Sobald es wärmer wird, sind sie an jeder Ecke. Auf jedem Tisch, am Herd und allen anderen Stellen, an denen es nach Futter riecht. Die Stubenfliegen gehören in jedes Haus. Wer sie loswerden will, muss sehr schnell sein.
Die Tiere, mit denen wir unsere neue Saison der Serie „Kleine Welten“ eröffnen, zählen nicht zu den beliebtesten Arten. Sie brummen laut durch alle Räume und niemand findet sie reizend schön. „Aber wie so oft bei unscheinbaren oder lästigen Tieren haben auch diese Nervensägen viel an Interessantem und Wichtigem zu bieten“, meint Ulrich Meßlinger, der unsere Serie fachlich begleitet.
„Wenn eine Fliege wie wahnsinnig kreuz und quer durch die Küche düst, dann hat das Methode“, so der Biologe aus Flachslanden. „Es erschwert nicht nur den finalen Zugriff durch den Muggnbadscher. Auch natürliche Feinde tun sich schwer, die Fliegen beim Kunstflug vom Himmel zu holen.“
Die „Muggn“, wie sie in Franken meistens genannt werden, suchen ihre Nahrung über den Geruch. „Wenn sie der verlockende Duft von Proteinen oder Zucker angelockt hat, spüren die Fliegen durch das Hin- und Herpendeln im Flug feinste Unterschiede in der Konzentration des Duftes und lokalisieren so zielsicher dessen Quelle“, erklärt Meßlinger das Flugverhalten. „Stubenfliegen gehen auf Flüssigkeiten, die reich an Nährstoffen wie Zucker und Protein sind. Fleisch, Käse, Milch sind nur drei ihrer Leibspeisen, die sie trickreich finden und dann genüsslich aufschlürfen. Sie sind überall dort, wo Menschen aktiv sind, Nahrung lagern oder zubereiten.“
Ihre Eier legen sie nicht nur auf Genießbarem, sondern auch auf tierischen Ausscheidungen ab. Was bei den üblichen hygienischen Standards kein Grund zur Aufregung sei. „Jede Fliege kann Krankheitserreger weitertragen, wie andere Tiere auch, nicht nur Hunde oder Katzen. Begegnungen mit ihnen sind nicht gefährlicher wie ein Händedruck unter Menschen. Selbst dabei kann man sich infizieren.“
In der FLZ-Serie „Kleine Welten” richten wir den Blick auf die Lebewesen und Pflanzen, die oft unterschätzt werden. Ihre Rolle für das Gleichgewicht von Mensch und Natur ist größer als es scheint.
Den schwirrenden Fliegern könnte man bei ihrer Suche nach Nahrung ein sehr feines Näschen attestieren – wenn sie eines hätten. Doch ihr Riechorgan sitzt an den Fühlern. Dort sind die Rezeptoren, die bei Mensch und anderen Tieren geschützt in der Nase sitzen. Weltweit sind mehr als 1000 Arten bekannt, in Deutschland allein 40, für die auch Bezeichnungen wie Schmeißfliegen oder Goldfliegen verwendet werden.
Im Lauf der Millionen Jahre haben sie zwei ihrer einst vier Flügel eingebüßt. Was für die jetzigen Zweiflügler auch Vorteile hat, sagt Ulrich Meßlinger. „Das andere Flügelpaar hat sich in der Evolution zu stummelartigen Schwingkölbchen entwickelt, die mit Sinnesorganen zur räumlichen Orientierung beim rasanten Flugtempo besetzt sind.“
Ihre Geschwindigkeit behalten sie auch, wenn sie irgendwo gelandet sind. Die meisten Menschen, die eine Stubenfliege in die ewigen Jagdgründe schicken wollen, verlieren das direkte Duell. Auge in Auge sind die Kleinen kaum zu schlagen. „Insektenaugen sehen viel unschärfer als menschliche, aber das Gehirn der Insekten kann viel mehr Bilder pro Sekunde verwerten“, beschreibt der Biologe den entscheidenden Unterschied. „Sie sehen quasi in Zeitlupe. Dadurch haben sie eine viel kürzere Reaktionszeit als wir. So schnell wie die weg sind schauen wir gar nicht.“
Was erklärt, dass die Fliege längst schon wieder durch die Stube schwirrt, wenn die menschliche Faust fällt. Doch sie haben eine schwache Seite, verrät der Biologe. „Sie können nicht rückwärts starten, sondern sie müssen nach vorne starten. “ Es kommt also auf den richtigen Winkel zur Abflugschneise an oder das breitere Hilfsmittel namens Muggnbadscher, der in anderen Breitengraden auch Fliegenklatsche genannt wird.
