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Veröffentlicht am 29.09.2026 05:38

Was gute Gespräche wirklich ausmacht

Ein gutes Gespräch wirkt nach und stärkt unseren Selbstwert: In Verbindung zu kommen, ist dabei gar nicht so schwer. (Foto: Aturuxo Studio/Westend61/dpa-tmn)
Ein gutes Gespräch wirkt nach und stärkt unseren Selbstwert: In Verbindung zu kommen, ist dabei gar nicht so schwer. (Foto: Aturuxo Studio/Westend61/dpa-tmn)
Ein gutes Gespräch wirkt nach und stärkt unseren Selbstwert: In Verbindung zu kommen, ist dabei gar nicht so schwer. (Foto: Aturuxo Studio/Westend61/dpa-tmn)

Ein Klick, ein Herzchen, ein kurzes „thx“: Über digitale Kanäle sind Menschen ständig miteinander in Kontakt. Doch Vernetzung ist nicht dasselbe wie Verbundenheit. Wer regelmäßig Nachrichten, Fotos und Reaktionen austauscht, fühlt sich nicht automatisch gesehen oder verstanden.

Genau darum geht es beim sogenannten „Deep Talk“: um Gespräche, in denen Menschen mehr miteinander teilen als Höflichkeitsfloskeln - und sich als Person wahrgenommen fühlen.

„Während gute Gespräche uns innerlich stärken, verstärken oberflächliche Kontakte das Gefühl der Einsamkeit“, sagt der Psychologe und Autor Rolf Schmiel („Vom Glück des guten Gesprächs“). Die gute Nachricht: Konstruktiver Dialog lässt sich erlernen. Wie kann aus Kontakt echte Verbindung werden? Was macht Deep Talk aus – und wo liegen seine Grenzen? Ein Überblick:

Was macht ein Gespräch zu einem guten Gespräch?

Ein gutes Gespräch muss nicht immer lang oder außergewöhnlich tiefgründig sein. „Als gutes Gespräch empfinden wir es aus psychologischer Sicht, wenn wir uns gesehen und verstanden fühlen. Wenn ich das Gefühl habe, ich darf über alles reden, was mir wichtig ist“, sagt Schmiel. 

Ein Austausch bleibt dagegen oberflächlich, wenn lediglich routinemäßige Fragen gestellt werden - nach dem Motto „Na, wie war der Urlaub?“ -, ohne dass echtes Interesse an der Antwort besteht. 

Die Soziologin Marie-Kristin Döbler vom Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung (ISF) in München sagt: „Gute Gespräche bestätigen uns in unserer Identität. Sie zeigen uns, dass wir als Person gesehen werden - nicht nur als eine Rollenträgerin oder als Vertreter von einer Institution oder als jemand, der eine bestimmte Aufgabe erfüllt.“

Damit kann ein gutes Gespräch auch über den Moment hinauswirken. „Ein gutes Gespräch zahlt immer auf den Selbstwert des Gesprächspartners ein“, sagt Schmiel. Das kann sich auf verschiedenen Ebenen auswirken. „Man kann selbstbewusster werden, weniger ängstlich und künftig vielleicht noch bessere Entscheidungen treffen“, so der Psychologe.

Was braucht es für einen guten Austausch?

„Das Wichtigste ist, dass man ein echtes und authentisches Interesse an seinem Gegenüber zeigt, das nicht nur gespielt ist“, sagt Marie-Kristin Döbler. Dazu zählt etwa, sich daran zu erinnern, was in einem vorausgegangenen Gespräch erzählt wurde. „Das hat viel mit Wertschätzung zu tun, wenn man dann bei der nächsten Begegnung konkret nachfragt, und nicht nur eine Art Agenda abarbeitet.“

Ebenso wichtig ist die ungeteilte Aufmerksamkeit. Wer während des Gesprächs auf das Handy schaut, einem vorbeigehenden Menschen hinterherblickt oder sich sichtbar mit eigenen Gedanken beschäftigt, vermittelt dem Gegenüber, nicht ganz bei ihm zu sein.

Auch Ehrlichkeit und Zugewandtheit sind für gute Gespräche zentral. „Ich spüre das und nehme es unbewusst wahr, wenn einer nur pseudo zuhört und nur so tut, als ob er sich für mich interessiert“, so Schmiel. 

Kann jeder lernen, gute Gespräche zu führen?

„Ich bin überzeugt, dass das fast jeder kann“, sagt Schmiel. Nach Ansicht von Döbler braucht es dafür vor allem „ein starkes situatives Einfühlungsvermögen“. Soziologen sprechen von dem Konzept „kompetenter Akteur“: „Das hört sich sehr herausfordernd und hochtrabend an, aber eigentlich bezeichnet es nur das Gespür für Situationen. Das haben jedoch viele“, sagt sie.

