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Veröffentlicht am 13.12.2021 21:50

Frankens kleine Welten: Ohne Moos nix los

Sie sind schlicht, aber nützlich. Sie speichern 30-mal so viel Wasser wie sie selbst wiegen. Und sie helfen, Leichen über Jahrhunderte zu konservieren. Moose haben viele wertvolle Seiten. „Die Schönheit der Moose zeigt sich erst, wenn wir ganz genau hinschauen“, sagt Ulrich Meßlinger. „Moose sind unscheinbar, aber auf ihre Weise hoch entwickelt.“

Der Diplom-Biologe aus Flachslanden, der unsere Serie fachlich betreut, kennt die Vorurteile über diese Pflanzen, die neben den Farnpflanzen und Blütenpflanzen die dritte große Gruppe in der Botanik darstellen. „Die Moose sind unter diesen Gruppen am einfachsten gebaut und werden deshalb auch zu den Niedrigen Pflanzen gerechnet.“ Sie haben in der Regel kein Stützgewebe und können nicht wie ein Baum oder eine Staude in die Höhe wachsen.

Die Außenseiter sind nicht unterzukriegen

Der scheinbare Nachteil ist ihr Vorteil. „Moose wachsen vor allem dort, wo der Lebensraum für Farn- und Blütenpflanzen zu extrem ist – zu nass, zu trocken, zu kalt oder zu nährstoffarm“, erläutert Ulrich Meßlinger. Die Außenseiter sind nicht unterzukriegen. „Viele Moose wachsen an der Spitze immer weiter und der untere Teil stirbt ab. Sie haben keine klassischen Wurzeln, über die sie Wasser und Nährstoffe aufnehmen können. Moose können über die ganze Oberfläche Wasser und Nährstoffe aus dem Regen aufnehmen.“

Was sie zu Zauberkünstlern beim Gewicht macht. Besonders die Torfmoose, die ökologisch wichtigste Gruppe. „Torfmoose können etwa das 30-Fache ihres eigenen Trockengewichts an Wasser speichern“, nennt Meßlinger einen Spitzenwert in der Natur. „Sie tragen einen wesentlichen Teil zum Wasserhaushalt bei.“

Was sie aus eigener Kraft nicht schaffen, gelingt ihnen als Aufsitzer von Bäumen: der Weg nach oben. „Sie kämmen den Nebel und den Niederschlag aus und speichern die Feuchtigkeit. Man hat also in den Baumkronen einen Wasserspeicher, von dem Wasser stetig auf den Boden tropft oder rinnt. Am Boden speichern die Moospolster genauso Wasser, das dann ebenfalls anderen Pflanzen zur Verfügung steht“, so Meßlinger.

Und nennt noch eine seltene Fähigkeit der Unverwüstlichen. „Sie können weitgehend austrocknen und nach Jahren, wenn wieder einmal Wasser kommt, weiterwachsen. Das geht so weit, dass Moose, die man unter dem Eis gefunden hat und die 1500 Jahre alt sind, wieder weitergewachsen sind.“

Anderes wird vor den Zerfall bewahrt

Die Überlebenskünstler bewahren nicht nur sich selbst, sondern viele andere Dinge vor dem Zerfall. „Die Torfmoose bilden Moore, die global mit die wichtigsten Wasserspeicher sind. Sie speichern enorme Mengen Kohlenstoff. Die Moose wachsen auf der Oberfläche weiter. Die unteren Partien sterben ab. Im nassen Untergrund halten sich die Reste und jegliches andere organische Material über Jahrtausende.

Auf diese Weise sind auch die Moorleichen entstanden und viele archäologische Stätten haben sich erhalten“, erklärt der Biologe. Grund dafür ist, dass Kohlenstoff unter dem Luftabschluss im nassen Milieu nicht abgebaut werden kann. Moore sind deshalb ein Kohlenstoffspeicher, der als noch wichtiger gilt als die Wälder.

