Der Richter und ein Onkel: Im Doppelmord-Prozess sorgt ein Zeuge für viel Ärger | FLZ.de | Stage

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Veröffentlicht am 09.06.2026 15:57

Der Richter und ein Onkel: Im Doppelmord-Prozess sorgt ein Zeuge für viel Ärger

Der Prozess gegen einen Mann aus dem Landkreis Ansbach wegen eines Doppelmordes im Irak geht in die Verlängerung. Bei ihrem Auftakt bringt der Onkel des Angeklagten einen Richter in Rage.

Die Große Strafkammer am Landgericht Ansbach muss eine schwere Frage lösen: Hat der 36-jährige Angeklagte in der irakischen Heimat seinen Vater und eine Schwester erschossen? Die Schwester, weil sie aus seiner Sicht einen unzüchtigen Lebenswandel führte? Den Vater, weil der sie beschützen und seinen Besitz nicht vorzeitig an zwei Söhne abtreten wollte? Ein kaltblütiger Doppelmord an zwei Schlafenden? Eine Hinrichtung im engsten Familienkreis?

Die Staatsanwaltschaft Ansbach ist in der Pflicht, weil der 36-Jährige in ihrem Gebiet wohnt und neben der irakischen auch die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt. Ihre Anklage baut unter anderem auf Videos, Bekennerbotschaften und den Aussagen von Mutter und zweiter Schwester auf. Der Angeklagte weist die Vorwürfe zurück, äußert sich aber nicht. Der Plan, die Verhandlung nach sieben Verhandlungstagen vor den Pfingstferien abzuschließen, ging nicht auf.

Beim Doppelmord-Prozess mussten in der Verhandlungspause weitere Justizvollzugsbeamte hinzugeholt werden, um Streit zu schlichten. (Foto: Irmeli Pohl)
Beim Doppelmord-Prozess mussten in der Verhandlungspause weitere Justizvollzugsbeamte hinzugeholt werden, um Streit zu schlichten. (Foto: Irmeli Pohl)

„Es ging immer um Ehre”: Zeuge belastet Bruder im Doppelmord-Prozess in Ansbach

Hat er seinen Vater und seine Schwester umgebracht? Ein 36-Jähriger steht vor dem Landgericht. Als Zeugen werden extra zwei Personen aus dem Irak eingeflogen.
22.05.2026 18:00
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Verteidiger mit Verspätung

Beim ersten Zusatztag tritt die Verteidigung in halber Stärke an. Rechtsanwältin Julia Weinmann hat Terminprobleme und bleibt fern. Rechtsanwalt Dr. Wolfgang Staudinger kommt, aber sieben Minuten zu spät und bittet um Entschuldigung. Die Lüftung bläst auf Hochtouren. „Ich verstehe Sie ganz schlecht“, meldet sich Staatsanwalt Felix Jung nach den ersten Worten von der Richterbank und bittet um weniger Lärm von oben.

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Als das Gebläse abgestellt ist, ruft Vorsitzender Matthias Held den Onkel des Angeklagten in den Zeugenstand. Er könnte als naher Verwandter des 36-Jährigen schweigen, aber er will aussagen. „Ich habe nur vier Stunden geschlafen“, beginnt der Onkel, der in Bayern lebt. Nachdem sein Bruder und seine Nichte im Irak erschossen wurden, ist er im Juli des Vorjahres wie andere Verwandte in die Heimat geflogen. Hat er dort einen ganz bestimmten Mann gesehen?, fragt der Richter. „Wir haben viel geweint“, antwortet der Onkel. Hat er mitbekommen, dass der Angeklagte ein Auto gemietet haben soll? Im Irak mietet man kein Auto, sagt der Onkel, er war schon oft dort, aber er kennt keinen einzigen Autovermieter, versichert er.

„Können Sie mal die Frage beantworten und nicht dauernd etwas anderes erzählen?“, fragt der Richter. Er bringt kaum einen Satz zu Ende, schon redet der Gefragte, schnell, laut, auf Arabisch. Die Übersetzerin bemüht sich, das Tempo mitzuhalten, spricht noch, als der Onkel schon weiterredet. Im Dezember hat er eine Ohrenentzündung bekommen, erzählt er, kurz vor Weihnachten. „Vorher habe ich gar nichts gemerkt.“ „Was hat das mit Ihren Ohren zu tun?“, fragt der Richter. „Ich habe Ihnen eine konkrete Frage gestellt.“ Nach einem Mietauto. „Ich habe keine Beziehung zu den Menschen dort“, antwortet der Onkel.

