An der Aisch lebt eine der drei größten Kiebitz-Kolonien Nordbayerns | FLZ.de | Stage

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Veröffentlicht am 05.01.2024 11:40

An der Aisch lebt eine der drei größten Kiebitz-Kolonien Nordbayerns

Der Kiebitz hält sich gerne am Wasser auf, braucht aber auch Versteckzonen. Männchen und Weibchen sind nur für Geübte zu unterscheiden. (Foto: LBV-Bildarchiv/Frank Derer)
Der Kiebitz hält sich gerne am Wasser auf, braucht aber auch Versteckzonen. Männchen und Weibchen sind nur für Geübte zu unterscheiden. (Foto: LBV-Bildarchiv/Frank Derer)
Der Kiebitz hält sich gerne am Wasser auf, braucht aber auch Versteckzonen. Männchen und Weibchen sind nur für Geübte zu unterscheiden. (Foto: LBV-Bildarchiv/Frank Derer)

„Der Kiebitz ist ein Sympathieträger: schön auf der Erde und superschön im Flug. Auch seine Rufe sind etwas ganz Besonderes“, schwärmt Sophia Heinl von der Unteren Naturschutzbehörde im Neustädter Landratsamt. Aber er hat sich rar gemacht. Der „Vogel des Jahres 2024“ steht in Bayern auf der Roten Liste stark gefährdeter Arten.

Im Aischgrund gibt es ihn noch. Warum mögen wir den Vogel so gerne? Da wäre zunächst einmal der Name. Durch seinen Ruf „kiju-wit“ – einen seiner Rufe, um genau zu sein – hat er den sich selbst eingehandelt. Daraus wurde dann Kivit und schließlich Kiebitz.

Die schwarze Zier an der Haube heißt Holle

Das passt zum Vogel, der Name passt auch irgendwie zu seinem außergewöhnlichen Aussehen. Das beginnt am weißen Kopf. Ganz oben befindet sich eine schwarze, zweizipfelige Zier an seiner Haube. Diese wird Holle genannt. Wer weiß das schon? Und wer weiß auch noch, dass alte Jungfern laut einiger Volkssagen in Kiebitze verwandelt wurden?

Farblich wurde der Kiebitz von der Natur besser ausgestattet als so mancher Mensch im Modegeschäft: Schwarz-weiße Basics und darauf ein Federkleid, das in der Sonne metallisch schimmert, in grün-grau-braunen Schattierungen. Der violette Schulterfleck ist das i-Tüpfelchen. Männchen und Weibchen sind schwer voneinander zu unterscheiden. Im Prachtkleid ist die Holle des Männchens größer, das Federkleid tiefer schwarz und der durchgehende Kehlfleck charakteristisch.

Das Männchen lebt nicht immer monogam

Meistens gibt es vier Eier. Wenn einmal mehr in einem Nest sind, dann hat ein zweites Weibchen dorthin gelegt. Kiebitz-Männchen leben meist monogam – aber nicht immer, weiß die Wissenschaft. Manche tendieren zur Zweitfrau. Gebrütet wird in Semi-Kolonien auf kurzgrasigen Wiesen, aber nicht mehr als neun Paare pro Hektar.

Vielleicht hat schon einmal jemand ein Kiebitzmännchen bei seinen spektakulären Balzflügen beobachtet. Als ein „seitlicher Sturzflug“ wird dieser beschrieben. Etwa 70 Zentimeter misst der Vogel von der einen Flügelspitze zur anderen, wenn die Flügel ausgebreitet sind.

Und die Speisekarte? Wirbellose Kleintiere von Insekt bis Schnecke, die ihnen in feucht-sumpfigen Gefilden vor den Schnabel kommen. Typisch für die Familie der Regenpfeifer, wozu der Kiebitz gehört, ist der kurze Schnabel.

Unsere Vorfahren wussten noch mehr über diesen Vogel. Schon im 19. Jahrhundert. Um 1870 notierte der Vogelpfarrer Andreas Jäckel über den Lebensraum des Kiebitzes: „Allenthalben in Bayern auf sumpfigen Wiesen, Viehweiden, Torfstichen, Rieden Mösern, in großen Weiherländereien, in Flußthälern und auf Flußinseln ein ganz gemeiner Zug- und Brutvogel. Er kommt Mitte Februar und im März bei uns an, schlägt sich im Oktober zu Flügen von Hunderten zusammen, hält die ersten Winterfröste aus, streift dann noch scharenweise in gefischten Weihern, auf Feldern und Wiesen umher und verschwindet erst, wenn es ernsthaft zuwintert.“ Zum Überwintern fliegt der (noch) in ganz Eurasien – tatsächlich bis Ostsibirien heimische Vogel – vorkommende Wiesenbrüter in den Mittelmeerraum beziehungsweise die entsprechenden Breitengrade.

