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Veröffentlicht am 04.10.2021 10:00

Frankens kleine Welten: Die hohe Kunst der Heuschrecken

Ihr Name kommt nicht von ihrem fiesen Charakter, sondern vom alten Wort für aufspringen. Heuschrecken und Grillen würden bei jeder Tierolympiade aufs Podest springen. Im Weitsprung sind zwei Meter locker drin, was bei ihrer Körpergröße ungefähr so ist, als wenn ein Mensch aus dem Stand einen Satz von über 50 Metern machen würde – beliebig oft.

Zwei Meter im Weitsprung

Bei der Olympiade müsste es allerdings sehr viele Klassen geben, denn weltweit gehen rund 28.000 Arten an den Start. Darunter sind ein paar, die den Ruf der Tierchen ramponiert haben, weil sie sich gelegentlich so hemmungslos vermehren, dass sie zur Plage ganzer Landstriche werden.

Am Rohrweiher in Flachslanden bestand diese Gefahr nie. Obwohl sich die kleinen Tierchen hier sehr wohl fühlen, vor allem auf einer geschützten Moorfläche in der Nähe des Sonnensees. „Das ist eine der wertvollsten Flächen in der Region“, schwärmt Dieter Speer, stellvertretender Geschäftsführer beim Landschaftspflegeverband Mittelfranken.

Immer mehr setzen sich für Naturschutz ein

Speer lässt es nicht beim fachkundigen Lob, sondern packt einmal im Jahr kräftig mit an. Dutzende von Freiwilligen kommen seit 43 Jahren im September zusammen, um die sensible Fläche behutsam zu erhalten. In diesem Jahr waren es so viele wie noch nie. Vierzig Menschen zwischen 7 und 70 Jahren trugen die vorher schonend gemähte Streu mit dreizinkigen Gabeln heraus.

Für Dieter Speer war die Rekordbeteiligung bei dem freiwilligen Einsatz keine Überraschung. „Seit dem Bienen-Volksbegehren gibt es mehr Privatleute, die etwas für den Naturschutz machen wollen. Und durch Corona kommt es zu einer Rückbesinnung auf das gemeinschaftliche Arbeiten.

Mit dabei war auch die zweite Bürgermeisterin Nicole Guggenberger. „Ich halte solche Aktionen auch sozial für wichtig, gerade jetzt nach Corona. Wieder einmal zusammenhelfen, das stärkt. An der frischen Luft sieht man die Gesichter sehr gerne wieder.“ Der Klimawandel hat für sie auch in den Gemeinden viel geändert. „Man merkt, dass die Leute gegensteuern wollen. Das Bewusstsein steigt.“

Und überwindet so locker Gemeindegrenzen wie Wolfgang Schicktanz. Der Bürgermeister der Nachbargemeinde Rügland half gern auf Flachsländer Boden mit. „Es geht um die Natur vor der eigenen Haustür, nicht um die Frage, wozu eine Fläche gehört. Auch kleine Beiträge haben einen gewissen Nutzen. Und man kann sich mit Gleichgesinnten treffen.“

Ein Aspekt, der für Ulrich Meßlinger im Zentrum steht. „Unsere riesigen Aufgaben im Naturschutz sind nur miteinander und mit Motivation zu schaffen. Deshalb sollte Naturschutz Spaß machen und nicht griesgrämig und besserwisserisch daherkommen.“ Der Diplom-Biologe, der die FLZ-Serie „Kleine Welten“ fachlich begleitet, hat schon als Jugendlicher die Rettung der Moorfläche begonnen.

Nachwuchs der Heuschrecken gefährdet

Mit anhaltendem Erfolg: „Beim Streuabräumen auf der heuer besonders nassen Wiese wurden nebenbei allein neun Reptilien- und Amphibienarten gefunden, darunter Waldeidechsen, Dutzende von jungen Laubfröschen und der selten gewordene Kammmolch. Einen Kammmolch haben wir am Sonnensee schon jahrelang nicht mehr gesehen. Die Naturschutzflächen liefern also auch Nachwuchs.“

Der bei den Heuschrecken besonders gefährdet ist. „In Westmittelfranken geht es vor allem den Arten schlecht, die Feuchte lieben. Die Drainage von Wiesen, die Verdichtung der Böden durch das Befahren mit riesigen Maschinen, das Trockenlegen von Sümpfen und Mooren, die Begradigung von Bächen und die Entwässerung der Auen nehmen ihnen den Lebensraum“.

Obwohl gesetzlich nicht mehr erlaubt, würden häufig noch Nasswiesen aufgedüngt. Flächen wie das kleine Paradies am Rohrweiher sind viel zu selten geworden, berichtet Meßlinger. „Die Bodenfeuchte ist wichtig, und da sie sich von Jahr zu Jahr und auch mit den Jahreszeiten ändert, überleben anspruchsvolle Kleintiere oft nur dort, wo sie Feuchtgradienten vorfinden.“ Das ist zum Beispiel der Fall an ganzen Hängen, die geeignet bewirtschaftet werden. „Hier können Heuschrecken dann auf und ab wandern, immer in den Bereich, der für sie günstig ist. Auf Talwiesen funktioniert das nur dort, so nasse Mulden oder Gräben, Bachufer oder feuchtere Wiesenteile vorhanden sind.“

