Bis 2030 will Deutschland die Flächenversiegelung pro Tag auf 30 Hektar drosseln. Derzeit verbraucht allein Bayern jeden Tag mehr als zwölf Hektar Grünfläche. Besonders ländliche Regionen wie Westmittelfranken sind hier führend. Prof. Dr. Jennifer Gerend von der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf erläutert, wie sich gegensteuern ließe.
Sie stören sich daran, wenn Städte und Gemeinden ein Baugebiet ausweisen und das als Erfolg verkaufen. Warum?
Flächenverbrauch ist ein schleichendes Problem in Deutschland – auch hier in der Region. Ein neues Baugebiet nimmt man nicht nur hin, sondern man sieht es als Angebot der Gemeinde. Wenn eine Straße oder eine Fabrik gebaut werden soll, fragt man wesentlich kritischer, welche Umweltauswirkungen das haben wird. Bis 2050 soll der Flächenverbrauch in Deutschland und in Europa bei Netto-Null liegen und Bayern strebt bis 2030 eine Reduzierung der Flächeninanspruchnahme auf fünf Hektar pro Tag an. Aktuell sind wir davon sehr weit entfernt. Gerade im ländlichen Raum wie in Westmittelfranken ist der Flächenverbrauch in vielen Gemeinden besonders groß, oft ohne Zusammenhang mit der demografischen Entwicklung.
Ihre Forschung untersucht die sozialen Aspekte von Baulücken und Siedlungsentwicklung in kleinen Gemeinden. Aber in erster Linie ist der Flächenverbrauch natürlich ein ökologisches Problem.
Boden, der einmal versiegelt ist. bleibt auf Dauer verändert. Selbst nach einer Renaturierung ist es nicht wie vorher, sagen mir die Fachleute. Bei der Flächenkonkurrenz dürfen wir die Landwirtschaft nicht vergessen. Wir brauchen die Flächen für die Produktion von Nahrungsmitteln, für erneuerbare Energie sowie für die Biodiversität. Deshalb müssen wir dringend bei Siedlungs- und Gewerbeflächen sparen.
Wenn eine Fabrik oder ein großes Geschäft mit einem Parkplatz gebaut wird, ist die Fläche komplett versiegelt. Bei Einfamilienhäusern gibt es Gärten und Grün. Ist das nicht die bessere Nutzung?
Im Vergleich zum Gewerbegebiet stimmt das natürlich. Doch versiegelt ist versiegelt. Und es gibt zudem nicht zu unterschätzende Folgekosten eines Neubaugebietes: die Erschließungs- und Unterhaltungskosten für Versorgungs- und Verkehrsinfrastruktur, Kitas oder Schulen, Das wird selten genug berücksichtigt.
„Wir dürfen die Landwirtschaft nicht vergessen.”
Für ländliche Regionen ist der Baulandpreis ein Argument, um Menschen anzulocken, die sich in Nürnberg, München, Ingolstadt oder Augsburg ein Haus nicht leisten könnten. Das ist doch nachvollziehbar, oder?
Schon. Aber wir machen mit diesen Neubaugebieten das kaputt, was unsere Region ausmacht. Wenn ich Besuch aus dem Ausland habe, bewundern diese Menschen die schöne Landschaft mit ihren verstreut liegenden historischen Städten und Ortschaften. Nehmen Sie Orte wie Merkendorf oder Wolframs-Eschenbach mit wirklich bedeutender historischer Bausubstanz. Neubaugebiete sind hingegen selten identitätsstiftend. Wenn wir am Ortsrand der Gemeinden in unserer Region weiterhin Neubaugebiete entwickeln, entsteht oft ein Donuteffekt. In der Mitte wird nicht mehr investiert, weil es billiger ist, ein neues Einfamilienhaus am Rande zu kaufen.
Ihnen geht es also darum, in die Ortskerne zu gehen und da zu verdichten?
Genau: Sanieren und nachverdichten. Viele Gemeinden brauchen eigentlich kleine Wohneinheiten, um die Menschen im Ort zu halten. Ein positives Beispiel ist die Gemeinde Markt Uehlfeld im Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim. Dort hat man es selbst in die Hand genommen, Wohnraum im Zentrum zu entwickeln. Und für solche Ideen gibt es Fördermittel. Dabei geht es nicht nur um zentrumsnahe Wohnungen für ältere Menschen, die nicht mehr das große Haus brauchen. Es betrifft auch junge, die gerne aus dem Elternhaus ausziehen möchten, aber im Umfeld bleiben wollen. Es können sich schlichtweg auch Lebensumstände ändern, zum Beispiel durch Scheidung.
