Für viele Musikfreunde haben die Weihnachtskonzerte des Windsbacher Knabenchors Kultstatus. Auch dieses Jahr erklangen pünktlich zum Beginn der Adventszeit ausgesuchte Weihnachtslieder in der Ansbacher Gumbertuskirche. Dabei wurden die Sängerknaben vom weltberühmten Raschèr Saxophone Quartet begleitet. Die Leitung hatte Ludwig Böhme.
Längst sind Saxophonklänge im Konzertsaal angekommen, allerdings assoziiert man sie nach wie vor eher mit modernen, urbanen Musikerlebnissen. Sigurd Rascher gründete das Ensemble vor über 50 Jahren. Auf jeden Fall eindrucksvoll liest sich die Liste der großen Musiker und Orchester, mit denen das Quartett und auch seine heutigen Mitglieder, Christine Rall, Yanir Ritter, Andreas van Zoelen und Oscar Trompenaars bereits zusammengearbeitet haben. Die musikalische Symbiose mit dem Windsbacher Knabenchor versprach Spannendes und Neues.
Zugegeben, eine musikalische Begegnung der speziellen Art, die sich da auftat im Programm „Hört der Engel helle Lieder“. Saxophontöne trafen auf himmlische Chormagie – ohne größeren Zusammenstoß. Das Raschèr Saxophone Quartet agierte hochprofessionell, mit einem klangvollen, kultivierten Ton und drängte sich nicht in den Vordergrund.
Rhythmisch prägnant, lebendig und treffend gelangen die rein instrumentalen eigenen Bearbeitungen von „Romanian Christmas Carols“ (“Rumänische Weihnachtslieder”) von Béla Bartók und „Verleih uns Frieden gnädiglich“ von Felix Mendelssohn Bartholdy.
Tonschönheit und Kantabilität prägten das Gesamtbild. Es war keine einfache Aneinanderreihung von Weihnachtsliedern. Die Windsbacher und Ludwig Böhme erzählten eine Geschichte und führten die zahlreichen Zuhörerinnen und Zuhörer in der anfangs abgedunkelten Kirche vom Dunkeln ins strahlende Licht.
Es war die Geschichte der Adventszeit, die aus der Dunkelheit des Totensonntags, über die Besinnung zur weihnachtlichen Lichtwerdung führt und die hier so einfühlsam musikalisch dargeboten wurde. Moderne, romantische, barocke und folkloristische Töne aus verschieden Ländern wechselten sich ab. Es wurde in fünf Sprachen gesungen.
Am Anfang war die Stimmung düster. Arvo Pärts Psalm 130 „De profundis“ wurde von den im Raum verteilten Knaben hoch konzentriert und mit dramatischem Gespür dargeboten. Die mystische Stimmung wurde dann mit den herrlichen Lied-Collagen „Nun komm, der Heiden Heiland“ und „Macht hoch die Tür“ endgültig zerstreut. Wie kleine perfekt geschliffene klingende Diamanten erhellten die Knabenstimmen den Raum mit wunderbaren Weihnachtsliedern aus aller Welt.
Der schwedische Winter spiegelte sich schneeweiß glitzernd in „Jul, jul, stralande jul“ („Weihnacht, strahlende Weihnacht“) und die Heiterkeit des argentinischen Volksglaubens in „La peregrinatión“ („Die Pilgerreise“).
Wie perfekt sie Englisch singen können, bewiesen die Knaben bei der Uraufführung der Komposition „Hark! Mendelssohn als Traumsequenz“ von Andreas von Zoelen – ein altes englisches Weihnachtslied auf einen Chorsatz von Felix Mendelssohn Bartholdy für Saxophonquartett und Chor. Berührend und zugleich scheinbar mühelos vertraut mit dem altslawischen Text erklang auch Arvo Pärts Marienhuldigung „Bogoróditse Djévo“ („Gegrüßet seist du Maria“).
Schließlich war jegliche Finsternis vertrieben und die Weihnachtsvorfreude gipfelte in den berührenden „Ich steh an deiner Krippe hier“ und „O Jesulein zart”. Und dann folgte nach einem jubelnden „Gloria in excelsis deo“ und „Frohlocket ihr Völker aus Erden“ der donnernde, nicht enden wollende Applaus.
Ludwig Böhme und sein Chor haben es erneut scheinbar mühelos geschafft, den Zauber von Weihnachten zu entfalten. Mit seinem engelsgleichen Gesang, der perfekten Stimmführung, dem vollen Gesamtklang und der erlesenen Diktion ist und bleibt der Windsbacher Knabenchor einer der führenden Chöre in der Knabenchorszene.