Theater Ansbach: Mord im Hörsaal der Hochschule | FLZ.de | Stage

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Veröffentlicht am 17.03.2024 17:03

Theater Ansbach: Mord im Hörsaal der Hochschule

Im Dunkeln wegtauchen wie sonst im Theater, das geht hier nicht. Das Licht bleibt an. Der Hörsaal spielt mit. Fast spielt er sich selbst. Und das Publikum sitzt in seinen Reihen wie zum Studium bestellt. Es schaut aber zu: Das Theater Ansbach zeigt in der Hochschule Ansbach ein absurdes Kultstück: „Die Unterrichtsstunde“.

Axel Krauße, der Intendant des Ansbacher Theaters, hat das Komische Drama von Eugène Ionesco passgenau in das Hans-Maurer-Auditorium hineininszeniert. Sogar den Handtuchspender setzt er anfangs so in Szene, dass er einen Lacher bekommt. Was eine Finte ist – genauso wie Ionescos harmloser Komödienbeginn.

Trügerischer Realismus

Nicht weniger trügerisch ist der Realismus, den der Hörsaal ausstrahlt. Durch die Situationen und die Inszenierung mutiert das Auditorium zu einem surrealen Wohn-Lehrraum samt Leichenkeller. Alle sehen zu im hellen Licht. Sie lachen über die komisch abgedrehten Dialoge dieses Schau-Unterrichts. Später wird klar, dass er letztlich von Machtsystemen, von Unterdrückern, den Zuarbeitern und den Zugerichteten, den Opfern handelt.

Ein älterer Professor soll bei sich daheim eine neue Schülerin auf ihr Studium vorbereiten. Die 18-Jährige hat lustige Wissenslücken und naive Vorstellungen. Sie will den „totalen Doktor“ machen und alles zugleich studieren. Ihre Eltern möchten es so. Was der Professor gut heißt. Ob sie anfangen könnten? „Ja, Herr Professor, ich stehe zu Ihrer Verfügung“, sagt sie. „Zu, zu meiner Verfügung?“ So wie Vladimir Pavic dies fragt, er spielt seine Rolle hervorragend, flackert Erregung mit. Die Höflichkeitsfloskel wörtlich genommen wird lebensgefährlich.

Sicheres Gespür für Eskalation

Axel Krauße inszeniert den gut abgehangenen Avantgarde-Klassiker mit frischem Witz, gliederpuppenhafter Stilisierung in der Körpersprache und sicherem Gespür für die eskalierende Lage. Dem Professor gibt er viel Auslauf, um seine Textmasse zu schultern. Treppauf, treppab schleicht Vladimir Pavic durch den Saal, schreibt an die Tafel, zieht der Schülerin an den Ohren und zückt schließlich als Anschauungsobjekt für den Sprachunterricht ein Messer.

Vladimir Pavics spillriger Professor ist bis in die Zehenspitzen: ein Lauernder im großkarierten Anzug, erst überfreundlich, untermischt mit akademischem Hochmut, später lüstern, auftrumpfend, irr und angstgetrieben.

Den Mord baut Axel Krauße, ein bezwingender Einfall, zu einem bizarren Ritual-Akt aus. Vladimir Pavic singt im priesterlichen Ton immer und immer wieder das gleiche Wort: Messer. Das klingt betörend und wirkt unerträglich grausam. Ein Stich. Hinter der Tafel quillt rotes Gekröse hervor – das Bühnenbild von Christina Wachendorff hat ein paar starke Überraschungen parat, ihr Kostümbild auch.

Arglosigkeit und Zahnweh

Hanna Gandor als Schülerin – Zöpfe zur schulterfreien Korsage – strahlt rundheraus vor Arglosigkeit, legt ihre Hände wie Hundepfötchen auf den Tisch und ist bereit für eine Abrichtung. Als Zahnweh in sie fährt, ist ihr Körper ein Schmerz. Keine Kraft, sich loszureißen.

Viola Neumann als Dienstmädchen des Professors sieht mit ihrer Brille aus wie Harold Lloyds große Schwester, drückt sich an der Glaswand zum Hörsaal die Nase platt, ist Warnerin, willige Helferin und Übermutter. Sie baut ihre Figur aus Komik und Verzweiflung. Durch sie schaut man auf den Grund des Stücks hinab.

Am Ende der Unterrichtsstunde (von links): Hanna Gandor, Vladimir Pavic und Viola Neumann. (Foto: Jim Albright)
Am Ende der Unterrichtsstunde (von links): Hanna Gandor, Vladimir Pavic und Viola Neumann. (Foto: Jim Albright)
Am Ende der Unterrichtsstunde (von links): Hanna Gandor, Vladimir Pavic und Viola Neumann. (Foto: Jim Albright)

Thomas Wirth
Thomas Wirth
Redakteur im Ressort „Kultur“
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