„Viele Menschen kennen Flechten zwar dem Namen nach. In der Natur übersehen sie sie aber“, sagt Ulrich Meßlinger. Der Diplom-Biologe aus Flachslanden begleitet unsere Serie fachlich. „Flechten werden oft als Moos verkannt, aber sie sind etwas ganz Eigenes.“
Aus zwei mach eins: Jede Flechte entsteht aus einer ungewöhnlichen Lebensgemeinschaft. Es tun sich zusammen ein Pilz und eine Alge. Der Pilz bildet den Grundaufbau und die Algen helfen ihm bei der Ernährung, indem sie Photosynthese betreiben. Flechten sind damit zu Leistungen fähig, die keiner der Partner alleine schaffen könnte.
Ein ungleiches Paar? Nur zum Teil, warnt Ulrich Meßlinger vor falschen Schlüssen. „Die beteiligten Pilze können nur in dieser Symbiose überdauern. Die Algen, meistens sind es Grünalgen, könnten dagegen als Pflanze auch ohne den Pilz leben. Der Pilz hat also mehr davon, aber er hilft den Algen in manchen Lagen extrem, an Nährstoffe zu kommen.
Die Algen wiederum werden durch den Pilz geschützt, etwa gegen UV-Strahlung oder gegen Austrocknung.” Eine vorbildliche Ehe, die nicht auseinander fällt. Sondern alles überdauert, was die Natur an Gefahren bietet: Nahrungsmangel, extreme Trockenheit, Hitze und Kälte. „Die Flechten kommen bei den Nährstoffen oft mit dem aus, was an Staub angeweht wird. Sie wachsen sehr langsam und nur dort, wo sie keine Konkurrenz vorfinden“, so der Biologe. „Sie wachsen dort, wo andere Pflanzen keine Chance haben, zum Beispiel auf Felsen und Steinen.
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Grabsteine kann man mit Flechten sogar auf ihr Alter datieren. Wo Gletscher sich zurückgezogen haben, kann man anhand der Größe von Flechten sagen, wie lange dieser Bereich schon frei liegt.“ Flechten gehen im Gebirge bis auf 5000 Meter hoch. Sie sind in Halbwüsten und Wüsten zu finden, auf stark versauerten Böden und an Standorten, die für andere Organismen praktisch nicht zu besiedeln sind.
Sie leben oft auf Baumrinden. Dabei saugen sie sehr effektiv Feuchtigkeit aus der Luft, versorgen sich damit aber nicht nur selbst, sondern geben die Feuchtigkeit auch an den Boden ab. Wobei die Feuchtigkeit keine Voraussetzung ist. „Sie können vollständig austrocknen und in dieser Trockenstarre zum Teil über Jahrzehnte überleben, was nicht nur in der Wüste wichtig ist“, verweist Ulrich Meßlinger auf eine höchst seltene Fähigkeit.
„Wenn es dann regnet, aktivieren sie ihren Stoffwechsel wieder und es geht mit dem Wachstum weiter.“ Weltweit gibt es rund 25.000 Flechtenarten, in Mitteleuropa sind es 2000. Die kleinsten Arten haben einen fast unbegrenzten Radius. „Sie pflanzen sich mit Sporen fort, die vom Wind weit verdriftet werden. Darum kann fast jede Art weltweit irgendwo als Spore landen“, erläutert Meßlinger.
Arten sind bekannter, wie die Strauchflechten, die zum Beispiel oft in Modelleisenbahnanlagen oder in Grabgestecken Verwendung finden. Dazu gehören die Rentierflechten, die in Nordeuropa eine ganz entscheidende Bedeutung für die Ernährung der Rentiere im Winter haben. Einige Arten stechen wegen ihrer knallroten Fruchtkörper ins Auge, obwohl sie kaum höher als einen Zentimeter werden.
Die Winzlinge haben noch zusätzliche Fähigkeiten, werden in der Medizin verwendet, als Farbstoffe oder für die Alkoholproduktion. Als Bioindikatoren zeigen sie, wie stark verschmutzt die Luft ist. „Schwefeldioxid hat manche Arten regional verschwinden lassen“, berichtet Ulrich Meßlinger von den Folgen von zu viel Chemie, bei der sogar die Robustesten aufgeben müssen.
„Wenn wir die Landschaft überdüngen, macht das Flechten Probleme. Wo es viele Nährstoffe gibt, sind wuchskräftige Blütenpflanzen stärker. Dort sind dann viele Flechtenarten stark gefährdet“, sagt er. Stimmen die Lebensverhältnisse, werden Flechten tausende von Jahren alt. Und fallen trotz ihrer winzigen Größe durch ihre Mengen auf.
„Wenn man im Bayerischen Wald wandert, in den Alpen oder in Skandinavien, findet man auf dem Gestein immer diese gelb-grünen Landkartenflechten. Sie prägen diese Landschaften mit, obwohl sie nur eine Kruste bilden. In den Bergwäldern hängen Haarflechten von den alten Bäumen“, sagt der Biologe aus
Flachslanden.
„Bei uns in der Region findet man Flechten allerorten, am dichtesten jedoch in Wäldern auf sandigem Untergrund. Man muss genau hinschauen, um die kleinen versteckten schönen Dinge zu erkennen”, erklärt Meßlinger. „Manche sind auch sehr unauffällig, tragen die Farben von Erde oder Stroh. Andere knallen so heraus, dass man sie nicht übersehen kann.“
Die unscheinbaren Lebewesen, sagt Ulrich Meßlinger, haben eine große Bedeutung. „Sie sind kleine Wunderwerke der Natur mit vielfältigen Funktionen auch für uns.”