Ausgedient hat es schon lang, besonders ansehnlich ist es nicht mehr, etwas windschief steht es da – doch mit seiner Pickelhaube auf dem zweiteiligen Ziegeldach ist es ein historisches Bauzeugnis: das alte Trafohaus am Gasberg in Leutershausen. Im Freilandmuseum in Bad Windsheim kommt es bald zu neuen Ehren. Noch heuer soll es umziehen.
Eigentlich drohte dem Turm, der etwa aus dem Jahr 1915 stammt und bis 1960 die erste Trafostation in Leutershausen beherbergte, der Abbruch. Nach Angaben des Kommunalunternehmens (KUL) steht es nicht unter Denkmalschutz. Doch zumindest in der Fraktion ALL/Grüne im Stadtrat attestierte man ihm 2022 „den Rang eines Industriedenkmals“, wie Architektin und Stadträtin Renate Götzenberger befand, als das KUL das Trafohaus loswerden wollte.
Weil die Funktion der „Station 1“ längst ein benachbarter Trafo in einem schmucklosen, grauen Kasten übernommen hatte, gab es im KUL keine Verwendung mehr für den Turm. Zumal dessen Bausubstanz nicht mehr die beste ist. Das Gebäude ist weitgehend entkernt und hat sich sichtbar hangabwärts geneigt. Im Inneren manifestieren sich die Bewegungen durch Risse, etwa in der Bodenplatte.
Allein eine „Sicherung und Verlangsamung der Hangbewegungen“ würde schätzungsweise einen sechsstelligen Betrag verschlingen, prognostizierten damals die KUL-Fachleute. Die Sanierung der maroden Bausubstanz sei dabei noch gar nicht berücksichtigt. Weitere Investitionen wären nicht wirtschaftlich, hieß es, weshalb das KUL einen Abbruch in den Sommerferien 2023 anstrebte. Doch dazu kam es nicht.
Aus Sicht von ALL und Grünen sollte zumindest der Versuch unternommen werden, den Turm neben dem Kindergarten zu erhalten. Sie plädierten dafür, dass die Stadt dem KUL die „Station 1“ abkauft, und suchte nach Vorschlägen, wie man das einst schmucke Bauwerk weiter nutzen könnte. Die Ideen reichten von einer besonderen Unterkunft für Urlauber über ein Kunstprojekt bis hin zu einem Fledermausquartier. Schon einmal war ein ehemaliges Trafohaus am Stadtweiher zu einem Quartier für verschiedene Vogelarten ausgebaut worden.
Letztlich landete das Gebäude dann aber doch nicht im Portfolio der Stadt, sondern in Privathand. Das KUL offerierte – drei Jahre ist das inzwischen her – den Turm samt neun Quadratmetern Grundfläche auf einer Internet-Plattform, gegen Gebot. Als die Leutershäuser Steinmetzmeisterin Carolin Domscheit davon Wind bekam, boten sie und ihr Mann, der Architekt und Stadtrat Harald Domscheit (ALL/Grüne). Und sie bekamen den Zuschlag. Zu welcher Summe? Dazu mag die Käuferin nichts sagen.
Die Domscheits hatten auch schon einen Plan für die Trafostation, die sie unbedingt retten wollten. Ein „Tiny-House” sollte es werden: Unten Küche, Mitte Bad, oben Schlafraum. Ein Bodengutachten wurde erstellt, ein Tragwerksplaner eingeschaltet, und mit Hilfe von Gipsmarken wurde ermittelt, dass sich das Gemäuer nicht mehr bewegt. Ein Jahr lang beschäftigte sich das Ehepaar mit der Planung.
Zwischenzeitlich aber hatte Dr. Herbert May, der Direktor des Fränkischen Freilandmuseums, durch einen Tipp eines Bürgers von dem Gebäude erfahren. Zu den neuen Eigentümern musste er sich erst durchfragen. „Hellauf begeistert” sei May gewesen, berichtet Carolin Domscheit, als er sich vor etwa eineinhalb Jahren telefonisch an sie wandte. Vom Putz bis zur Farbe sei alles original und relativ gut erhalten, habe er geschwärmt.
„Das ist eine architektonische Besonderheit.”
Ähnlich euphorisch äußerte sich der Museumschef auch gegenüber der FLZ. „Das ist eines der schönsten Trafohäuser, die mir jemals begegnet sind”. Mit seinem „jugendstiligen Wellenputz” und dem Mansarddach sei es eine „architektonische Besonderheit”. Dr. May gelang es, den Domscheits den Traum vom Tiny-House-Turm auszureden.
Mit einem Platz im Museum habe man doch mehr erreicht als mit einer neuen Nutzung vor Ort, findet Carolin Domscheit heute und sagt, wenn auch mit einem weinenden Auge: „Ich freue mich.” Ihrem Mann geht es ähnlich: Schade, dass es nicht in Leutershausen bleibt, findet der Architekt – „aber auch toll, es künftig in Bad Windsheim bestaunen zu können”.
Und so wird der schiefe Turm noch in diesem Jahr in den Nachbarlandkreis im Norden ziehen. Derzeit wird die Umsetzung vorbereitet. In drei Teile wird das Häuschen zersägt und in die Baugruppe „Technik und Gewerbe” gebracht, so May. Dort wird der Bau aus Leutershausen zwischen einer Lagerhalle aus Mögeldorf und einem Windrad aus Roth platziert. Das Fundament ist bereits fertig.
Der große Vorteil laut dem Direktor: „Wir können das Trafohaus gleich an Ort und Stelle aufbauen und müssen es nicht erst einlagern.” Was man sich das mit Unterstützung des Museums-Fördervereins finanzierte Relikt aus der Frühzeit der Elektrifizierung kosten ließ, darüber hält sich auch Dr. May bedeckt. Nur soviel sagte er: Es wurde für eine vierstellige Summe gekauft – „und keine im oberen Bereich”.