Pfützen und Ufer retten das Leben

Entwässerung ist auch deshalb ein ganz massives Problem für Heuschrecken, weil ihre Eier oft eine bestimmte Feuchtigkeit brauchen. Diese entscheidet auch danach oft über Leben und Tod. „Zum Beispiel leben Kleine Dornschrecken an Pfützen und schlammigen Böden, auf Teichufern und in der Flussaue. Sie überwintern als fertige Heuschrecken und werden kaum eineinhalb Zentimeter groß.“

„Bis ins Rezattal vorangekommen”

Die sehr seltene Kurzflügelige Schwertschrecke gibt es inzwischen nicht mehr nur am Flachsländer Sonnensee und am Rohrweiher. „Sie ist entlang der ungemähten Uferstreifen bis ins Rezattal vorangekommen“, nennt Meßlinger einen nachweisbaren Erfolg gezielter Maßnahmen. „Das ist ein Beleg für die Bedeutung sich selbst überlassener Bereiche in unserer Landschaft. Sie werden auch zu Wanderkorridoren für anspruchsvolle Tierarten.” Sumpf-Grashüpfer haben es bisher noch nicht allzu weit geschafft. „Es gibt sie am Rohrweiher, doch sonst sind sie sehr selten geworden durch Entwässerung und häufige Mahden.“

Verzahnte Gebiete, in denen nasse und trockenere Bereiche ineinander übergehen, könnten das Aussterben ganzer Heuschreckenarten in der Region verhindern. „Heuschrecken müssen sich immer ihren jeweils besten Platz suchen können, ohne große Strecken dazwischen. Deshalb brauchen wir ungemähte Uferstreifen, Raine, Weg- und Waldränder, an denen sich dadurch ganz unterschiedliche Strukturen entwickeln.“

Voller Vertrauen auf die Tarnung

Ohne die passende Grundlage nützen vielen Heuschrecken ihre einzigartigen Fähigkeiten in der Luft nichts. An Varianten ist kein Mangel, erklärt Ulrich Meßlinger. „Manche können fliegen. Einige Arten bilden grundsätzlich immer Flügel aus, wie das Große Heupferd. Andere bilden nur manchmal Flügel, oft sogar nur einzelne Tiere einer Population. Ihre Aufgabe ist es, neue Lebensräume zu erreichen. Andere sind nur zu Fuß unterwegs. Die Plumpschrecke zum Beispiel hüpft nicht davon. Sie ist sehr gut grün getarnt und vertraut nur auf ihre Tarnung.“

Besonders spektakulär ist die hohe Kunst des Flugsprungs. „Eine Schrecke springt, spannt die Flügel auf und fliegt aktiv weiter. Das sind also echte Senkrechtstarter“, schildert der Biologe das Manöver.

Reich ist die Vielfalt auch bei der Ernährung. „Bei Heuschrecken und Grillen gibt es Veganer, Allesfresser und Arten, die sich überwiegend von Kleintieren ernähren. Die größten sind bei uns das Große Heupferd mit über fünf Zentimetern. Die kleinsten sind die Ameisengrillen, die nur ein paar Millimeter groß sind und als Untermieter in Ameisennestern leben. Sie sind im Gewusel der Ameisen kaum zu erkennen.“

Sumpf-Grashüpfer werden durch Entwässerung und häufige Mahden immer seltener in der Region. (Foto: Ulrich Meßlinger)
Sumpf-Grashüpfer werden durch Entwässerung und häufige Mahden immer seltener in der Region. (Foto: Ulrich Meßlinger)
Sumpf-Grashüpfer werden durch Entwässerung und häufige Mahden immer seltener in der Region. (Foto: Ulrich Meßlinger)
Die Kurzflügelige Schwertschrecke beweist, wie Uferstreifen zu Wanderkorridoren werden. Sie gibt es auch wieder im Rezattal. (Foto: Ulrich Meßlinger)
Die Kurzflügelige Schwertschrecke beweist, wie Uferstreifen zu Wanderkorridoren werden. Sie gibt es auch wieder im Rezattal. (Foto: Ulrich Meßlinger)
Die Kurzflügelige Schwertschrecke beweist, wie Uferstreifen zu Wanderkorridoren werden. Sie gibt es auch wieder im Rezattal. (Foto: Ulrich Meßlinger)
Eine Moorwiese am Rohrweiher bei Flachslanden bietet durch ihre Feuchtigkeit und den abgestuften Bewuchs das ideale Umfeld für Heuschrecken. Alljährlich packen Freiwillige an, um die gemähte Streu möglichst schonend herauszutragen. (Foto: Manfred Blendinger)
Eine Moorwiese am Rohrweiher bei Flachslanden bietet durch ihre Feuchtigkeit und den abgestuften Bewuchs das ideale Umfeld für Heuschrecken. Alljährlich packen Freiwillige an, um die gemähte Streu möglichst schonend herauszutragen. (Foto: Manfred Blendinger)
Eine Moorwiese am Rohrweiher bei Flachslanden bietet durch ihre Feuchtigkeit und den abgestuften Bewuchs das ideale Umfeld für Heuschrecken. Alljährlich packen Freiwillige an, um die gemähte Streu möglichst schonend herauszutragen. (Foto: Manfred Blendinger)
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