Das Gespür hilft uns auch dabei, für die Situation angemessene Fragen zu stellen. „Wenn ich sonst mit Kollegen nur über Dienstliches spreche, wäre es völlig unangemessen, mal nachzufragen, wie es aktuell in der Beziehung läuft“, sagt die Wissenschaftlerin.

Was hilft mir dabei, gute Gespräche zu führen?

„Es ist total einfach, das zu lernen“, so Schmiel. Aus seiner Sicht ist dabei die Regel: Rede gut mit dir selbst! „Wer sich morgens schon vor dem Spiegel selbst abwertet und sich für seine Miseren im Alltag permanent selbst die Schuld gibt, wird selten jemand sein, der anderen im Gespräch etwas geben kann.“

Schmiel empfiehlt stattdessen, sich morgens mit Affirmationen selbst zu stärken: „Ich bin dankbar, ich bin glücklich, ich bin gesund und zuversichtlich.“ Dieses Vorgehen führe dazu, dass das Unterbewusstsein schon mit positiven Programmen gefüttert werde: „So gehe ich ganz anders in den Tag, als wenn der erste Gedanke ist: Scheiße, heute ist Montag. Und mein Mann hat schon wieder den Klodeckel oben gelassen.“

Dann folgt der nächste Schritt: „Wenn du jemandem begegnest, sei freundlich und zugewandt“, so Schmiel. Dabei sollte man es nicht nur bei einer allgemeinen Grußformel belassen, sondern eine interessierte Frage stellen. „Und zwar so, dass du auch wirklich die Antwort hören willst!“, so der Psychologe. 

Allein diese drei Schritte verändern laut Schmiel nachhaltig die Kommunikationsqualität: „Denn dann bin ich jemand, der mit sich selbst im Reinen ist, der anderen freundlich begegnet und ihnen Raum gibt. Das macht schon einen unfassbaren Unterschied.“

Was hilft, wenn der Einstieg in gute Gespräche schwerfällt?

„Fingerspitzengefühl ist besser, als ein Katalog von abzuarbeitenden, Investigativ-Fragen“, sagt Diplom-Psychologe Schmiel. Eine gute Methode, um ins Erstgespräch zu kommen: etwas, das man beobachtet, wohlwollend anzuerkennen und dazu eine Frage zu stellen.

Wer etwa sieht, dass ein Geschäftspartner eine neue Aktentasche hat, kann sagen: „Die ist ja toll - woher hast du die?“ Werden Komplimente mit einer Frage verknüpft, entsteht sofort eine positive Atmosphäre. 

„Einem Kompliment kann sich kaum einer entziehen“, so Schmiel. „Und das interessierte Nachhaken gibt mir die Möglichkeit, etwas Schönes über mich zu erzählen. Dann fühle ich mich automatisch besser.“

Braucht es eine enge persönliche Beziehung?

Nein. „Manchmal kann man sich hervorragend mit wildfremden Menschen unterhalten, vielleicht auch, weil ich weiß, die sehe ich nie wieder“, sagt Döbler. Etwa beim Bahnfahren, wenn man gemeinsam mit Fremden auf einen verspäteten Zug oder einen verpassten Anschluss wartet. 

„Eigentlich ist der Ausgangspunkt nur das Bahn-Chaos - und darüber entdeckt man dann, dass einem das Gegenüber sympathisch ist. Und dann entwickelt sich ein ganz anderes Gespräch und man ist relativ schnell bei sehr persönlichen Themen“, so Döbler.

Welche Grenzen sollte man beachten?

Wer eine persönliche Nachfrage stellt, sollte dem anderen immer die Gelegenheit gegeben, individuell darauf zu reagieren. Und auch akzeptieren, wenn das Gegenüber nicht ins Detail gehen möchte. „Die eindringliche Frage: 'Sag mal, dir geht's nicht gut?' kann sich auch schnell wie ein Angriff anfühlen“, sagt Schmiel. Vor allem dann, wenn man permanent nachhakt: „Es gibt nicht unangenehmeres als Pseudopsychologen, die dauernd nur Deep Talks führen wollen - und sich damit deutlich übergriffig verhalten.“

Nicht alles lässt sich zudem durch ein gutes Gespräch lösen. „Man kann bei guten Gesprächen zwar auch völlig unterschiedlicher Meinung sein, aber schwierig wird es, wenn man die ewig selben Gespräche mit Menschen führt, denen man immer wieder begegnet - wie etwa Eltern oder Geschwistern“, sagt Döbler. Sie hält es in solchen Fällen für zulässig, bewusst bei einem unverfänglichen Austausch zu bleiben: „In solchen Fällen dann statt Deep Talk mal Small Talk führen“.

© dpa-infocom, dpa:260929-930-759460/1


Von dpa
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