Wie lange lebt die Eintagsfliege? Nicht einen Tag, nicht zwei. Mehrere Jahre. Doch da muss man schon genau hinschauen. Denn sie gehört zu den Fliegen, die fast ihre gesamte Zeit im Wasser verbringen. Wenn sie sich dann in die Luft erheben, endet ihr Leben nach einem spektakulären Schauspiel.
Beim Wort Fliege denkt der Mensch meistens an die kleinen Tierchen, die im Haus herumschwirren. Doch das, sagt Ulrich Meßlinger, ist bei drei Gruppen völlig anders. „Diese Gruppen verbringen den größten Teil ihres Lebens als Larve im Wasser und verlassen es erst als fertiges Insekt, mit dem einzigen Ziel der Fortpflanzung.“ Der Biologe aus Flachslanden begleitet unsere Serie fachlich und lüftet in dieser Folge nicht nur das Geheimnis um die Eintagsfliege.
Deren Leben gleicht stark dem zweier Verwandter: der Köcherfliege und der Steinfliege. Das Trio taucht gern ab. Es lebt aber nicht im Untergrund, sondern zwischen Erde und Himmel. Dabei wechselt es sein äußeres Erscheinen. Aus dem Ei wird eine Larve und erst am Ende eine sichtbare Fliege. Doch das braucht Zeit.
In der FLZ-Serie „Kleine Welten” richten wir den Blick auf die Lebewesen und Pflanzen, die oft unterschätzt werden. Ihre Rolle für das Gleichgewicht von Mensch und Natur ist größer als es scheint.
„Die Larvenentwicklung zieht sich zum Teil über Jahre hin. Davon sieht man nichts im Wasser, wenn man nicht genau aufpasst oder mit Argusaugen oder technischen Hilfsmitteln gezielt sucht“, erklärt Meßlinger. „Bei den Eintagsfliegen kann die Entwicklung vom Ei über die Larve bis zu drei Jahren und 20 Häutungen dauern.“
Wer glaubt, die Jahre im Wasser seien vertane Zeit auf dem Weg an die frische Luft, irrt. „Wir dürfen nicht das Endprodukt der Fliegen sehen, sondern die Funktion der Larven im Stoffkreislauf. Sie arbeiten jahrelang, bauen Material im Gewässer um, gehen auf Jagd und verarbeiten Stoffe“, sagt der Biologe. „Das Entscheidende ist das Larvenstadium. Das Stadium danach dient nur noch zur Fortpflanzung und der Besiedlung neuer Lebensräume.“
Die Larven sind für die Menschen extrem hilfreich. „Sie sind spezialisiert auf Gewässer bestimmter Qualität. Verschiedene Larven von wasserlebenden Insekten werden gern als Bioindikatoren genutzt, auch bei den Untersuchungen der Wasserwirtschaft.“ Ganz ohne jede Technik zeigen die kleinen Tiere, wie die Gewässergüte ist. „Sie sind den Stoffen direkt und auf Gedeih und Verderben ausgesetzt. Sie können nicht zu einem anderen Gewässer wechseln.“ Wenn das Wasser zu stark verschmutzt ist, fehlen die Larven der anspruchsvolleren Arten. Nicht nur ihre Zahl ist wichtig als Indikator, sondern auch, welche verschiedenen Arten an einem Gewässer leben.
Nach dem langen Anlauf geht es dann irgendwann nach oben. „Eintagsfliegen schlüpfen unmittelbar an der Wasseroberfläche. Dann können sie auffällige Schwärme bilden. Sie sind keine geschickten Flieger, sondern flattern nur und sind damit den Winden ausgesetzt“, sagt Ulrich Meßlinger. „Wenn die Schwärme abheben, ist das absolut beeindruckend. Da können dann schon mal ganze Straßen von weißen Insektenleibern bedeckt sein, denn manche Arten sind sehr hell. Das ist ein irres Schauspiel.“
Nach dem Abheben muss es schnell gehen. „Die Begattung erfolgt direkt im Flug. Die Weibchen legen danach die Eier ins Wasser.“ Meistens suchen sie sich flussaufwärts einen frischen Lebensraum, was im westlichen Mittelfranken leichter möglich ist als in eng besiedelten Großräumen. Je natürlicher das Gewässer ist, in das die Eier gelegt werden, desto sicherer leben die Arten. Denn dann werden sie nicht gleich abgeschwemmt bei einem Hochwasser wie in begradigten Flussläufen.
Das fertige Insekt dient also nur der Fortpflanzung. Dann ist schnell Schluss, weshalb diese besonderen Fliegen nur selten zu sehen sind. „Am auffälligsten sind die Köcherfliegen, wegen ihres kunstvollen Köchers“, so Meßlinger. Der bietet ihnen einen gewissen Schutz, aber die wahren Gefahren - auch für die Steinfliegen - lauern in den Jahren vorher.
Denn im Wasser sind die ein bis zwei Zentimeter großen Larven eine begehrte Beute. „Sie spielen eine wichtige Rolle als Nahrung für andere Tiere. Wasseramsel oder Gebirgsstelze könnten nicht existieren, wenn es im Wasser nicht Insektenlarven gäbe“, erklärt der Biologe aus Flachslanden. „Die Wasseramsel ernährt sich fast nur an und unter der Wasseroberfläche. Das ist in der Vogelwelt einmalig und damit eine perfekte Nische für einen Spezialisten.“
Wenn die Larven nach dem Schlupf zu Tausenden in die Luft steigen, sind ihre Schwärme auch Nahrung für Fledermäuse und viele Vögel wie Schwalben bis hin zu kleinen Falken. Manche Eintagsfliegen schaffen es etwas weiter in einen Garten, bevor ihr Leben nur kurz nach der Begattung endet. „Das gibt es oft im Tierreich, dass sehr viel mehr Zeit mit der Entwicklung vor der Geschlechtsreife verbracht wird“, so Ulrich Meßlinger. „Dann ist das Leben nach wenigen Tagen vorbei.“
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