Tröten, Trommeln und Trillerpfeifen: Ein lauter 1. Mai in Ansbach | FLZ.de | Stage

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Veröffentlicht am 01.05.2025 17:43

Tröten, Trommeln und Trillerpfeifen: Ein lauter 1. Mai in Ansbach

Zum 1. Mai gingen in Ansbach gut 150 Gewerkschaftsmitglieder für Arbeitnehmerrechte und gegen den Rechtsruck auf die Straße. Bei der anschließenden Kundgebung artikulierte der Gastredner Frank Hauenstein die dringenden Forderungen der Bewegung an die designierte Bundesregierung.

„Benni, komm mal! Die Hüpfburg hat keine Luft mehr“, ruft einer der Gewerkschafter mit roter Weste über den Martin-Luther-Platz. Benjamin Kießling, Vorsitzender des DGB Ansbach schaut sich um, da tippt ihm schon seine Lebensgefährtin auf die Schulter. Mit Megafon in der Hand und Kamera um den Hals möchte Denise Kießling ihm die Band vorstellen, die nach der Kundgebung für Musik sorgen wird.

Ein Fest für die ganze Familie

Es ist noch gut eine Stunde bis die Gewerkschaftsvertreter ihre Demonstration beginnen und Kießling wird von einem Eck ins nächste gerufen. „Wenn wir keinen Strom für die Hüpfburg finden, wäre das schon sehr schade, wir wollen ja ein Fest für die ganze Familie ausrichten“, sagt der 37-Jährige mit sorgenvollem Blick.

Um halb elf wird der Demonstrationszug vom Schlossplatz aus am Bahnhof vorbei und durchs Herrieder Tor ziehen und auf dem Martin-Luther-Platz ankommen. Hier stehen sowohl Bühne als auch Infostände von DGB, Verdi, EVG und IG Metall bereit. Um die 30 Helfer richten Kuchenplatten, schleppen Getränkekisten oder legen Flyer aus – und quasi ununterbrochen kommt einer von ihnen mit einer neuen Frage auf Benjamin Kießling zu. Am Ende des Tages sei es schon immer eine Erleichterung, wenn alles wieder abgebaut ist. „Irgendwann fahr´ ich am 1. Mai mal in Urlaub“, so Kießling.

Kritik an AfD und neuer Koalition

Doch der Hauptverantwortliche weiß, wieso er heute hier ist: „Erstens geht es darum, ein Zeichen gegen das Erstarken der AfD zu setzen, die gegen alles ist, für was wir als Gewerkschaften stehen.“ Aber auch die Regierungsbildung der schwarz-roten Koalition sei dieses Jahr wichtig. „Vieles in diesem Koalitionsvertrag sehen wir kritisch, allem voran natürlich die Abschaffung des Acht-Stunden-Tags“, sagt der hauptberufliche Bahn-Betriebsrat.

Eine halbe Stunde vor Start der Demo werden noch die letzten verirrten Food-Truck-Betreiber vom Platz verscheucht. Dann geht es langsam Richtung Schlossplatz. Dort warten schon die Marching Drums auf ihren Einsatz.

Die Schlagzeugschüler von Philipp Renz laufen dem Fahnenmeer voraus und sorgen dafür, dass Ansbach den 1. Mai nicht nur sieht, sondern vor allem hört. „Ein bisschen aufgeregt sind wir schon, aber wir freuen uns“, sagt einer der jungen Trommler, während er sich sein Schlagzeug um die Schultern hängt.

Motto: „Mach dich stark – mit uns“

Die Polizei behält alles im Auge und fährt der Menge voran im Schritttempo Richtung Bahnhof. Jetzt kann es losgehen. Tröten, Trommeln und Trillerpfeifen tönen durch die Ansbacher Straßen. Hinter den Marching Drums tragen die Genossen das rote Banner mit dem diesjährigen Motto: „Mach dich stark – mit uns“.

Bei strahlender Sonne flattern nicht nur Gewerkschaftsfahnen, sondern auch Grüne, SPD und am meisten Linken-Logos über den Köpfen der Teilnehmenden.

Angekommen am Martin-Luther-Platz ergreift Benjamin Kießling das Wort und bedankt sich bei allen Beteiligten. Nach einer kurzen Einleitungsrede übergibt er das Wort an Oberbürgermeister Thomas Deffner (CSU). Anders als im vergangenen Jahr sind sich Deffner und Kießling in ihren Worten überraschend einig.

Deffner lobt die Gewerkschaftsarbeit und erinnert an die Errungenschaften der Arbeiterbewegung. Auch Kießlings Forderung nach mehr Mitbestimmung im Ansbacher Klinikum ANregiomed widerspricht der Oberbürgermeister nicht, sondern verweist lediglich auf die Hürden in der demokratischen Umsetzung. Sowohl Deffner als auch Kießling betonen die unbedingte Notwendigkeit, gegen Bedrohungen der Demokratie von innen und außen aufzustehen.

Deutliche Statements gegen Diskriminierung

Auf zwei deutliche Statements gegen Diskriminierung der DGB-Jugend folgt der Hauptredner. Frank Hauenstein, Bundesvorstandsmitglied der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) freut sich, als gebürtiger Nürnberger in Mittelfranken für seine Überzeugungen eintreten zu dürfen und hält mit keiner Forderung hinterm Berg: „Wer gute Mitarbeiter will, muss sie auch gut behandeln.“

Das gehe über einen fairen Lohn hinaus. „Hände weg vom Einzelhandel!“ In Bayern dürfe die Arbeitszeit keinesfalls verlängert werden. Außerdem fordert Hauenstein eine sinnvolle Anwendung des geplanten Investitionspakets der kommenden Bundesregierung: „Wir brauchen Investitionen für unser Land.“ Das Geld müsse in Kindergärten, Schwimmbäder und Bahnstrecken gehen.

So kämpferisch klingt der Höhepunkt der ersten Mai-Kundgebung. Kießling bedankt sich noch mal bei allen Teilnehmenden, bevor das „Picked Up“-Duo die Mikrofone übernimmt. Auf der Hüpfburg springen nun einige Kinder. Langsam stellt sich bei Benjamin Kießling die erhoffte Erleichterung ein.

Bei strahlendem Sonnenschein bewegte sich der Demonstrationszug durch die Ansbacher Innenstadt, hier über die Promenade vor dem Herrieder Tor.. (Foto: Jannic Hofmuth)
Bei strahlendem Sonnenschein bewegte sich der Demonstrationszug durch die Ansbacher Innenstadt, hier über die Promenade vor dem Herrieder Tor.. (Foto: Jannic Hofmuth)
Bei strahlendem Sonnenschein bewegte sich der Demonstrationszug durch die Ansbacher Innenstadt, hier über die Promenade vor dem Herrieder Tor.. (Foto: Jannic Hofmuth)

Von Jannic Hofmuth
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