Pflanzen sind auf Licht angewiesen, um sich über die Photosynthese mit Kohlenhydraten versorgen zu können. Beim Kampf um das Lebenselixier gibt es eine scharfe Konkurrenz – und ganz verschiedene Taktiken. Die Bäume drängen nach oben, andere Pflanzen klimmen an kräftigeren Arten empor und versuchen, die Konkurrenten zu ersticken.
Doch nicht alle Pflanzenarten beteiligen sich am anstrengenden Wettstreit ums Licht. „Es gibt alternative Strategien, um der Konkurrenz aus dem Weg zu gehen und dort zu wachsen, wo es andere nicht können“, sagt der Biologe Ulrich Meßlinger. „Sie sind regelrechte Zwerge, die nicht höher werden als einen oder zwei Zentimeter.“
Die Kleinen wachsen dort, wo es für andere zu nass ist, zu trocken, zu frostig, zu windig oder zu arm an Nährstoffen ist. Das Licht kommt zu ihnen, weil es andere an ihren extremen Orten nicht aushalten. Das betrifft nicht nur Standorte wie im Hochgebirge, wo zum Beispiel das stängellose Leimkraut dichte, frostresistente Polster bildet oder die Zwergweide, mit einer Maximalhöhe von sechs Zentimetern der kleinste Baum der Welt, eng am Boden angeschmiegt ihr Auskommen findet.
„Offene Sandstandorte sind sehr gut geeignet für die Pflanzen, die mit Wasser zurechtkommen und keine Konkurrenten vertragen“, verweist Ulrich Meßlinger auf Beispiele in der Region wie Sandglöckchen, Kleines Tausendgüldenkraut und Frühe Haferschmiele.
Biologe aus Flachslanden, der unsere Serie fachlich betreut, räumt mit einem weit verbreiteten Irrtum über feuchte Moore auf. „Moorböden sind zwar im Prinzip nährstoffreich, aber durch die starke Vernässung sind die Nährstoffe nicht verfügbar für Pflanzen. Deshalb besitzen Moore eine große Bedeutung als Speicher für Kohlendioxid. Für Pflanzen jedoch sind sie ein Mangelstandort.“
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Glück etwa für die Sonnentau-Arten, die sehr klein bleiben. Sie versuchen, sich zusätzliche Nährstoffe zu besorgen, indem sie Insekten fangen. „Diese Arten produzieren ein Sekret, das Insekten anlockt. Die Insekten bleiben daran hängen, die Blätter rollen sich ein und die Pflanzen verdauen diese Zusatzmahlzeit.“
Kleine Pflanzen sind auch an nährstoffreichen Standorten in Äckern und Wiesen zu finden. Um der Konkurrenz aus dem Weg zu gehen, wachsen sie zu anderen Jahreszeiten als die üblichen Feldfrüchte. „Sie produzieren als einjährige Pflanzen wie auch die üblichen Getreidesorten jedes Jahr Samen“, erläutert Meßlinger. „Die Pflanzen sterben ab, aber die Samen bleiben im Erdreich fruchtbar. Sobald wieder günstige Bedingungen herrschen, keimen neue Pflanzen daraus. Diese wachsen rasch bis zur Blüte und zur neuen Frucht.“
Viele dieser Arten bezeichnet man als Ackerwildkräuter, weil sie heute fast nur noch auf Äckern eine Chance haben. Ihre ursprünglichen Orte, vor allem in den Auen von Fließgewässern mit Sand- und Schlammbänken, sind weitestgehend zerstört. Durch die trockenen Jahre hat Meßlinger neue Entwicklung in Westmittelfranken beobachtet. „Trockenheit hemmt das Wachstum der hohen Gräser. Die entstehenden Lücken werden im Spätsommer und Frühjahr von Zwergen wie Hungerblümchen oder Hornkraut besiedelt. Manche Arten profitieren also von der Schwäche anderer.“
Eine eigene Strategie haben Rosettenpflanzen. Sie bilden ein Blattwerk, das sich ganz eng an den Boden anschmiegt. Nur die Blütenstängel wachsen steil in die Höhe. Beispiele sind Ferkelkraut, Kleines Habichtskraut und Katzenpfötchen. Ihre Möglichkeiten bleiben trotzdem begrenzt, sagt Ulrich Meßlinger. „Das ist nur dort möglich, wo ihnen keine anderen Pflanzen die Sonne wegnehmen. Also nur auf Magerrasen, auf durch fehlende Düngung ausgemagerten Wiesen oder humusarmen Flächen, die wir heute gezielt versuchen zu erhalten oder zu regenerieren.“
Zum Teil schmecken diese Pflanzen sehr schlecht, wie der Frühlingsenzian. Oder ihre Blattrosette liegt so tief am Boden, dass sie vom Maul von Kühen, Pferden, Ziegen oder anderen Tieren gar nicht erreicht werden können. Manche ganz niedrige Pflanzen vertragen sogar den Tritt von Tier und Mensch oder das Überfahren mit Fahrzeugen wie die sprichwörtlichen Wegeriche.
Nicht zu unterschätzen sind die Winzlinge, die in Pflasterfugen wachsen, erläutert der Biologe aus Flachslanden. „Zu ihnen gehören das Kleine Liebesgras oder das Kahle Bruchkraut. So klein sie sind, locken sie trotzdem ihre eigene Tierwelt an. Sie können bunt und artenreich sein und im Gegensatz zu völlig versiegelten Flächen Wasser speichern.“
Deshalb ergrünen aufgegebene Pflasterflächen, Industriebrachen oder alte Bahngelände in kurzer Zeit wieder. „Pflanzen haben die enorme Kraft, selbst versiegelte Bereiche wieder zu besiedeln. Die Natur holt sich alles zurück. Es ist nur eine Frage der Zeit“, sieht Meßlinger gute Möglichkeiten. „Sobald man Pflasterfugen nur mit Sand, Split oder einem anderen lockeren Substrat füllt, kann dort etwas wachsen.“
Die Ritzen bilden ein ökologisches Netz. „Als Verbindungen, an denen Pflanzen entlangwandern können, sind Pflaster ideal“, betont Ulrich Meßlinger. „Weil sie meistens linear als Wege angelegt sind, entstehen Korridore, über die sich Arten verbreiten können.