Die deutsche Wirtschaft wächst, doch auf dem Arbeitsmarkt kommt der Aufschwung noch nicht an - auf dem Ausbildungsmarkt schon gar nicht. Im Gegenteil: Die Bundesagentur für Arbeit (BA) konnte von Oktober 2025 bis Ende September 2026 nur 179.000 der 447.000 ihr bekannten Bewerber um eine Lehrstelle in ein Ausbildungsverhältnis vermitteln. Diese Quote von 40 Prozent ist die niedrigste seit der Wiedervereinigung, wie die Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit, Andrea Nahles, sagte.
Zwar ist die tatsächliche Zahl höher und die Quote wohl auch etwas besser, weil sich viele Bewerber ohne Zutun der Arbeitsagenturen eine Lehrstelle suchen. Dennoch: Der Trend ist deutlich, und Nahles ist ihre Enttäuschung darüber anzusehen, denn die Folgen sind nicht nur ihr bewusst: Wer keine Berufsausbildung hat, hat ein sechsfach erhöhtes Risiko, arbeitslos zu werden.
DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel warnte in diesem Zusammenhang die Bundesregierung vor Kürzungen bei der Arbeitslosenversicherung und bei der Bundesagentur. „Völlig irre wäre es, jetzt Personal in den Arbeitsagenturen abzubauen. Solange Tausende von Jugendlichen vergeblich nach einem Ausbildungsplatz suchen, müssen diese jungen Menschen beim Einstieg ins Berufsleben maximal unterstützt werden“, betonte Piel.
Die Behörde versucht derzeit alles, um junge Leute in eine Ausbildung zu bekommen. 4.700 Berufsberater sind bundesweit unterwegs, es gibt allerlei Fördermöglichkeiten, bis hin zur assistierten Ausbildung etwa für Jugendliche ohne Schulabschluss. Doch die Akzeptanz ist teils ernüchternd. Beispiel Mobilitätszuschuss: Die Finanzhilfe für längere Fahrten zum Ausbildungsort und zurück nach Hause nehmen bundesweit derzeit nur 200 Personen in Anspruch.
„Die wirtschaftliche Schwäche hat das Ausbildungsangebot deutlich verringert“, sagte Nahles. „Es gibt in vielen Regionen wieder mehr Bewerber als offene Stellen.“ Berlin ist das beste Beispiel: Auf 100 Stellen kommen in der Hauptstadt derzeit 179 junge Leute, die gern einen Ausbildungsplatz hätten.
Der neue Bundesarbeitsminister Alexander Schweitzer (SPD) betonte: „Für mich als Arbeitsminister ist klar, dass wir gerade in dieser Phase mit aller Kraft dafür sorgen müssen, dass junge Menschen eine Perspektive auf dem Arbeitsmarkt haben.“
Bundesweit ist das Verhältnis in etwa ausgeglichen - dennoch gibt es Probleme, etwa weil Qualifikation von Bewerbern und Anforderungsprofil der Stellen nicht zueinanderpassen. Dabei hätte die Wirtschaft Nachwuchs dringend nötig. Das Fachkräfteproblem in vielen Engpassbereichen wie der Pflege bleibt trotz der weiter hohen Arbeitslosigkeit bestehen.
Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger sagte, zu viele Chancen blieben ungenutzt. „Wir müssen junge Menschen und Betriebe noch besser zusammenbringen.“ Der Staat stehe in der Verantwortung, dass Jugendliche ausreichend rechnen, schreiben und lesen lernen. „Aktuell geht zu viel Potenzial schon in der Schule verloren“, sagte Dulger. Jeder zweite Betrieb sehe bei Bewerberinnen und Bewerbern gravierende Lücken bei grundlegenden Kompetenzen.
Die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland ist im Oktober im Vergleich zum Vormonat dank einer aber nur schwach ausgeprägten Herbstbelebung um 40.000 auf 2,955 Millionen gesunken, wie die Bundesagentur bekanntgab. Die Arbeitslosenquote sank im gleichen Zeitraum um 0,1 Punkte auf 6,3 Prozent. Im Vergleich zum Oktober 2025 stieg die Zahl der Arbeitslosen um 44.000. Die Behörde zog für ihre Statistik Datenmaterial heran, das bis 13. Oktober vorlag.
„Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind für eine Besserung am Arbeitsmarkt nach wie vor nicht ausreichend“, sagte BA-Chefin Nahles. „Der Rückgang der Arbeitslosigkeit fällt im Oktober vergleichsweise schwach aus.“ Im vergangenen Jahr war der Oktober-Rückgang mit einem Minus von 44.000 Arbeitslosen allerdings ebenfalls bereits schwach ausgefallen.
Auch die Nachfrage der Unternehmen nach Arbeitskräften bleibt derzeit mau. Im Oktober waren bei den Arbeitsagenturen 654.000 offene Stellen gemeldet. Das sind 31.000 mehr als vor einem Jahr.
Einer Hochrechnung der Bundesagentur zufolge erhielten im Oktober 1,065 Millionen Menschen Arbeitslosengeld aus der Arbeitslosenversicherung; das sind 88.000 mehr als vor einem Jahr. Die Zahl der erwerbsfähigen Menschen in der Grundsicherung (früher: Bürgergeld) sank dagegen um 172.000 Personen auf 3,559 Millionen. Allerdings sind Empfänger von Bezügen aus der Grundsicherung nicht automatisch ohne Job - viele müssen ihr Arbeitsentgelt aufstocken, um das Existenzminimum zu erreichen.
Regional ist die Arbeitslosigkeit weiterhin im Bundesland Bremen am höchsten - mit einer Quote von 11,0 Prozent nach 11,4 Prozent im Vorjahr. Auf den Plätzen zwei und drei folgen die Länder Berlin (10,4 Prozent) und Sachsen-Anhalt (7,9 Prozent). Am niedrigsten ist die Arbeitslosigkeit mit 4,0 Prozent weiterhin in Bayern, gefolgt von Baden-Württemberg (4,6 Prozent).
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