„Ich zeige Ihnen jetzt ein Video“, setzt der Vorsitzende zum nächsten Punkt an. Aufgenommen in einem Auto, zwei Männer sprechen über die Tat. Sie reden wie Mörder und Mitwisser, ihre Gesichter sind aber nicht zu sehen. Mutter und Schwester haben die Stimme des Angeklagten zweifelsfrei erkannt. Und der Onkel? „Wie könnte ich ihn erkennen?“, fragt der zurück.

„Woher soll ich es wissen?“

Ja, wenn er jemanden sehen würde, das ginge, aber nur hören? Die Ohrentzündung, seit Dezember, er greift sich an den Kopf. Hat er ihn jetzt erkannt? „Stimmen können sich ähneln“, sagt der Onkel, 100 Stimmen können ganz ähnlich sein, und vielleicht verfälscht, wer weiß es schon, heutzutage. „Man lässt es ein bisschen schneller laufen, oder langsamer, und schon klingt es anders. Woher soll ich es wissen?“

Der Vorsitzende droht ein Ordnungsgeld an. „Ich weiß nicht, um welche Stimme es geht“, sagt der Onkel. Ach, um die des Angeklagten? „Das weiß ich nicht.“ „Haben Sie noch nie mit ihm geredet?” fragt der Richter. „Doch, doch”, sagt der Onkel, natürlich, aber im Video erkennen? Also, wenn er ein Bild von einer Person sehen würde, dann wäre das leichter, aber nur hören, ganz schwierig, irgendwie nicht so, dass er das sagen könnte.

Matthias Held reicht es. Er stößt sich mit den Füßen ab, sein Stuhl rollt nach hinten. Es scheint, als ob er gleich aufspringen will, aber ein Richter muss sich im Zaum halten. Der Vorsitzende der Großen Strafkammer bleibt sitzen, schiebt sich wieder nach vorn, schaut den Zeugen scharf an. „Hören Sie mit den Bildern auf!“

Zeuge ohne Erinnerung an Video

Nächste Frage: Hat der Onkel bei der Beerdigung im Irak ein Video zu der Tat weitergegeben? „Ich habe eines gesehen. Mein Bruder ist getötet worden.“ Drei Tage hat er bei der Beerdigung nichts gegessen, nur ein bisschen Brot, ab und zu ein Stück Obst, sagt er. Ein Video?

Stimmen Aussagen von Zeugen, dass er bei der Beerdigung mit dem Autovermieter geredet hat, der dem Angeklagten vielleicht einen Wagen überließ? „Warum sollte ich ihn kennen?“, fragt der Onkel zurück. „Also nicht?“, fragt der Richter. „Viele sind gekommen zur Beerdigung.“

Hat er, wie andere Zeugen aussagen, ein Video, das den Angeklagten zeigen soll, bei der Polizei abgefilmt und weitergegeben? „Ich habe eines gesehen, nicht abgefilmt.“ „Und weitergegeben?“ „Eines habe ich weitergegeben, aber ich weiß nicht, was darauf war. Ich sage die Wahrheit jetzt.“

Der Richter hat genug. Staatsanwalt und Verteidiger verzichten auf eigene Fragen an den Zeugen, der eine halbe Stunde geredet hat, ohne viel zu sagen. „Darf ich etwas fragen?“, meldet sich der Onkel. „Nein“, antwortet der Richter.

Für die Verhandlung sind bisher vier weitere Tage angesetzt. Aus Termingründen ist die Fortsetzung erst am 24. Juni möglich. Dann soll es im Gerichtssaal auf Fragen auch Antworten geben. Erwartet wird der Chefermittler der Ansbacher Kripo.

Kaum hatte Verteidiger Dr. Wolfgang Staudinger seine Robe angelegt, ging es los. Seine Verspätung war aber nicht der Grund für laute Töne im Gerichtssaal.  (Foto: Manfred Blendinger)
Kaum hatte Verteidiger Dr. Wolfgang Staudinger seine Robe angelegt, ging es los. Seine Verspätung war aber nicht der Grund für laute Töne im Gerichtssaal. (Foto: Manfred Blendinger)
Kaum hatte Verteidiger Dr. Wolfgang Staudinger seine Robe angelegt, ging es los. Seine Verspätung war aber nicht der Grund für laute Töne im Gerichtssaal. (Foto: Manfred Blendinger)
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