Die Eier schmeckten Königen und Fürsten

Dass der Bestand schon immer dezimiert wurde, wird anhand folgender Notiz von Pfarrer Jäckel klar: „Die Kiebitzeier, eine Delikatesse selbst auf königlicher und fürstlicher Tafel, werden in großen Mengen gesammelt, unter der Hand verkauft und zu Markte gebracht.“ Auch Otto von Bismarck verzehrte sie zu seinem Geburtstag. Aber das Sammeln ist schon lange verboten und der Bestand erholte sich.

Der Kiebitz droht trotzdem auszusterben. Der Grund? Sein Lebensraum wird ihm mehr und mehr genommen. Der Aischgrund steht noch vergleichsweise gut da, informierte die Biodiversitätsberaterin Sophia Heinl. Dort lebt noch eine Kiebitz-Kolonie. Diese ist sogar größer als jene im Altmühltal, aber etwas kleiner als jene im Nürnberger Knoblauchsland. Mehr als diese drei Kolonien sind in Bayern nicht bekannt.

Aktiv setzt man sich heute für den Vogel ein. Dies geschieht im Vogelschutzgebiet „Aischgrund“, das sich im Aischtal zwischen Gerhardshofen und der Mündung in die Regnitz bei Neuses befindet.

Im Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim umfasst das Gebiet 391 Hektar. Die Maßnahmen konzentrieren sich hierbei auf den Kiebitz (Vanellus vanellus), da es sich bei dieser Art um den einzigen noch regelmäßig als Brutvogel im Bearbeitungsgebiet vorkommenden „klassischen“ Wiesenbrüter handelt. Auf dem gesamten Areal und auch darüber hinaus werden deren Nester so gut es geht gesichert.

Bereits im Jahr 2017 startete diesbezüglich ein Projekt mit einem Biologenbüro, welches seit 2018 umgesetzt wird. Es umfasst den Gelegeschutz, wobei man viel mit Landwirten zusammenarbeitet, erklärte Heinl.

Im Jahresverlauf beginne dies mit einer frühen Mahd. Es sei beobachtet worden, dass der Kiebitz sofort auf den Frühmahdstreifen geht. Lebensraumverbesserungen und Gehölzentfernungen, um Greif- und Rabenvögeln keinen Ansitz zu bieten, zählten weiter zu den Maßnahmen. Der offene Landschaftscharakter werde erhalten. Feuchtmulden würden gesichert. Und die Tiere werden vor nachtaktiven Räubern geschützt.

Der letzte klassische Wiesenbrüter

Immerhin: Den Kiebitz als letzten klassischen Wiesenbrüter gibt es noch im Landkreis – im Gegensatz zu Brachvogel, Wachtelkönig, Bekassinen, Rotschenkel und Uferschnepfe, so Heinl.

Die Menschen im Aischgrund – vor allem die Älteren unter ihnen – wissen von zahlreichen Kiebitzbeständen zu berichten. Man sei sich dieses schönen Vogels bewusst. Das geht sogar so weit, dass ein Dachsbacher Bäcker zur Brutzeit des Vogels schon einmal ein „Kiebitzbrot“ gebacken hat. Mit einer Schablone wurde eine Skizze des Vogels auf das Brot aufgetragen.

Voriges Jahr wurden während der Erstbrutphase insgesamt 37 Kiebitzreviere im Projektgebiet und dessen Peripherie nachgewiesen. Zusammen mit dem Brutbestand im Landkreis Erlangen-Höchstadt, der 88 Kiebitzreviere inklusive Randsiedler in den Gemarkungen Willersdorf und Poxdorf (Landkreis Forchheim) umfasst, erreichte die „Aischgrundpopulation“ im Jahr 2023 somit eine Größe von mindestens 125 Revieren.

Damit war hier die Populationsgröße etwas über der in den Wiesenbrüter-Kernlebensräumen des Altmühltals. Dort wurden 111 Reviere gezählt. Der Aischgrund lag aber unter dem Bestand des Nürnberger Knoblauchslandes, wo allein 165 Reviere zur Zeit der Erstbrut festgestellt werden konnten, erläuterte Heinl das vorläufige wissenschaftliche Ergebnis und fügte hinzu: „Die drei Kiebitzpopulationen in Aischgrund, Knoblauchsland und Altmühltal sind damit die individuenstärksten nördlich der Donau – was die Bedeutung des hiesigen Brutbestandes unterstreicht.“


Von Anita Dlugoß
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