Bei den Neustädter Geißböcken wurde im soeben beendeten Fasching ein Witz darüber gemacht, dass die Diespecker ihre „Sch . . .e“ demnächst nach Neustadt schicken. Früher, als das Verhältnis der Nachbarkommunen noch deutlich weniger entspannt war, wäre das einer Kriegserklärung gleich gekommen. Heute winkt Neustadts Bürgermeister Klaus Meier lächelnd ab.
Da habe er schon derbere Witze gehört, sagt er und guckt neben sich, wo sein Diespecker Amtskollege Christian von Dobschütz Platz genommen hat. Auch dieser gibt keinen Anlass zur Sorge: Die Stimmung bei der Pressekonferenz, in der es tatsächlich um die Kooperation in Sachen . . . nun ja, „Fäkalien“ geht, ist blendend und von wechselseitiger Wertschätzung geprägt. Des Pudels Kern: Die Diespecker werden ihr Abwasser ab dem Juli des Jahres 2026 in Neustadt klären lassen.
Im Sport ist es bekanntlich so, dass es Verlierer geben muss, wenn es einen Sieger geben soll. Glücklicherweise jedoch besteht der Alltag von Kommunen nicht ausschließlich aus Wettbewerb und wenn zwei Gemeinden es schaffen, von einer Kooperation zu profitieren, spricht man von einer Win-win-Situation. Diese neudeutsche Begrifflichkeit wurde folgerichtig auch gleich mehrfach benutzt, als Meier und von Dobschütz, flankiert und unterstützt von Bernd Ernst und Christian Hübner von den jeweiligen Kommunalunternehmen, das Projekt erläuterten.
Wie Bernd Ernst ausführte, gehe es „im Kern“ darum, dass die Neustädter Kläranlage noch einmal ertüchtigt wird, und anschließend das Diespecker Abwasser mit bearbeiten wird. Dazu wird eine entsprechende Druckleitung entlang der Bundesstraße gebaut und Diespeck errichtet in unmittelbarer Nähe seiner bislang noch bestehenden eigenen Kläranlage ein Pumpwerk. Besagte Diespecker Kläranlage wird dann – weil nicht mehr benötigt – stillgelegt.
Das alles, so schwärmte Christian von Dobschütz, könne schon allein deshalb so gut funktionieren, weil die zu überbrückende Distanz so gering ist. „Wir ziehen die Leitung an der B470 entlang und Plopp stöpseln wir ein.“ Diese lautmalerisch geglückte Schilderung beinhaltet jede Menge wichtiger Details. Zum einen – und das ist vor allem den Neustädtern sehr wichtig – benötigt der Diespecker Anschluss keinerlei Nutzung des bestehenden Neustädter Kanalnetzes. Damit wiederum, so versicherte es Klaus Meier, könne man vorerst auch auf eine Anhebung der Kanalgebühren verzichten: „Die Abwassergebühren bleiben stabil.“
Ein für Neustadt weiterer wesentlicher Aspekt ist, dass Diespeck für diese Einleitung in barer Münze bezahlt. Im Klartext: Da die Neustädter Anlage momentan sowieso ertüchtigt werden muss, um am Jahresende die wasserrechtliche Erlaubnis für weitere 20 Jahre zu erhalten, wird viel Geld investiert. Doch da die Diespecker demnächst einleiten, werden sie für gemeinsam genutzte Teile der Anlage einen gewissen Anteil bezahlen – im Sport würde man von einer Ablösesumme sprechen. Das wiederum bedeutet, dass der Neustädter Betrag von 1,5 Millionen Euro sich durchaus signifikant verringert – ein weiteres finanzielles „Zuckerl“ für die Gebührenzahler der Kreisstadt.
Zurück zur vormals erwähnten „Win-win-Situation“: Was hat eigentlich Diespeck von der Aufgabe seiner abwassertechnischen Eigenständigkeit? Nun – zum einen muss man die eigene Anlage nicht mehr ertüchtigen, was über vier Millionen Euro gekostet hätte. Das ist zwar auf den ersten Blick noch keine echte Einsparung, denn der Bau von Druckleitung und Pumpwerk, die Stilllegung der eigenen Kläranlage sowie der „Einkauf“ in den Neustädter Betrieb kommen laut Bernd Ernst auf rund 5,3 Millionen.
Allerdings sparen sich die Diespecker die zukünftigen Betriebskosten einer eigenen Anlage (an der Neustädter sind sie mit 17,7 Prozent beteiligt), benötigen kein eigenes Personal mehr (in Neustadt ausreichend vorhanden), sparen sich die Klärschlammentsorgung und müssen die unvermeidlichen Aufrüstungen (Stichwort: Phosphorrückgewinnung ab 2030) nicht selbst vornehmen. Unter dem Strich, so Christian von Dobschütz, werde sich seine Kommune mittelfristig also viel Geld und Arbeit sparen.
Man arbeitet zusammen, bleibt aber getrennt: „Es wird keine gemeinsame Gebührenerhebung geben“, betonte Christian von Dobschütz ausdrücklich: „Jeder behält sein eigenes Kanalnetz und rechnet auch selbstständig ab.“
Ausgelegt ist die Neustädter Kläranlage übrigens für 35.000 Einwohnergleichwerte. Das allerdings, so versicherte Bernd Ernst, sei nicht gleichzusetzen mit der Einwohnerzahl, denn nicht einmal mit der Diespecker Beteiligung komme man künftig auf solche Werte. Doch gesetzlich sei vorgeschrieben, Anlagen für die absolut höchstmögliche Belastung auszulegen, um auch unvorhersehbare Ereignisse abfedern zu können.
Für Neustadt bedeutet dies: Theoretisch hätte man noch Reserven. Doch weitere Einleiter in die Anlage sind vorerst nicht zu erwarten, denn zum einen wird in Pahres – also im Osten – eine brandneue Anlage errichtet und wenn im Westen beispielsweise die Dietersheimer Interesse hätte, müssten sie ans Neustädter Kanalnetz anschließen. Das wiederum würde das Netz sehr belasten. Mit Schellert sei unlängst schon ein Neustädter Ortsteil angeschlossen worden, Unternesselbach komme – über das Schauerheimer Netz – demnächst noch hinzu, erklärte Christian Hübner. „Dann reichts.“