Eine Wespe? Eine Biene? Eine Hummel? Ein Hornisse gar? Nichts von alledem. Lug und Trug auf zwei Flügeln. Schwebfliegen überleben, weil sie aussehen wie andere. „Damit tun sie so, als wären sie gefährlich. Für uns Menschen sind sie es nicht, aber sie werden deswegen von anderen Insekten in Ruhe gelassen“, sagt der Biologe Ulrich Meßlinger aus Flachslanden, der unsere Serie fachlich begleitet. „Ihre Färbung in rot-schwarz oder gelb-schwarz hat einen Warneffekt auf andere.“
Dabei stapeln sie hoch bis zu den Flügeln. Denn Wespen oder Bienen sind stolze Hautflügler mit vier Flügeln. Schwebfliegen haben aber nur zwei Flügel. Die anderen beiden Flügel sind reduziert zu sogenannten Schwingkölbchen. Damit stabilisieren sie den Flug.
Manche sind schlank und lang wie ein Grashalm, andere dick und pummelig, manche haarig, andere glänzend. Die Fähigkeit, mehr zu scheinen als zu sein, heißt in der Biologie „Mimikry“. In Wirklichkeit sind die Schwebfliegen gar nicht gefährlich, sondern für Menschen sogar die nettesten unter den Zweiflüglern. Das ist eine riesige Gruppe mit weltweit um die 160.000 Arten. In Deutschland gibt es rund 9500 Arten.
Unter ihnen sind ganz andere Kaliber, wie die ganzen Stechmücken, Schnaken, Fliegen und Bremsen. „Viele piesacken uns, sind aber dennoch extrem wichtig“, bittet Ulrich Meßlinger um Verständnis für die Stiche. „Gerade Fliegen und ähnliche Insekten, die uns nerven, weil sie aufs Fleisch gehen, haben wichtige Aufgaben. Sie sind für den Stoffab- bau und das Zerlegen von Leichen und damit auch für die Hygiene in der Natur mitverantwortlich.“
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An den intensiven Forschungen, welche Prozesse dabei ablaufen, haben auch die Rechtsmediziner großes Interesse. „Fliegen legen in wenigen Minuten Eier an Leichen ab. Die Eier entwickeln sich extrem schnell zu Larven, die dann das Fleisch zerlegen und damit auch Aas beseitigen. An ihrem Entwicklungsstadium kann man feststellen, wie lang jemand schon tot ist – wie einige vielleicht schon einmal in einem Krimi gesehen haben.“
Mit dem Ableben von anderen haben die braven Schwebfliegen nichts direkt zu tun. Niemand muss Angst haben, von ihnen gebissen zu werden. „Sie saugen höchstens mal den Schweiß von der Haut oder verschüttete Lebensmittel auf“, gibt Ulrich Meßlinger Entwarnung.
Schwebfliegen sind etwa ein bis zwei Zentimeter groß, mit riesigen Augen. Sie können sehr gut sehen, sind hervorragende Flieger und beherrschen auch den Schwirrflug, mit dem zum Beispiel Kolibris an Ort und Stelle schweben. Sie fliegen von Blüte zu Blüte, um Nektar zu saugen und sich fortpflanzen zu können.
Außer dem Nektar ernähren sie sich von Pollen. Für die Bestäubung von Pflanzen sind sie deshalb ähnlich wichtig wie die echten Bienen. Allerdings sieht es mit dem Futter im Winter hierzulande schlecht aus, was zu grenzenlosen Reaktionen führt. „Faszinierend bei Schwebfliegen sind Arten, die extrem weit wandern“, erklärt Ulrich Meßlinger. „Manche schaffen es, im Sommer aus der Mittelmeerregion zu uns zu fliegen. Die nächste Generation fliegt dann in die entgegengesetzte Richtung.“
Solange sie hier sind, machen sie sich vor allem an Stellen mit Blattläusen nützlich. „Blattläuse saugen an anderen Pflanzen. Manche haben in der Natur große Bedeutung, weil sie Zuckersaft abgeben, der wieder von anderen Tieren gefressen wird, wie etwa vom sehr selten gewordenen Ameisenbläuling, einem Schmetterling“, so der Biologe. „Der Waldhonig von Bienen entsteht auch daraus, dass sie Zuckerausscheidungen von Läusen einsammeln.“
Gärtner und Betriebe, die von Pflanzen leben, lieben Läuse nicht. Sie stören an Nutzpflanzen nur, weshalb hier oft Schwebfliegen eingreifen dürfen. „Es gibt bei ihnen sehr viele Arten, deren Larven Blattläuse fressen. Sie werden deshalb bei der biologischen Schädlingsbekämpfung eingesetzt“, sagt Ulrich Meßlinger. „Schwebfliegen werden im Versandhandel angeboten und im Gartenbau oder in Gewächshäusern eingesetzt.“
Die Kunst der Abschreckung ist bei den kleinen Insekten groß. Bei Vögeln wirken die Täuschungen nicht. Was den Schwebfliegen einen zusätzlichen Nutzen als wichtiges Glied in der Nahrungskette verschafft. Sie legen ihre Eier an Pflanzen ab. „Das funktioniert nur, wo Pflanzen stehenbleiben dürfen und nicht ständig abgemäht oder abgemulcht werden“, macht Ulrich Meßlinger deutlich. „Die Schwebfliegen können also nur dort beim biologischen Pflanzenschutz helfen, wo es naturnahe Strukturen zwischen den Nutzflächen oder im Garten gibt.“