In der FLZ-Serie „Kleine Welten” richten wir den Blick auf Lebewesen und Pflanzen, die oft unterschätzt werden. Ihre Rolle für das Gleichgewicht von Mensch und Natur ist größer, als es scheint. In unserer 18. Folge tauchen wir in das Leben der Krebse ein.
Sie sind unter Blumentöpfen, unter Salatblättern, im Kompost und im Keller. Asseln sind umtriebige Tiere. Kein Wunder, sie sind kleine Krebse. Mit sieben Beinpaaren geht was.
Beliebt sind sie nicht, im Gegensatz zu ihrer feinen Verwandtschaft wie Shrimps, Garnelen und Hummer. Zumindest bis diese auf einem Teller auftauchen, bleiben sie im Wasser, wie die meisten anderen Artgenossen. „Aber es gibt Krebse, die auf dem Land leben”, sagt Ulrich Meßlinger, der unsere Serie fachlich begleitet. Auch die Landbewohner sind keine trockenen Zeitgenossen. Sie haben ebenfalls Kiemen. Eine seltene Kombination, damit ohne Wasser schwer ums Atmen ringen zu müssen. „Sie brauchen dafür im Kiemenraum feuchte Luft. Wenn zu wenig Feuchtigkeit da ist, müssen sie wieder feuchte Luft tanken.”
Weshalb die meist mausgraue Assel lieber gleich im Feuchten wuselt. „In der vollen Sonne würde sie vertrocknen”, so der Biologe aus Flachslanden. Ins Nasse treibt es die Landkrebse dennoch regelmäßig mit einer gewissen Lust. „Die meisten landlebenden Krebse gehen zu Fortpflanzung ins Wasser, ähnlich wie es die Amphibien machen”, erklärt Ulrich Meßlinger.
Das muss kein tiefer Bach sein. „Für kurzlebige Krebsarten wie zum Beispiel Wasserflöhe reichen Gewässer, die immer wieder austrocknen. Dann bilden sie Dauereier, und wenn es wieder regnet, schlüpft die nächste Generation.” Diese Eier sind wahre Lebenskünstler. „Sie überstehen Trockenphasen auch unter extremen Bedingungen. Dabei kann es nicht nur trocken, sondern auch sehr heiß sein.”
Die Asseln bringen die Menschen allein mit regelmäßigem Gießen durch die trockenen Tage. Der Dank ist ihnen gewiss, auch wenn die Rolle der kleinen Krebse für die Kreisläufe am Boden meist unterschätzt wird. Zu Unrecht, findet Meßlinger. „Für den Naturhaushalt sind sie entscheidend. Denn sie setzen Material um und sind so für die Humusbildung wichtig. Ohne bestimmte Tiere wie sie, die den Stoffkreislauf am Laufen halten, würde im Garten rein gar nichts Brauchbares wachsen.”
Für den Biologen ist deshalb klar: „Wir müssen froh sein, dass es Asseln gibt, auch wenn sie uns manchmal ärgern.” Zum Beispiel dadurch, dass sie in Gewächshaus und Frühbeet gern an Salat und Gemüse knabbern. Was leicht zu verhindern ist. „Man kann die Asseln ablenken, wenn man unter dem Gemüse mulcht. Wenn man da ein paar Krautblätter hinlegt, fressen sie erstmal das. Man kann sie auch austricksen mit einem Angebot an Abfällen, die wir nicht mehr verwerten.”
Weltweit sind bisher fast 70.000 Krebsarten bekannt, vermutlich gibt es in der Tiefsee noch viel mehr. Sie haben ein Meer an Farben und Formen, von der Japanischen Riesenkrabbe mit einer Bein-Spannweite von bis zu dreieinhalb Metern und 20 Kilo Gewicht über den Palmendieb, der sogar Kokosnüsse knacken kann, bis zu winzigen Ruderfußkrebsen, mit 0,2 Millimeter die kleinste Art. Einer dieser Winzlinge, Frühjahrs-Feenkrebs genannt, ist selten auch noch im südlichen Steigerwald im Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim zu finden. Ihm genügen immer wieder austrocknende Pfützen und Waldtümpel.
In Westmittelfranken waren vor ein paar Jahrzehnten vielerorts in den Bächen Steinkrebse zuhause. „Das ist heute eine stark gefährdete und streng geschützte Art. Noch haben wir einige wenige Vorkommen vor allem in den Waldbächen der Frankenhöhe und des Steigerwaldes”, sagt der in Flachslanden im Landkreis Ansbach aufgewachsene Biologe, der seit seiner Jugend das weitgehende Verschwinden auch der beiden anderen heimischen Arten Flusskrebs und Dohlenkrebs beobachtet hat. „Auslöser war die Krebspest, eine Pilzart, die mit amerikanischen Krebs-Arten eingeschleppt wurde. Anders als die amerikanischen Arten besitzen die europäischen keine Immunabwehr gegen den Pilz. In ganzen Bachsystemen gehen deshalb in kurzer Zeit alle heimischen Krebse zugrunde.” Das Regiment übernehmen dann Kamberkrebs, Signalkrebs, Amerikanischer Sumpfkrebs und Marmorkrebs.
Wo es die heimischen Fluss- und Steinkrebse noch gibt, sieht man ihre aufmerksame Brutpflege. Die Eier werden vom Weibchen an der Unterseite des Schwanzes getragen. Dort finden auch die geschlüpften Jungtiere einige Zeit Schutz, bevor sie ihre eigenen Wege krabbeln müssen.
Damit Krebse wachsen können, kommt es zur Häutung. Wie Insekten haben sie ein festes Exoskelett aus Chitin. Wenn dieses zu klein wird, platzt es auf und wird mühsam abgestreift. Bis ein neuer Panzer ausgehärtet ist, bleiben sie sehr verletzlich. Schutz finden sie in Verstecken an naturnahen Gewässern. Dort bauen Flusskrebse eigene Wohnhöhlen in die Uferböschung und Steinkrebse unter Wurzeln, Holzstücken und Steinen.
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In rauen Mengen bevölkern die Flohkrebse kleine Gewässer. „Sie sind die größte Biomasse in den heimischen Bächen”, so Ulrich Meßlinger. „Flohkrebse finden wir zu Tausenden in fast jedem Bach, bevorzugt im Wurzelgewirr von Sumpfpflanzen wie Bachbunge oder Brunnenkresse. Sie sind eine wichtige Nahrung für Fische.” Die haben es so leicht wie die Wale mit dem Krill: Maul auf, Flohkrebse rein.
Zu den Urzeitkrebsen, die es seit über 200 Millionen Jahren gibt, gehört der Feenkrebs, dessen Vorkommen zuletzt an acht Stellen in Nordbayern nachgewiesen wurde, unter anderem im Steigerwald. „Um diese ursprünglichen Krebsarten müssen wir uns kümmern”, fordert Ulrich Meßlinger. Gefahren drohen neben den eingewanderten Arten von der Überdüngung vor allem aus der Landwirtschaft.
Doch auch Fischfreunde können nichts Böses ahnend eine Bedrohung für Krebse werden. „Es ist eine Riesengefahr, wenn Menschen ihre Tiere aus dem Aquarium, die sie nicht mehr haben möchten, einfach in Gewässer kippen. Mit Aquarienwasser können fremdländische Tiere und Pflanzen in heimische Ökosysteme eingeschleppt werden und katastrophale Folgen bis zum Aussterben heimischer Arten haben”, warnt Meßlinger. Seine Bitte: „Man sollte Aquarientiere nicht freisetzen, sondern an jemand anders abgeben.”