Der Braten im Rohr. Das Baby im Bett. Jetzt könnte es richtig gemütlich werden. Richard hat „Live is Life“ aufgelegt und tanzt durchs Wohnzimmer. Na na, na, na-na. Der gute Mann ist happy. Warum auch nicht. Er hat 162 Millionen Euro im Lotto gewonnen. Gleich kommen Frau, Mutter und sein bester Freund. Was werden die dazu sagen?
Flavia Coste führt es in ihrem Stück „Nein zum Geld!“ vor. Sie sind entgeistert, fassungslos, entsetzt – und verbünden sich gegen Richard. Denn der will den Lottogewinn auf keinen Fall abholen, auf gar keinen. Das ist die dankbare Ausgangssituation für eine Komödie – oder für eine Tragödie. Sie wirft Fragen auf, Gewissensfragen. Das ist gut.
Die Regisseurin Juliane Abt macht für das Landestheater Dinkelsbühl daraus eine Produktion, die vergnüglich und doppelbödig ist. Sie kommt dank des Ensembles auch gut über den zweiten Akt hinweg. Der hängt leicht durch, wenn in immer neuen Wendungen und an der Stelle nicht sonderlich brillant diskutiert wird, warum Richard zu viel Geld für gefährlich hält. Ja, das verdirbt den Charakter und macht nicht glücklich. Weiß man. Weiter.
Flavia Coste platziert aber genug Pointen und Wendungen, um das Ganze am Laufen zu halten. Letztlich ruckelt die angetäuschte Boulevardkomödie zielsicher in Richtung tragische Groteske.
Juliane Abt inszeniert das pechschwarze Konversationsstück mit einem großen Herzen für die Figuren. Sie schafft es, dass jede bis zum Schluss ein paar Sympathiepunkte behält – und das, obwohl Flavia Coste ein pessimistisches Menschenbild zeichnet. Die Aussicht auf den Lottoschein bringt nicht das Beste zum Vorschein. Auch nicht bei Richard, der sich als moralisch überlegener Gewinner geriert und kein Gefühl für die Nöte der anderen hat. Und die haben nicht zu knapp Probleme – und nachvollziehbare Argumente.
Etienne, sein Freund und Chef, schlittert mit seinem Architektur- büro in die Pleite, weil er zu lange an Richards versponnene Entwürfe geglaubt hat. Yannik Dirksen gibt in der Rolle und im lachsfarbenen Anzug (Kostüme: Gesa Gröning) ein respektables Dinkelsbühl-Debüt.
Maike Frank kann als Mutter Rose im halbseiden hochgeschlitzten Fummelchen ihr Talent als Charakterkomödiantin ausspielen. Wie sie an ihrem Sohn verzweifelt und sich Mordgelüste in ihr regen – das ist komisch und fein dosiert gemacht.
Claire, Richards Frau, ruft die Ehekrise aus, was Charlotte Schiffler die Gelegenheit gibt, Claires Stahlkrallen auszufahren und zu vereisen.
Jan Fritz Meier gelingt als Richard vielleicht sein bestes Figurenportrait in Dinkelsbühl. Meiers Richard strahlt vor Sendungsbewusstsein, Gutherzigkeit, Naivität und Zufriedenheit. Ein komischer Heiliger und Weltverbesserer, der nicht begreift, wieso die anderen außer Rand und Band geraten.