Vor Mordanschlag in Heilsbronn: Nur wenige Menschen kannten die Adresse des Opfers | FLZ.de | Stage

arrow_back_rounded
Lesefortschritt
Veröffentlicht am 06.12.2025 17:23

Vor Mordanschlag in Heilsbronn: Nur wenige Menschen kannten die Adresse des Opfers

Der versuchte Mord an einem Geschäftsmann in Heilsbronn wird immer mysteriöser. Nur eine Handvoll Menschen wusste, wo er wohnte. Einer muss es den Leuten verraten haben, die ihn umbringen wollten. Die Adresse und sein jetziger Wohnort wurden im Prozess vor dem Ansbacher Landgericht überraschend wichtig.

Vorsitzender Richter Matthias Held stellt die Fragen, die jedes Gericht jedem Zeugen stellt. „Name? Geburtsdatum? Ladungsfähige Anschrift?“ Rechtsanwalt Alexander Seifert grätscht dazwischen. Eine mögliche Ladung möge doch bitte an seine Nürnberger Kanzlei geschickt werden, er werde sie dann seinem Mandanten weiterreichen. Staatsanwältin Christine Hönsch widerspricht. Sie besteht auf die Privatadresse des Mannes, der am 6. Februar 2025 auf offener Straße von einem Auftragskiller hingerichtet werden sollte.

Die Staatsanwältin ist auf den wichtigsten Zeugen nicht gut zu sprechen, weil er seine Ladung für den ersten Verhandlungstag einfach ignorierte. Dadurch, so Hönsch, „hat er Vertrauen missbraucht“. Alle dachten, der wichtigste Zeuge und Nebenkläger komme auf jeden Fall, weshalb er gar keine formelle Ladung bekam. Und ohne diese Ladung konnte sein Fernbleiben nicht mit den 1000 Euro bestraft werden, die Hönsch verlangt hatte. Das soll nicht noch einmal passieren, macht die verärgerte Staatsanwältin klar. Also her mit der Privatadresse.

Richter in Sorge um die Sicherheit

Rechtsanwalt Alexander Seifert atmet still durch und weist darauf hin, dass sein Mandant vor einem weiteren Anschlag geschützt werden muss. Die scheinbare Lappalie wird zum Stolperstein. Die Richter unterbrechen die Verhandlung, beraten sich. Dann verkündet der Vorsitzende: Der Mitinhaber einer Ansbacher Firma darf auch nur deren Adresse für eine mögliche Ladung angeben, aus Sorge um seine Sicherheit. Zu diesem Zeitpunkt ahnt niemand im Gerichtssaal, wie wichtig seine frühere Adresse in Heilsbronn werden sollte.

Eng begleitet von der Polizei betritt der Angeklagte den Gerichtssaal. Er hat nach Morddrohungen besonderen Schutz.  (Foto: René Chlopotowski)
Eng begleitet von der Polizei betritt der Angeklagte den Gerichtssaal. Er hat nach Morddrohungen besonderen Schutz.  (Foto: René Chlopotowski)

Opfer von Mordversuch in Heilsbronn im Gericht: „Ich habe keine Feinde“

Ein Geschäftsmann kann sich im Prozess wegen einer Messerattacke am Landgericht Ansbach nicht erklären, wieso ein 26-Jähriger beauftragt wurde, ihn zu töten.

Das zeigt sich erst bei einer weiteren Routinefrage von Richter Matthias Held. „Wer wusste, wo Sie genau wohnen?“ „Nur sehr wenige“, antwortet der 41-Jährige. Fünf Leute zählt er namentlich auf. Nur ihnen sei bekannt gewesen, in welchem Haus in Heilsbronn er wohnte, nur ausgewählten Kollegen und Geschäftspartnern, auch einer in der Türkei, der ihn besucht hatte. Und dem Auftragskiller. Er wollte ihm zwar zuerst vor seinem Arbeitsplatz in Ansbach auflauern, doch im zweiten Anlauf bekam er von seinem Auftraggeber aus Frankreich die exakte Adresse in Heilsbronn genannt.

