer hier den Bund in der Pflicht. Sie spricht sich gegenüber dem Minister für ein Storchen-Management aus.

Demgegenüber zieht Günter Möbus vom Landesbund für Vogelschutz andere Optionen in Betracht. Das Abkappen von Bäumen etwa, um die Möglichkeit stark einzuschränken, wie auf dem Herrieder Festplatz vermehrt und artfremd in Bäumen zu nisten. Das soll „den Druck in den Städten reduzieren”, meint Möbus. Eine schärfere Gangart, etwa den zeitlich und lokal begrenzten Abschuss einiger Exemplare, lehnt der Experte ab. „Die Leute können die Kotspritzer auf dem Dach nicht ertragen. Aber das ist nur ein optisches Problem. Das muss man aushalten.”

Anmerkung der Redaktion: Ein Zitat von Günter Möbus war ursprünglich falsch eingeordnet worden. Die Aussage, „die Gelege anzustechen” fiel im Zusammenhang mit Graugänsen. Möbus legt Wert auf die Feststellung, dass diese Methode beim Storch nicht angewendet werden darf, da es sich um eine nach Bundes- und Europarecht streng geschützte Vogelart handelt.


Florian Pöhlmann
Florian Pöhlmann
Nach der journalistischen Grundausbildung beim Fernsehen rief 1999 die große weite Welt des Sports, die ich in Nürnberg in nahezu allen Facetten kennenlernen und in verantwortlicher Position gestalten durfte. Erst der verlockende Ruf aus Ansbach und die Aussicht, im fortgeschrittenen Alter Neues zu wagen, sorgten ab 2021 für einen Neustart in der Lokalredaktion.
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