Die wichtigsten Speicher von CO2, aber nicht die einzigen, betont Ulrich Meßlinger. „Auch in nassen Wiesen, intakten Auen und Sümpfen ist der Kohlenstoffabbau vermindert. Dass dort unter Luftabschluss Material im Boden eingelagert bleibt, ist für das Klima von großer Bedeutung.“

Feuchtigkeit verhindert Abbau

Das Prinzip kennt jeder, der einmal Holz ins Wasser gelegt hat, damit es frisch bleibt. Die Feuchtigkeit verhindert den Abbau des Materials. Wo Wasser fehlt, kommen dagegen negative Prozesse in Gang. „Jede Entwässerung von Wiesen – früher hat man auch Wälder entwässert – hat viel CO2 freigesetzt. Man kann dort aber auch wieder viel CO2 speichern, wenn Sümpfe und Moore regenerieren dürfen“, macht Ulrich Meßlinger Hoffnung. „In Bayern gibt es deshalb ein Moorschutzprogramm. Auch auf der Bundesebene laufen Bemühungen, weil Moore und Sümpfe riesige Mengen an Wasser und CO2 speichern können.“ Dank der Moose an der Oberfläche.

Diese Fähigkeit lässt sich im kleinen Maßstab rund ums Haus nutzen. Wer den Vertikutierer anwirft, sobald sich Moosteppiche bilden, schadet sich selbst. „Viele wissen nicht, dass man damit die Fähigkeit des Bodens, Wasser zu speichern, enorm vermindert“, empfiehlt Meßlinger die Kunst des Nichtstuns. Zumal sich die Hoffnung, dem Moos würde umgehend ein englischer Rasenteppich folgen, nicht erfüllt. „Moose wachsen dort, wo die Bedingungen für Gräser und Kräuter ungünstig sind – und meistens bleiben.“

Weshalb auch der Einsatz von Torf fast immer misslingt. Denn dessen Torfmoose bilden Wasserstoffprotonen, die den Boden sauer machen, was vielen Pflanzen gar nicht schmeckt. Wer den wenigen Arten, die dies brauchen, Saures geben will, kommt mit Sand meist gut zurecht. „Niemand ist also auf Torf im Garten angewiesen. Als Substrat im Garten ist Kompost, möglichst ein eigener, am besten“, empfiehlt der Biologe. „Kompost hat wesentlich günstigere Eigenschaften als Torf, weil er gleich einen Düngungseffekt hat. Und vor allem werden bei der Gewinnung keine Moore zerstört.

Moore nehmen weltweit nur drei Prozent der Landfläche ein, speichern aber 30 Prozent des Wassers. Künftige Generationen werden uns dafür danken.“ Bei allem Wert für Mensch und Natur: Mit dem schnöden Mammon haben die grünen Pflanzen nichts zu tun. Die Redewendung „Ohne Moos nix los“ stammt von einem jiddischen Wort für Geld ab.

Moose vermehren sich über Sporen, die durch den Wind und durch Tiere weit verbreitet werden. Das Bild zeigt die Sporenkapseln eines Laubmooses. (Foto: Ulrich Meßlinger)
Moose vermehren sich über Sporen, die durch den Wind und durch Tiere weit verbreitet werden. Das Bild zeigt die Sporenkapseln eines Laubmooses. (Foto: Ulrich Meßlinger)
Moose vermehren sich über Sporen, die durch den Wind und durch Tiere weit verbreitet werden. Das Bild zeigt die Sporenkapseln eines Laubmooses. (Foto: Ulrich Meßlinger)
Das Brunnenlebermoos ist eine weltweit verbreitete Art. Die weiblichen Pflanzen sehen aus wie ein winziger Palmenstrand. (Foto: Ulrich Meßlinger)
Das Brunnenlebermoos ist eine weltweit verbreitete Art. Die weiblichen Pflanzen sehen aus wie ein winziger Palmenstrand. (Foto: Ulrich Meßlinger)
Das Brunnenlebermoos ist eine weltweit verbreitete Art. Die weiblichen Pflanzen sehen aus wie ein winziger Palmenstrand. (Foto: Ulrich Meßlinger)
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