Pendeln zwischen Hotels und Ferienapartment

Der Mann hatte dort noch nicht lange sein Zuhause, weil er wegen diverser nationaler internationaler Aktivitäten viel unterwegs war. Immer wieder mietete er sich deshalb in Hotels in Heilsbronn und Neuendettelsau ein. Und in diese Wohnung in Heilsbronn, die er zunächst über ein Hotelportal fand. Erst später zog er als Mieter ein, berichtete er.

Exakt die damalige Anzeige in einem Hotelportal präsentierte ihm morgens auf der Straße der Auftragskiller auf seinem Handy. Er fragte den Geschäftsmann, der gerade sein Auto belud, wo diese Wohnung zu mieten sei. Der Gefragte antwortete, überhaupt nicht mehr, das sei jetzt seine. Damit war dem 26-Jährigen klar, dass er sein Opfer gefunden hatte. Er hatte zwar ein Foto von ihm bekommen, wollte aber sicher gehen.

Die beiden redeten auf Türkisch, und der Geschäftsmann machte mit seinem Handy ein Foto des Handys, das ihm der Unbekannte mit der Wohnungsanzeige unter die Nase gehalten hatte. Ihm kam die Frage seltsam vor, er vermutete, es könnte ein Einbrecher sein, der das Haus ausspähen wollte. Auf dem Foto ist im Hintergrund auch der 26-Jährige zu sehen, allerdings nur vom Hals abwärts. Dann stach er zu.

Hintermänner spielen im Gericht keine Rolle

Nur diese Tat auf der St.-Gundekar-Straße will die Große Strafkammer aufklären, weil nur sie von der Staatsanwaltschaft angeklagt ist. Wer sie in Auftrag gab, spielt deshalb nur am Rand eine Rolle. Wie wichtig dafür die Adresse sein könnte, entdecken die Richter durch Zufall. Denn nach den Stichen schrieb der Verletzte seinem engsten Geschäftspartner eine Textnachricht. „Damit er weiß, was passiert ist“, sagte er. Er schrieb auch seine Adresse, was die Richter erstaunte. Auf ihre Nachfrage wird klar: Sie war selbst dem anderen Mitinhaber der Firma nicht bekannt.

Warum hielt das Opfer des Mordanschlags vorher seine Adresse so geheim? Warum ließ er sich, wenn ihn mal jemand von der Firma heimfuhr, schon unten an der Kreuzung, nicht vor dem Haus absetzen? Warum pendelte er länger zwischen Hotels und Ferienapartments? Hatte er schon vorher Angst vor unliebsamen Besuchern? Diese Fragen standen im Raum, doch für die Tat sind sie nicht relevant, deshalb ging ihnen niemand nach.

Schwere Folgen der Messerstiche

Klar wurde, welche Folgen der Mordversuch für ihn hat. Seine jetzige Adresse erfährt keiner mehr. Im Klinikum Ansbach hinterließ er eine Anschrift in Köln, seiner Heimatstadt. Zu seiner aktuellen Situation sagte er nur „Ich wohne seitdem nicht mehr alleine.“ Albträume plagen ihn, jeden Tag sieht er das Gesicht des Täters vor sich, manchmal erlebt er am helllichten Tag die Tat nach, manchmal rennt er von seinem Auto zur Haustür. Seine Haare hat er sich schulterlang wachsen lassen, um die Narbe der Stichwunde am Hals zu kaschieren. „Man will nicht die ganze Zeit als Opfer dastehen und angesprochen werden.“

Der Prozess geht am Dienstag, 9. Dezember, um 9 Uhr weiter. Die Sicherheitsmaßnahmen sind hoch. Zuhörer müssen ihren Ausweis vorzeigen und kopieren lassen.

Franziska Meier und Bernd Hönicka verteidigen den Angeklagten, der die Verhandlung über eine Dolmetscherin verfolgt. Vor dem Anschlag täuschte er vor, eine Wohnung zu suchen.  (Foto: René Chlopotowski)
Franziska Meier und Bernd Hönicka verteidigen den Angeklagten, der die Verhandlung über eine Dolmetscherin verfolgt. Vor dem Anschlag täuschte er vor, eine Wohnung zu suchen. (Foto: René Chlopotowski)
Franziska Meier und Bernd Hönicka verteidigen den Angeklagten, der die Verhandlung über eine Dolmetscherin verfolgt. Vor dem Anschlag täuschte er vor, eine Wohnung zu suchen. (Foto: René Chlopotowski)
north