Michael Auer feiert am 9. September seinen 99. Geburtstag. Dieses seltene Zusammentreffen von Datum und Alter ist für ihn allerdings nicht so sehr von von Bedeutung. Für ihn überwiegen Dankbarkeit und Zufriedenheit.
Dass er seinen Geburtstag in guter körperlicher und geistiger Verfassung im Kreise seiner Familie feiern kann, ist für ihn das größte Geschenk. In seinem hohen Alter ist Michael Auer ein wacher und interessierter Zuhörer und ein reger Gesprächsteilnehmer. Er erzählt von seinem Leben, das nicht immer leicht war, aber er tut das, ohne zu klagen.
Geboren wurde er 1926 an der westungarischen Grenze in Wolfs. Mit seinen drei Geschwistern wuchs er auf dem Hof der Eltern auf, wo er nach der Schule in der Landwirtschaft und in den Weinbergen mitarbeitete. Mit 17 Jahren wurde er zum Kriegsdienst eingezogen und nach Jugoslawien geschickt. Dort waren die deutschen Einheiten allerdings schon im Begriff, sich aufzulösen – es gab keine Munition mehr. Michael Auer geriet in Gefangenschaft, wurde aber aufgrund der Tatsache, dass er noch nicht volljährig war, nach einem viertel Jahr wieder freigelassen.
Am 14. Mai 1946 wurde die Familie aufgrund ihres Status als „Volksdeutsche“ vertrieben. Nach einem Transport, bei dem Eltern und Geschwister in Waggons zusammen gepfercht waren, wurden sie zunächst einem Hof in Gollachostheim zugeteilt und zogen kurze Zeit später nach Gollhofen, wo sie eine Bleibe über dem Stall der Familie Weidt fanden. Michael Auer erinnert sich noch gut daran, wie provisorisch in dem einfachen Bretterbau alles war. Baumaterialien gab es zu diesem Zeitpunkt nicht. Lediglich ein Schlot konnte zwischen Kuhstall und Pferdestall hochgezogen werden, um wenigstens einen Holzofen anschließen zu können. Wasser musste vom Brunnen geholt und nach oben getragen werden.
Da die meisten Männer nach Kriegsende noch in Gefangenschaft waren, war der junge Michael Auer ein gefragter Helfer bei den Aufbauarbeiten im Dorf. Wie das Leben manchmal so spielt, verliebte er sich in Else, die Tochter des Weidt-Hofes. Am 6. Oktober 1950 fand die Hochzeit statt und er heiratete in den landwirtschaftlichen Betrieb ein. Das Paar bekam drei Kinder – die Söhne Friedrich und Heinrich und die Tochter Inge. Dass Michael Auer mittlerweile siebenfacher Opa und zudem siebenfacher Uropa ist, erfüllt ihn mit großer Freude. Das jüngste Urenkelkind ist sechs, das älteste bereits 19 Jahre alt.
Geprägt durch die Kindheit, die Zeit des Krieges und des Wiederaufbaus hat Auer oft mit wenig Mitteln und kleinen Schritten, aber immer beharrlich und mit dem Blick nach vorne sein Leben aufgebaut. Umso schwerer ist ihm die Zeit der Währungsreform im Jahr 1948 in Erinnerung. Das angesparte Geld kaum noch etwas wert, mit nichts wieder von vorne anfangen – das sei hart gewesen Aber auch diese schwierige Zeit bewältigte die Familie. Ein großer Glücksmoment war es dann, als 1954 endlich der erste Traktor gekauft werden konnte. Von 1972 über viele Jahre hinweg bekleidete Michael Auer in seiner Wahlheimat das Amt des Siebeners, wofür er 2024 geehrt wurde.
Wenn Michael Auer von den vergangenen Jahrzehnten erzählt, so kommt er immer wieder auf den guten Zusammenhalt im Dorf und die Hilfsbereitschaft unter Nachbarn zu sprechen. Wichtig ist es ihm auch, zu erwähnen, dass seine Frau Else in den vier Jahren, bevor sie 2017 starb, ein Pflegefall war. Er selbst, aber eben auch die Schwiegertochter Elfriede und der Sohn Friedrich hätten sie in dieser Zeit zu Hause liebevoll betreut. Das, so erzählt Michael Auer, hätten es nicht so gut geschafft, hätte nicht eine Freundin der Familie sie dabei fachlich angeleitet und unterstützt.
Bei seinem Sohn und seiner Schwiegertochter im Haus und im Kreise seiner ganzen Familie fühlt sich Michael Auer gut betreut und geborgen. Das Gehen fällt ihm mit der Zeit etwas schwerer, aber dafür hat er für draußen einen Rollator und in der Wohnung genügt ein Gehstock. Ansonsten kann er seinen Alltag weitgehend alleine bewältigen.
Früher ein fleißiger Kirchgänger, sieht sich Michael Auer den Sonntagsgottesdienst heute im Fernsehen an. Zum Seniorenabendmahl geht er aber noch in die Kirche. Sein großes Interesse für Politik und Landwirtschaft ist ungebrochen. Den Tag beginnt er nach dem Aufstehen mit der Lektüre der Fränkischen Landeszeitung und auch die Nachrichten im Radio und abends im Fernsehen gehören zu seinem festen Tagesablauf. Dazu kommt wöchentlich noch eine landwirtschaftliche Fachzeitschrift.
Der Gemüsegarten war und ist Michael Auers große Leidenschaft. Früher, so erzählt seine Schwiegertochter Elfriede, hat er ihn ganz alleine gepflegt. Auch jetzt ist er noch jeden Tag zum Gießen und Unkrautzupfen dort und den Feldsalat, den hat er natürlich auch heuer wieder selbst gesät.
Was er seinen Kindern, Enkeln und Urenkeln wünscht? Da braucht Michael Auer nicht lange nachzudenken. Zwei Dinge sind ihm wichtig: Dass die Welt besser werden solle, denn die Bilder und Nachrichten vom Leid der Menschen in den Krisen- und Kriegsgebieten machen ihn nach wie vor sehr betroffen. Und die zweite Botschaft: Sich von Rückschlägen nicht entmutigen lassen, sondern immer wieder nach vorne schauen und daran arbeiten, sie zu überstehen.