In der FLZ-Serie „Kleine Welten” richten wir den Blick auf Lebewesen und Pflanzen, die oft unterschätzt werden. Ihre Rolle für Mensch und Natur ist größer, als es scheint. In unserer 19. Folge kommen wir den Wanzen und Zikaden nahe.
Gäbe es eine Insekten-Olympiade, wären die Wanzen die großen Favoriten auf die Goldmedaille im Zehnkampf. Bewundert werden sie für ihre vielen Talente nicht, im Gegenteil. Die meisten Menschen zucken bei ihrer Erwähnung leicht zusammen. Manchmal auch im Bett.
„Ihr Ruf ist viel schlechter als sie es verdient haben“, findet der Biologe Ulrich Meßlinger, der unsere Serie fachlich begleitet. „Ein paar Arten können uns piesacken wie die Bettwanzen, die aber unter normalen hygienischen Bedingungen keine Chance mehr haben sollten.“
Wenn sie unter der Decke auftauchen, haben sie oft eine weite Reise hinter sich. „Sie werden meistens eingeschleppt im Gepäck und können sehr lang ohne Nahrung überleben.“ Wenn Bettwanzen dann Hunger auf ein Schlückchen frisches Blut haben, können von ihrem Biss kleine Quaddeln entstehen, die sich leicht entzünden.
„Das ist unangenehm, aber nicht gefährlich“, sagt Meßlinger. Schade, dass der winzige Anteil der Bettwanzen den Ruf aller anderen Artgenossen ruiniert. „Unter ihnen gibt es kaum Schädlinge. Im Gegenteil: Manche werden sogar gezielt in der Landwirtschaft oder im Obst- und Gartenbau eingesetzt, weil sie Kleintiere fressen, die vor allem in Gewächshäusern Schäden anrichten können.“
Wanzen gehören in der Natur überall dazu. In Deutschland sind rund 900 Arten bekannt, in Europa 3000, weltweit 40.000. „Sie sind in praktisch allen Lebensräumen zu finden, auch im und unter Wasser“, erklärt der Biologe aus Flachslanden. „Auch Wasserläufer, Wasserskorpione und Wassernadeln sind Wanzen. Die Eier werden teils mit Legebohrern in Pflanzen oder in den Boden injiziert, teils im Boden verscharrt. Wanzen sind eine sehr alte Tiergruppe. Erste Fossiliennachweise sind fast 300 Millionen Jahre alt.“
Wer so lange überlebt, muss sich immer wieder anpassen können. „Jeder muss in der Natur seine Nische finden. Zum Überleben ist Anpassungsfähigkeit entscheidend. Das Modell der Wanze ist sehr erfolgreich, weil sie so vielfältig sind.“ Nur am gefälligen Äußeren hapert es manchmal, bedauert der Biologe. „Wir bewerten sehr viel nach Optik und Geruch, und wenn jemand bunt ist und duftet, hat man ein anderes Bild als wenn jemand unscheinbar ist und für uns seltsam aussieht.“ Und ab und zu auch noch unser Näschen rümpfen lässt wie die Stinkwanze. Sie sondert, nur wenn sie sich bedroht fühlt, ein unangenehm riechendes Sekret ab.
Zu den wenigen Arten, die zumindest optisch mehr hermachen, gehören die Feuerwanzen im klassischen Schwarz-Rot-Look. Die Vegetarier sind gern zu Hunderten eng beieinander, zum Beispiel an sonnigen Stellen am Fuß von Bäumen, um etwa an Samen von Linde oder Robinie zu saugen. „Feuerwanzen machen im Garten keinerlei Probleme, auch wenn sie in Massen auftreten“, so Ulrich Meßlinger. Andere Arten wie die Raubwanzen sind dort sogar fleißige Helfer, weil sie mit ihrem Stechrüssel als aktive Jäger, zum Teil unter dem Einsatz ihrer Fangbeine, „Schädlinge” meucheln. Manche Arten werden auch in Gärten gezielt als biologischer Pflanzenschutz gehegt.
Schöne Zeiten erleben Wanzen, die bis zu zwei Jahre alt werden können, nicht. Sie sind von Anfang an unscheinbar. „Wie bei Heuschrecken ähneln bereits frühe Larvenstadien dem fertigen Insekt“ erläutert Ulrich Meßlinger. „Das ist anders als unter anderem bei Schmetterlingen und Käfern, wo Larve und fertiges Insekt völlig anders aussehen.“
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Zu den Insekten, die sich nach der ersten Lebensphase nicht vollständig verwandeln, gehören auch die Zikaden. Auch diese schaffen es eher selten in die Schönheitswettbewerbe der Natur, sondern sind eher dem Sport verpflichtet. Ihre Paradedisziplin ist der Hochsprung. „Zikaden bewegen sich vor allem springend. Speziell ausgebildete Hinterbeine verleihen ihnen einen unglaublichen Schub. Eine fünf Millimeter lange Art springt bis zu 70 Zentimeter hoch. Das wären 280 Meter für einen Mensch“, rechnet Ulrich Meßlinger vor.
Er schätzt die Zikaden aber nicht deswegen. „Sie haben eine unglaubliche Formen- und Farbenvielfalt. Und eine hohe Bedeutung für Ökosysteme.“ Wo es viele Zikaden-Arten gibt, ist die Welt auch für andere Tiere einigermaßen in Ordnung. „Durch sie kann man viel aussagen über den Zustand ihres Lebensraums.“ Ihre Rolle als Indikator wird allerdings selten genutzt. „Weil es so viele verschiedene Arten gibt, sind sie schwer zu bestimmen. Dafür gibt es nur wenige Experten, die sich damit wirklich auskennen. Deshalb fallen Zikaden meistens durchs Raster, obwohl sie ökologisch sehr wichtig und in jeder Hinsicht interessant sind.“
Wenn der bayernweit gefragte Biologe über eine Wiese geht, reicht ihm für viele Arten ein Blick. „Schmetterlinge kann ich leicht bestimmen, weil es davon nicht so viele gibt. Bei Wanzen und Zikaden ist das ganz anders. Man muss sie meist fangen, präparieren und mit dem Mikroskop arbeiten, um sie zu bestimmen. Das ist sehr viel Aufwand.“
Eine Ausnahme ist die Wiesen-Schaumzikade. Ihre Larven produzieren eine auffällige Hülle, die groß wie eine Haselnuss ist und vor Hitze, Trockenheit und Feinden schützt. Andere Arten lassen von sich hören. Männliche Zikaden können ein schrilles Geräusch erzeugen, um Weibchen zu beeindrucken. Ulrich Meßlinger warnt jedoch vor romantischen Gedanken. „Diese Geräusche sind nicht so angenehm wie die der Grillen.“ Im Gegenteil: „Zikaden können richtig störend sein. Und so brutal laut wie Heavy Metal.“
Im westlichen Mittelfranken ist es ihnen meist zu kalt zum nächtlichen Singen. Hörbar werden sie in warmen Weinbaugegenden am Main oder im Süden. „Ihr sägender Singsang kann beim Urlaub am Gardasee oder in der Provence ziemlich auf die Nerven gehen“, so Meßlinger. Die Männchen mobilisieren alle Kräfte ihres kleinen Leibs, um Weibchen anzulocken. „Wie so oft im Tierreich sind die lautesten Schreihälse für die Weibchen am attraktivsten.“