Luise Habel starb am 2. Juli 2014. Am 16. April wäre sie 100 Jahre alt geworden. An sie erinnern der Inklusionsbeirat der Stadt Rothenburg und die Nachbarschaftshilfe „Wegwarte“.
„Sie hatte etwas zu sagen und sie wusste, wovon sie sprach. Sie hatte es schwer und sie lernte zu kämpfen. Sie fand zur eigenen Stärke und verstand es, andere zu ermutigen und zu inspirieren“, schreiben der Inklusionsbeirat und die „Wegwarte“ in Erinnerung an Luise Habel.
Die „Wegwarte“ wurde im März 1996 gegründet. Die Anregung dafür kam damals von Luise Habel, die dann auch Mitglied im Gründungsvorstand war. Das Konzept habe ganz ihrem Grundsatz, Menschen in ihrem selbstbestimmten Leben zu unterstützen, entsprochen. Das Angebot sollte eine Lücke schließen und einfach abrufbar sein. Ältere und Kranke sollten bei alltäglichen Angelegenheiten Begleitung erhalten können – und noch etwas sollte es sein: ein Mittel gegen Einsamkeit.
Luise Habel ist im Herzen ihrer Heimatstadt aufgewachsen. Von der Familie behütet, aber doch allen Erschwernissen eines Lebens mit einer im ersten Lebensjahr eingetretenen körperlichen Behinderung ausgesetzt. Sie hat wohl alles erlebt: von der Befangenheit ihrer Mitmenschen über die besonderen Herausforderungen in Schule und Beruf bis hin zu Ausgrenzung und Vorurteil.
Sie erfuhr auch das andere: das gemeinsame Aufwachsen mit Gleichaltrigen, die Anerkennung durch Lehrkräfte und Arbeitskollegen, tiefe Freundschaft, unterwegs sein können in der Welt.
Nachdem sie ihren erlernten Beruf früh hat aufgeben müssen, fand sie ihre Berufung: das Lebensschreiben, das Begleiten in Begegnung und das Eintreten für von Behinderung oder psychischer Belastung betroffenen Menschen – kämpferisch, widerständig und ehrlich.
Mit tiefen Fragen an das Leben setzt sie sich in ihren sieben zwischen 1978 und 1989 verfassten Büchern auseinander. Denn sie selbst hatte immer wieder mit gesundheitlichen Problemen, mit Angst, Unsicherheiten und Depression zu ringen. Darüber schreibt sie offen, genau und selbstkritisch. Auch über das allmähliche sich Freimachen von eigenen und fremden Erwartungen, dem Entdecken der eigenen Wünsche und Stärken, um schließlich zu erkennen: „Wichtig ist, dass ich mich so bejahe, wie ich bin, so einmalig, so begrenzt und anfällig menschliches Leben ist… Ich bin dann emanzipiert, wenn ich ohne Einschränkungen sagen kann: Ich bin Luise.“
Ihre Methode war dem Schreiben von Inklusionsbeirat und „Wegwarte“ zufolge dabei nicht das Anbieten von guten Ratschlägen. Sie gab Einblicke in ihre Erfahrungen, sie nahm Lesende mit in ihr Erleben, sie setzte auf Begegnung, zuhören und miteinander reden.
Das holprige Rothenburger Pflaster kannte sie genau – die Rinnen, die Schwellen und Treppen. Als Kind wurde sie im Leiterwagen von den Freundinnen durch die Gassen gefahren oder von den Eltern und dem Bruder zur Schule. Später mühte sie sich mit einem unausgereiften E-Rolli durch die Stadt. Für sie war es wichtig, mobil sein zu können. „Herrgott, schaff die Treppen ab!“ Der Titel ihres ersten Buches ist ein Stoßgebet, ein Aufseufzen, das wohl alle, die je vor einem schwierigen Hindernis standen, kennen und nachfühlen können. Sie nimmt sich da auch alle vor – die physischen Barrieren, die Barrieren der mangelnden Akzeptanz, der Gedankenlosigkeit und fehlenden Rücksichtnahme, der unangemessenen Leistungsanforderung und des falschen Trostes.
Habel war laut der Mitteilung eine wichtige Stimme, die gehört wurde. Zutiefst beschäftigt hat sie lange Zeit das Verhältnis zwischen Menschen mit und ohne Behinderung. Aus ihrer Perspektive war die Welt durchaus geteilt in eine der Behinderten und eine der Nichtbehinderten. Gerade in ihrer praktischen Arbeit der Freizeitbegleitung und Beratung sah und erlebte sie die Schwierigkeiten im gegenseitigen Verständnis. Doch bei aller Kritik und emotionaler Betrachtung der Missstände in den Beziehungen war ihr ein besonderes Talent gegeben: beide Seiten zu sehen.
Sie schreibt 1978: „Ich möchte fliegen können wie jeder Fluggast und mir eine Stadt erobern können frei von Rolltreppen, zu engen Straßenbahnen, zu hohen Bordsteinen.“ Seitdem habe sich vieles zum Besseren verändert, aufgrund gewachsener Erkenntnis und Solidarität – vor allem aber wegen gesetzlicher Vorgaben. Vieles aber habe sich noch nicht verbessert, schreiben Inklusionsbeirat und „Wegwarte“.