„Die Eichenschrecke ist der Drummer. Sie haut auf die Blätter, auf denen sie gerade sitzt, trommelt und teilt sich dadurch anderen mit.“ Ulrich Meßlinger warnt die Freunde heißer Rhythmen allerdings vor allzu hohen Erwartungen. „Für uns Menschen ist das sehr zart und kaum hörbar.“ Zu hören ist meist nur das laute Zirpen der Heuschrecken und Grillen. „Das Zirpen ist ein Lockruf der Männchen. Sie zirpen bis tief in den Herbst.“
Die meisten Heuschrecken überwintern als Ei. Wenn es warm wird, schlüpfen die Junginsekten, erklärt der Biologe aus Flachslanden, der unsere Serie fachlich begleitet. „Laute können sie erst äußern, wenn sie fertig ausgebildet sind. Dafür brauchen sie die Flügel oder die Flügelreste. Sie streichen entweder mit den Flügeln übereinander oder mit den Beinen über die Flügelkanten.“ Wer seine Lauscher stellt, kann die ersten Grillen Ende April hören.
Das Ende kommt unfreiwillig mit dem ersten Frost. Vorher können die Männchen nicht genug bekommen. „Sie zirpen so lange sie können und versuchen, Weibchen anzulocken.“ Diese schauen nicht hin, sie hören zu. „Es gibt viele Arten, die sich äußerlich stark ähneln. Nur die Gesänge unterscheiden sich sehr stark.“
Selbst für Experten wie Ulrich Meßlinger bleiben Heuschrecken schwer zu erfassen. „Etliche Arten leben oben in Bäumen, die bekommt man fast nie nicht zu Gesicht. Wir hören viele Arten gar nicht, weil sie im Ultraschallbereich zirpen. Deshalb nehmen wir die gleiche Technik wie bei der Fledermauserfassung. Ein Ultraschalldetektor erfasst die Laute und wandelt sie so um, dass wir sie hören können.“
Bat-Detektor heißen die elektronischen Helferlein. Einige Modelle liefern auf einem Bildschirm gleich ein Oszillogramm, das die Gesänge in Bilder umwandelt. Über Bücher und Datenbanken werden die Gesänge den Arten zugeordnet.
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„Es ist schwer, Heuschreckengesänge zu lernen“, sagt Ulrich Meßlinger. „Sie sind nicht so einprägsam wie zwitschernde Vögel. Nur wenige sind unverwechselbar. Die Sumpfschrecke hört sich wie Percussion an mit ihrem Zick-zick-zick“.
Handfester geht es beim zweiten Weg der Erfassung zu. Hier wird ein Kescher unter einen Ast gehalten und auf diesen geklopft. Mit angenehmen Nebeneffekten, weil andere Tiere wie Schmetterlingsraupen, Käfer oder Spinnen im Netz landen. In der freien Wildbahn sind die Schrecken, die nach dem alten Wort für Springen heißen, umtriebig. „Sie machen ihrem Namen alle Ehre und hüpfen, hüpfen, hüpfen – zur Flucht oder zum Ortswechsel, etwa wenn sie ein Weibchen entdecken.“
Pflanzen sind unverzichtbar, denn Eier werden zum Teil offen an ihnen abgelegt. „Meistens werden die Eier aber mit einem Legestachel oder mit dem Hinterleib in Erdspalten, in feuchten Boden oder in Pflanzen hinein platziert. Ganz wichtig sind weiche Pflanzenteile, Binsen zum Beispiel“, beschreibt Ulrich Meßlinger die Fortpflanzung. Immer häufiger ohne Erfolg. „Wenn diese Pflanzen weggemäht werden, sind auch die Eier weg. Deshalb sind Brachstreifen und im Garten ein paar wilde Ecken so wichtig.“
Manche Arten legen ihre Eier in Rindenspalten. Die Sichelschrecke spaltet die Blätter von Büschen, zum Beispiel der Schlehe. „Sie schafft es, zwischen die obere und untere Zellschicht ihren Stachel zu schieben und damit die Eier wie in einer Tasche zu schützen.“ Die Weibchen legen die Eier einzeln oder in Gruppen ab – so viele, wie sie in ihrem kurzen Leben schaffen können.
Neben den Arten, die es feucht lieben und die wir in der letzten Folge vorgestellt haben, mögen es andere warm und trocken. „Das vor allem im Mittelmeerraum verbreitete Weinhähnchen ist in wenigen Jahrzehnten vom Rheintal über das Main- und Taubertal und die Windsheimer Bucht auch zu uns in die Region gekommen“, nennt Meßlinger ein Beispiel. „Das wärmeliebende Tier hat inzwischen sogar den Hesselberg-Gipfel erobert. Die Klimaerwärmung macht’s möglich.“
Als Nahrung für andere Tiere sind Gewöhnlicher Grashüpfer, Nachtigall-Grashüpfer, Großes Heupferd, Strauchschrecke und Roesels Beißschrecke wichtig. Der Warzenbeißer ernährt sich von anderen Insekten und kann Proteine verdauen. Ihm wird nachgesagt, dass sein Biss Warzen zum Verschwinden bringt. Das galt bei Menschen einst als Heilmethode. Ödlandschrecken sind bestens getarnt, sie waren früher auf Magerrasen, in Sand- und Mergelgruben und ganz mageren Wäldern mit kahlem Boden verbreitet.
Inzwischen sind sie regional vom Aussterben bedroht, so Meßlinger. „Viele Heuschreckenarten kommen nur noch ganz lokal vor, bei uns zum Beispiel der Kleine Heidegrashüpfer. Sie findet man inzwischen oft nur noch auf wenige Quadratmeter beschränkt, in den intaktesten Bereichen eines Magerrasens. Der größeren Schwesterart mit so kuriosen Farben wie einem lila Anstrich geht es noch etwas besser, ihn gibt es am Ansbacher Scheerweiher, am Petersberg und auf den Hutungen um Lehrberg und Colmberg. Die Gefleckte Keulenschrecke ist eine unserer seltensten Arten. Am Sandweiher bei Mönchsroth hat sie noch überlebt. Sie braucht offenen, ganz mageren Boden.“
Ein besonderes Exemplar im großen Reich der 80 Arten von Heuschrecken ist die Maulwurfsgrille. Man sieht sie fast nie. Sie hat die Vorderbeine zu einem Grabinstrument umgebaut. Die Maulwurfsgrille trällert gern versteckt an Teichrändern. Früher war sie in Nasswiesen und Obstgärten verbreitet und für Vögel wie dem Wiedehopf eine wichtige Nahrungsquelle.
Wo die Heuschrecken fehlen, tun sich die Vögel schwer, weist Meßlinger auf die Nahrungskette hin. „Einige Vogelarten sind auf Heuschrecken angewiesen. Neuntöter und Steinkauz fangen bevorzugt große Heuschrecken und Grillen. Viele andere Vögel füttern ihren Nachwuchs mit Insekten, da spielen Heuschrecken eine wichtige Rolle.“
Wie so oft werden Brachflächen und fließende Übergänge wie Wald-, Hecken- und Ufersäume zu den letzten Rettungsinseln. Ebenso spät gemähte, ungedüngte und vor allem insektizidfreie Flächen, so der Biologe. „Nur noch dort gibt es eine hohe Dichte an Heuschrecken und Ausweichmöglichkeiten bei den zunehmenden Witterungsextremen. Wo in der ohnehin lebensfeindlichen Agrarsteppe auch noch die letzten Wegränder und Grabenböschungen totgemulcht werden, ist es vorbei mit den Gesängen.“