Nur mit einer großen Geldsumme ist eine ärztliche Behandlung möglich, die über Leben und Tod entscheidet. Dies suggerieren vermeintliche Ärztinnen und Ärzte am Telefon. Eine 70-Jährige aus Leutershausen hat die Masche mit dem „lebensrettenden Medikament” als Schockanruf enttarnt. Die Polizei warnt vor einer „Welle” von Betrugs-Anrufen.
Die Rufnummer war unterdrückt. Es ist die Freundin, die immer auf diese Weise anruft, dachte eine Frau aus Leuterhausen im Landkreis Ansbach und nahm ab. Am anderen Ende der Leitung meldete sich eine „Frau Dr. Stein von irgendeiner Klinik“, schildert die 70-Jährige ihr Erlebnis der FLZ. Im Hintergrund war lautes Schluchzen zu hören. „Ich habe ihre Tochter bei mir. Sie hat Darmkrebs im Endstadium”, sagte „Dr. Stein” am Telefon.
„Mir wurde schwarz vor Augen, ich musste mich hinlegen”, schildert die Leutershäuserin. Derweil drängte die vermeintliche Ärztin am Telefon: sie müsse sofort mit einer Chemotherapie beginnen, sonst wäre die Tochter nicht mehr zu retten. Kostenpunkt: 300.000 Euro.
„Soviel Geld habe ich nicht”, sagte die 70-Jährige. Ob sie die Hälfte zahlen könne?, machte „Dr. Stein” weiter Druck. 10.000 Euro hätte sie, brachte die 70-Jährige hervor. „Ist das Geld zuhause? Oder haben Sie Wertpapiere oder Gold da?” – „Bei diesen Fragen wurde ich stutzig”, sagt die Frau. Anscheinend merkte das auch die Anruferin. „Wenn Sie Ihrer Tochter nicht helfen wollen, haben Sie Pech gehabt”, sagte die und legte auf.
Zurück blieb eine aufgewühlte 70-Jährige. Nach Kontaktaufnahme mit den beiden Töchtern fand sie heraus, dass sich beide bester Gesundheit erfreuen. Dass sie beinahe Opfer eines Schockanrufes geworden wäre, setzt der Frau immer noch zu. „Ich bin fix und fertig”, sagt sie. Auch die Polizeiinspektion Ansbach hat sie über den Vorgang informiert.
Die Legenden, die die Anrufenden verbreiten, um ans Geld anderer zu kommen, seien verschieden, sagt ein Sprecher der zuständigen Dienststelle. Doch „die Masche ist immer die gleiche”: Es werde ein Notfall vorgetäuscht, der sich nur mit einer großen Summe Bargeld auflösen lässt. „Gerade haben wir wieder eine Phase, in der viele derartige Anrufe getätigt werden”, sagt ein Sprecher der Ansbacher Polizei auf Nachfrage der FLZ.
Aktuell warnt auch das Polizeipräsidium Mittelfranken für den westlichen Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim vor den Anrufen falscher Polizistinnen und Polizisten. Diese gaukeln am Telefon vor, Wertsachen und Geld in Verwahrung nehmen zu müssen. Anlass seien angebliche Einbrüche in der Region. Auch in Ansbach und Leutershausen haben die Betrügerinnen und Betrüger durchgeklingelt.
Organisierter Callcenter-Betrug sei ein bundesweit gegenwärtiges Phänomen, das „so aktuell ist, wie es nur sein könnte”, darüber hatte die Polizei erst Anfang des Jahres umfassend in einem Pressegespräch informiert. Der Betrug per Telefon oder Handy werde in der Regel von größeren Netzwerken und gewerbsmäßig initiiert.
Die Masche mit dem „lebensrettenden Medikament”, wie sie vom Polizeipräsidium Mittelfranken bezeichnet wird, sei auch in der Region schon angewendet worden, erklärt die Pressestelle gegenüber der FLZ.
„Legen Sie sofort auf!”, empfiehlt die Polizei allen, die den Verdacht haben, dass am Anruf etwas faul ist. Das sei nicht unhöflich, „sondern ermöglicht Ihnen, durchzuatmen und sich neu zu sortieren”, schreibt das Polizeipräsidium.
Des Weiteren rät die Polizei, im Fall eines möglichen Schockanrufes vertraute Personen zu kontaktieren und sich zu beraten. Niemals sollten Informationen über persönliche und finanzielle Verhältnisse preisgegeben werden.
Weitere Informationen zur Vorbeugung von Callcenter-Betrug und weiteren Maschen finden sich online unter www.polizei-beratung.de