Diese Breitseiten machen allerdings keinen Sinn gegen die kleinsten unter den Fliegen. Gerade mal bis zu zweieinhalb Millimetern lang, haben es die Fruchtfliegen zu wissenschaftlicher Berühmtheit gebracht, so der Biologe: „Fruchtfliegen sind unglaublich geschickt im Auffinden von Obst und Früchten mit leichten Verletzungen. Der davon ausgehende Geruch reicht ihnen schon, um durch kleinste Ritzen und selbst durch schlecht geschlossene Fenster zum Ziel ihrer Begierde zu kommen.“
Deshalb seien die rotäugigen Winzlinge vor allem in der Erntezeit fast allgegenwärtig. „Sie sind nicht am gesunden Obst interessiert, das noch am Baum hängt oder frisch geerntet ist. Sie interessiert die Verletzung, an der Fruchtsaft und der Geruch austritt, wenn es zu Fäulnis kommt.“
Das ist aber nicht der Grund, dass die Fruchtfliegen als ideales Versuchstier gelten. “Sie haben ein sehr kleines Genom aus nur vier Chromosomenpaaren. Erbgutveränderungen lassen sich daran besonders klar erforschen. Und sie sind leicht zu züchten, weil alle zehn Tage eine neue Generation entsteht. Deshalb sind sie einer der am besten untersuchten Organismen auf unserer Erde.“
Besonders beliebt sind Fliegen nicht nur im Labor, sondern bei einer speziellen Berufsgruppe: den Rechtsmedizinern. „Fliegen können durch ihre perfekte geruchliche Orientierung meistens als erste eine Leiche finden“, weist der Biologe auf eine wertvolle Rolle der Tiere bei vielen Ermittlungen hin. „Wenige Stunden nach dem Tod eines Lebewesens liegen da unter Umständen schon Eier von Fliegen darauf. Am Entwicklungsstadium ihrer Maden kann man relativ genau den Todeszeitpunkt, die Leichenliegezeit und weitere Todesumstände feststellen.“
Die Larven mancher Arten werden sogar speziell gezüchtet und als medizinische Nutztiere eingesetzt. Sie fressen nur abgestorbenes Gewebe, halten so Wunden sauber und vermindern das bakterielle Infektionsrisiko. Diese Madentherapie nach alter Sitte wird auch heute noch vielerorts angewendet.
Für Ulrich Meßlinger sind die Maden von Fliegen auch in anderer Hinsicht ein wichtiges Glied in der Verwertungskette. „Der natürliche Stoffkreislauf basiert darauf, dass alles absterbende Material möglichst schnell wieder für andere verfügbar gemacht wird. Binnen Minuten werden von Fliegen Tierleichen erkannt und belegt. Innerhalb von Tagen beginnen die Larven dann, das Aas zu zerlegen und dabei Krankheitserreger zu neutralisieren.“
Was die nützlichen Tierchen nicht vor der Gefahr rettet, selbst dem Kreislauf der Natur anheimzufallen. „Fliegen und ihre Larven sind eine wichtige Beute für Vögel, Fledermäuse, Eidechsen, Igel und andere Arten. In der Natur hat alles Getier seinen Platz, seine Funktion und seine Bedeutung.“
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