Bei der Weltmeisterschaft in St. Moritz ist Felix Straub nur als Ersatz nominiert. Beim Saisonhöhepunkt sollen drei andere Francesco Friedrich zum Titel im Viererbob schieben. Trotzdem zieht der Ansbacher ein positives Zwischenfazit seiner ersten Saison als Wintersportler. In Schriftform – für ein Telefonat ist das WLAN in der Schweiz zu holperig.
Herr Straub, im Zweierbob ist das erfolgsverwöhnte Team Friedrich bei der WM nur Zweiter geworden. Steigt damit der Erfolgsdruck für den Wettbewerb im Vierer am Wochenende in St. Moritz?
Der Druck bei der WM ist immer hoch. Francesco ist wieder zu 100 Prozent fit, der Faserriss ist verheilt. Das haben die Startzeiten im Zweierbob gezeigt. Beim ersten Training hat sich gezeigt, dass ihm der Vierer dieses Jahr deutlich besser auf der Strecke liegt, denn wir hatten die schnellsten Zeiten des Tages.
Die Bahn im Engadin ist seit 1904 in Betrieb und wird jedes Jahr von Hand aus einigen Tausend Kubikmetern Schnee und Wasser neu aufgebaut. Wie ist Ihr Eindruck von der einzigen Natureisbobbahn der Welt?
Ich bin im Training noch nicht gefahren, da ich Ersatz bin und wir die Tage noch ein paar Kufen getestet haben. Um ein vernünftiges Resultat zu bekommen, muss dabei die gleiche Besatzung fahren, damit Startzeiten, Gewicht und Aerodynamik möglichst gleich sind. Die Strecke ist aber der Wahnsinn! Die Natureisbahn ist wirklich Handwerkskunst und es ist sehr beeindruckend, wie sie von Hand in den Berg gezogen wurde. Die Kulisse mit bestem Wetter und strahlenden Sonnenschein lassen minus 16 Grad super aushalten.
„Ich bin froh, dass mir Franz gleich einen großen Einsatz gegeben hat.
Merkt man einen Unterschied zu den anderen, meist aus Beton gebauten Eiskanälen?
Die anderen sagen, es sei wie Urlaub hinunterzufahren. In der Natureisbahn sind natürlich keine Dehnungsfugen wie in den mit Ammoniak gekühlten. Somit bekommt man keine Schläge in den Kurven ab und der Anpressdruck geht auf maximal 5G. Das ist im Gegensatz zu der Strecke in Altenberg sehr entspannt.
Steigende Temperaturen im Winter machen den Veranstaltern Probleme. „Wahrscheinlich werden unsere Enkelkinder vom Bobsport nur noch aus den Geschichtsbüchern erfahren“, sagte Francesco Friedrich neulich in einem Interview. Sehen Sie die Zukunft des Wintersports ähnlich düster?
Da kann ich Franz nur zustimmen. Es wird ja schon überlegt, den Saisonstart noch um einen Monat weiter in die kältere Jahreszeit zu verschieben, weil es extremen Energieaufwand erfordert, um die Bahnen zu kühlen. Das macht auch Sinn. Es wird aber schon sehr auf Erneuerbare Energie gesetzt. Ein paar Bobbahnen werden schon mit eigenem Windrad betrieben.
Nach welchen Kriterien werden die Anschieber für den nächsten Wettbewerb ausgewählt – geht es da um Tagesform oder Belastungssteuerung?
Das kann man pauschal nicht sagen. Ich bin ja erst diese Saison dazugekommen und somit ein richtiger Rookie. Die Entscheidung für die WM-Besetzung war schon länger klar. Die anderen drei Anschieber sind topfit und haben jahrelange Erfahrung, die mir einfach noch fehlt.
Sie haben immerhin schon Silber bei der Europameisterschaft gewonnen. Nicht schlecht für einen, der erst wenige Monate dabei ist.
Ich bin froh, dass mir Franz gleich einen großen Einsatz bei der EM gegeben hat. Das zeigt mir, dass er Vertrauen in mich hat.
Ganz knapp verpassten Sie in Lake Placid den Weltcup-Sieg im Viererbob. Bei einem Lauf dort haben Sie die Anschubgriffe ziemlich spät eingezogen, die prompt die Umrandung touchierten. Ging da die entscheidende Hundertstel verloren?
Der Start klappte eigentlich super. Es passiert aber ab und zu auch den erfahrenen Anschiebern, dass man beim Einstieg den Vordermann mit den Spikes erwischt. Das ist mir passiert. Ich habe mich im Rennanzug von Candy Bauer verfangen und musste meine Spikes aus dem Anzug ziehen, um auf meine Fußrasten zu kommen. Anfang der ersten Kurve waren dann die Bügel eingefahren. Das ist zwar spät, macht aber zeitlich keinen Unterschied. Mit den Bügeln hängengeblieben sind wir nicht. So etwas passiert nur, wenn man die Bügel in den schnellen Steilkurven nicht eingefahren hat.
„Die Trainingslager in der Wärme vermisse ich gar nicht.
Ein Lauf dauert manchmal keine Minute. Die Zeitabstände sind winzig. Merkt man beim Mitfahren überhaupt, ob das jetzt ein guter Lauf war oder nicht? Was erlebt man da mit eingezogenem Kopf, was nimmt man wahr?
Man bekommt hinter dem Pilot mehr mit als man denkt. Die Kurven hat man im Kopf und bewegt sich entsprechend mit, man weiß also, wo man ist. Anhand von mitgenommenen Banden, Drifts, Kurveneinfahrten und -ausfahrten merkt man, ob es ein guter oder schlechter Lauf war. Am Ende muss ich ja auch wissen, wann ich bremsen muss.
Im Viererbob rasen 600 Kilogramm zu Tal. Was sieht das Notfallprotokoll bei einem Sturz mit 130 km/h vor – außer den Kopf noch weiter einzuziehen?
Ich persönlich hatte zum Glück noch keinen Sturz, das gehört aber zu dem Sport dazu. Franz ist dieses Jahr dreimal gestürzt. Die Kollegen erzählen, dass man alles wie in Zeitlupe mitbekommt und voller Adrenalin ist. Schmerzen hat man erst, wenn man zur Ruhe kommt. Nach jedem Sturz sollte der Helm gewechselt werden, da der alte Schäden haben könnte. Ein ärztlicher Check gehört ebenfalls dazu.
Als Leichtathlet würden Sie demnächst zum Wintertrainingslager auf die Kanaren oder nach Florida fliegen. Vermissen Sie das?
Die Trainingslager in der Wärme vermisse ich gar nicht. Ich habe schon immer meinen Urlaub in den Bergen verbracht, sei es mit dem Motorrad oder beim Skifahren und Mountainbiken. Ich fühle mich dort sehr wohl.
Der Leistungssportler Felix Straub aus Ansbach (25) wechselte vergangenes Jahr von der Leichtathletik ins Bobteam Friedrich und ist dort nun einer von fünf Anschiebern. Als ehemaliger Sprinter bringt der Polizeimeister (Sportfördergruppe Sachsen) beste Voraussetzungen mit, den Schlitten im Eiskanal schnell zu beschleunigen. Im Team des mehrfachen Olympiasiegers und Weltmeisters aus Pirna kam Straub bisher zweimal zum Einsatz.