Unbeliebte Speise? Rothenburger verteidigen ihre Schneeballen | FLZ.de | Stage

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Veröffentlicht am 06.03.2023 15:47

Unbeliebte Speise? Rothenburger verteidigen ihre Schneeballen

Durchschnittlich 800 Schneeballen backt Walter Friedel am Tag. Für jeden einzelnen rädelt er per Hand den Mürbteig. (Foto: Simone Hedler)
Durchschnittlich 800 Schneeballen backt Walter Friedel am Tag. Für jeden einzelnen rädelt er per Hand den Mürbteig. (Foto: Simone Hedler)
Durchschnittlich 800 Schneeballen backt Walter Friedel am Tag. Für jeden einzelnen rädelt er per Hand den Mürbteig. (Foto: Simone Hedler)

Auch wenn die mürbe gebackenen Schneeballen auf den ersten Blick nichts mit frittierten Spinnen und gepökeltem Haifischfleisch gemeinsam haben – eines verbindet die drei Gerichte: Sie alle landeten bei einem Ranking der Online-Plattform TasteAtlas unter den 100 schlechtesten Gerichten der Welt.

Mitte Februar belegte der Schneeballen hier Platz 82. Zweifelhaft ist allerdings, wie aussagekräftig diese Bewertung ist. Denn auf der Plattform kann sich jeder anmelden und Bewertungen abgeben, das Ranking wird kontinuierlich angepasst. Ob diejenigen, die ein Urteil abgegeben haben, überhaupt jemals einen Schneeballen gegessen haben: Man weiß es nicht.


Wenn was Gutes reinkommt, kommt auch was Gutes raus.

Walter Friedel

Was man hingegen weiß: Viele Rothenburger lieben ihr Traditionsgebäck. Barbara Petersen zum Beispiel findet die Schneeballen lecker. Besonders schmecke ihr die runde Berühmtheit auf Kirchweihen und wenn sie nach „alter Tradition von Hausfrauen“ gemacht wird. Für die 64-Jährige braucht es keine Besonderheiten, Schokoladenüberzug oder Marzipanfüllung etwa. Ein klassischer Schneeballen mit Puderzucker ist ihr am liebsten.

Bäcker verweist auf Qualitätsunterschiede

„Auf die Qualität der Zutaten kommt es an“, sagt Walter Friedel. Er ist Schneeballenbäcker in der dritten Generation und produziert täglich rund 800 des mürben Gebäcks. „Wenn was Gutes reinkommt, kommt auch was Gutes raus.“ Er backt nach einem alten Traditionsrezept – ohne Chemie, betont er. Lediglich ein klein wenig Backpulver komme in den Teig. Und auch das Fett, in dem der Teig ausgebacken wird, spielt eine Rolle. „Lieber gibt man etwas mehr Geld aus, damit die Qualität passt“, meint er. Für die Kritiker der Schneeballen hat er eine klares Angebot: „Kommt zu mir und probiert.“ Denn natürlich gebe es Qualitätsunterschiede. „Die Frage ist, was genau getestet wurde“, meint er.

Ein guter Schneeballen jedenfalls sei knusprig, aber nicht hart – „da braucht man keinen Hammer, um den zu essen“. Vielleicht hat Bärbel Folmeg einen von minderer Qualität erwischt: „Außen zu viel süß und innen zu wenig“, lautet das Urteil der Stuttgarterin, die als Touristin in Rothenburg unterwegs ist. Insgesamt „kein Gaumenschmaus“, meint die 70-Jährige.

Fans lieben ihn mit Zucker

Ein Fan hingegen ist Karin Bierstedt, Vorsitzende des Vereins Alt-Rothenburg, – am liebsten mit Puder- oder Zimtzucker und selbst gebacken. „Der darf dann ruhig ein bisschen bröseln.“ Und sie hat auch eine private Anekdote zum Gebäck parat: Zur Konfirmation ihres Sohnes bekam jeder, der ein Geschenk brachte, einen Schneeballen mit nach Hause.

Nur ihrer Tante hatte Karin Bierstedt vergessen, einen mitzugeben. „Die hat mir das noch ewig nachgetragen“, erinnert sie sich. Carmen Hiller, Vorsitzende des Künstlerbundes, betont den künstlerischen Aspekt des Gebäcks: „Die Ästhetik eines jeden Schneeballen ist von einzigartiger Qualität“, und jeder ein Unikat mit „einzigartiger Oberflächenstruktur“.

Dünne Teigstreifen ineinander verschlungen

Die dünnen Mürbteigstreifen, die ineinander verschlungen und dann in Fett ausgebacken werden, sind dem Stadtarchivar Dr. Florian Huggenberger zufolge erstmals 1719 in Zusammenhang mit Rothenburg erwähnt. Und zwar auf einer Essensrechnung. „Eine Schüssel Schneeballen“ hatte damals der Wildbadwirt den Mühlenvisitatoren aufgeschrieben.

Gästeführerin Claudia Brand ist sogar noch auf eine ältere Quelle gestoßen: Im 15. Jahrhundert wurde das Gebäck auf der Liste für eine Patrizierhochzeit aufgeführt. Allerdings noch unter dem Namen Storchennest. „Denn damals war es noch ohne Zucker, der war zu teuer. Und der macht ihn ja erst zum Schneeballen.“

Guter Platz in neuem Ranking

Vielleicht haben ja mittlerweile viele Liebhaber des Gebäcks auf TasteAtlas ihr Urteil abgegeben. Denn: Im März war der Schneeballen auf der Liste der schlechtesten Gerichte schon nicht mehr zu finden. Statt dessen belegt er nun auf der gleichen Plattform Platz 56 der beliebtesten frittierten Süßspeisen der Welt.

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