Für viele ist das eigene Einfamilienhaus ein großes Ziel im Leben. Wie wollen Sie den Menschen schmackhaft machen, dass sie in einer nachverdichteten Bebauung im Zentrum auf weniger Fläche leben sollen?
Der Markt könnte besser funktionieren. Wenn Menschen, die das große Einfamilienhaus nicht mehr brauchen, in kleinere Wohnungen ziehen würden, gäbe es für jene Familien, die ein Einfamilienhaus möchten, genug davon. Der Markt braucht außerdem mehr Vielfalt und neue Wohnformate in zentralen Lagen. Tatsächlich sehe ich immer wieder Anzeichen, dass gar nicht alle Familien unbedingt ein Einfamilienhaus wollen. Das zeigt sich zum Beispiel an verwahrlosten Gärten. Auch höre ich immer wieder, dass Eltern es leid sind, die Kinder mit dem Auto überall hinfahren zu müssen, weil sie zu weit draußen wohnen. Nehmen Sie das Weinbergplateau in Ansbach. Mit dem Fahrrad da hochzufahren, ist für alle bei Wind und Wetter keine leichte Angelegenheit. Man schimpft gerne über die Elterntaxis, aber sie sind teilweise eine Folge der Siedlungsentwicklung.
„Eine Siedlungsentwicklung wie in den USA wollen Sie nicht.”
Aber es gibt in den Gemeinden oft Wartelisten mit Bauwilligen…
Das stimmt, aber es wird keine Warteliste geführt für große Familienwohnungen im Bestand. Dieser Bedarf wird nicht abgefragt. Ich sehe das auch aus einer anderen Perspektive. Ich komme aus den USA und ich kann Ihnen sagen: Eine Siedlungsentwicklung wie in den USA wollen Sie nicht. Die Kinder kommen nicht einmal mehr mit dem Fahrrad in die Schule, es gibt Stau überall. Die Erreichbarkeit ist ein großes Problem. Man sollte die Wohnlagen deshalb überdenken. Guter Wohnraum für Familien muss zentrumnah oder im Zentrum legen.
Sie sagen also, die Einfamilienhäuser, die wir jetzt haben, reichen eigentlich. Man müsste die vorhandenen Häuser und Wohnungen nur besser verteilen. Verstehe ich das richtig?
Ganz genau. Die Menschen sollen natürlich die Freiheit haben, zu entscheiden, ob sie in einem Haus oder in einer Wohnung leben wollen. Aber der Markt funktioniert leider nicht so gut. Die Gründe sind komplex. Für große Bauunternehmen und Banken sind neue Einfamilienhäuser ein gutes Geschäft. Die Sanierung von Bestandsbauten ist manchmal aufwendig, aber dafür nachhaltig und es unterstützt regionale Handwerksbetriebe.
Aktuell versiegelt Bayern am Tag mehr als zwölf Hektar Fläche. Glauben Sie wirklich, dass wir durch eine bessere Nutzung der vorhandenen Bausubstanz bis 2050 auf Null kommen?
Die Studien zeigen, dass es wirklich genug Potenzial im Innenbereich gibt. Gerade mit Blick auf die demografische Entwicklung bin ich sicher, dass das erreichbar ist. Wenn der politische Wille zur Umsetzung da ist.
Ist der politische Wille da?
Bürgermeisterinnen und Bürgermeister sind hier wirklich sehr viel Druck ausgesetzt. Die Bürger kommen und sagen: Meine Kinder möchten ein Haus bauen. Aber man muss nicht jedem Wunsch der Kinder direkt nachkommen. Eltern wissen das. Warum muss es ein Neubau sein? Das funktioniert nicht, wenn jede Generation das erwartet. Bürgermeister müssen langfristig denken. Sie müssen zukünftige Generationen und die Umwelt im Blick behalten.
Wie wohnen Sie selbst?
Ich wohne zentral in der Stadt Ansbach, in einem Haus aus dem Jahr 1907. Mein Vater ist dieses Jahr bei uns in die Erdgeschosswohnung eingezogen.
Prof. Dr. Jennifer Gerend (48) ist seit 2019 Professorin in Triesdorf für den Masterstudiengang Regionalmanagement. Die Themenschwerpunkte der aus Seattle in den USA stammenden Wissenschaftlerin sind räumliche Planung und Entwicklung, Landnutzung, Regionalentwicklung, City- und Quartiersmanagement, Wirtschaftsförderung sowie Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit. In den vergangenen drei Jahren hat sie die sozialen Aspekte von Baulücken und Flächenverbrauch im ländlichen Raum anhand der Orte Markt Uehlfeld (Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim) sowie Wolframs-Eschenbach und Neusitz (beide Landkreis Ansbach) erforscht. Erste Ergebnisse sind bereits veröffentlicht, weitere Details sollen im Lauf des Jahres folgen.