„Jeder kennt den Regenwurm, aber kaum jemand weiß Genaueres über ihn“, sagt Ulrich Meßlinger. Und weist die spektakuläre Behauptung, der Wurm könne in zwei Würmer geteilt werden, ins Reich der Fabel. „Regenwürmer können nicht in zwei Teilen weiterleben. Allenfalls wenige verlorene Segmente können nachwachsen, ähnlich wie bei den Beinen von Molchen oder beim Schwanz von Eidechsen.“
Der Biologe aus Flachslanden, der die FLZ-Serie „Kleine Welten“ fachlich begleitet, warnt vor den Folgen des Missverständnisses, man könne die Regenwürmer im Garten vermehren, in dem man sie durchschneidet. „Das ist nur Tierquälerei und Unsinn.“ Den Wunsch, mehr dieser Tiere im Garten zu haben, versteht er. „Regenwürmer leisten wahnsinnig viel. Sie sind wie kleine Fräsmaschinen, die sogar festen Boden durchdringen. Sie belüften und bewässern mit ihren Röhren den Boden. Und was sie oben wieder ausscheiden, ist der beste Dünger.“
Weltweit gibt es rund 700 Arten. In Deutschland sind vor allem zwei Arten verbreitet, Tauwurm und Kompostwurm genannt. Sie haben Ring- und Längsmuskeln, die sie getrennt zusammenziehen können. Damit sind sie erst lang und spitz, um sich in die Erde zu bohren. Danach machen sie sich kurz und dick. So schieben sie Erde auf die Seite und es entstehen gewundene Gänge im Boden, die mehrere Meter tief werden können.
In der FLZ-Serie „Kleine Welten” richten wir den Blick auf die Lebewesen und Pflanzen, die oft unterschätzt werden. Ihre Rolle für das Gleichgewicht von Mensch und Natur ist größer als es scheint.
Ob ihr deutscher Name tatsächlich damit zu tun hat, dass sie aus ihren Gängen bei Regen nach oben kommen, ist nicht sicher. Früher war wegen ihrer Umtriebigkeit auch der Begriff „rege Würmer“ belegt. Sie sind ständig unterwegs und fressen am Tag ungefähr die Hälfte ihres Eigengewichts. In anderen Sprachen heißen sie Erdwurm, weil sie unermüdlich den Boden auflockern.
Zum rein pflanzlichen Futter für diese schwere Arbeit kommen sie nur mit Mühe. „Sie haben nicht die Möglichkeit, etwas aktiv zu zerkauen“, erklärt Ulrich Meßlinger. Was sie fressen können, muss schon weich sein. Serviert wird nur unter Tage, oben am Licht wäre es zu gefährlich. Die Nahrung wird deshalb in die Gänge gezogen, entweder zum sofortigen Verzehr, wenn sie schon weich genug ist, oder auf Vorrat. „Durch die Feuchtigkeit und die Wärme im Boden zersetzt sie sich dort und dann ist sie für die Würmer verwertbar.“
Jede Suche nach Futter ist lebensgefährlich. „Regenwürmer grasen nicht über dem Boden, sondern sammeln Blätter und Pflanzenteile von ihrem Gang aus. Mit dem Hinterende bleiben sie dabei im Gang“, beschreibt der Biologe das Futterverhalten. Der Grund ist einfach. „Mit dem Hinterende halten sie sich in der Röhre fest, damit sie sich bei Gefahr blitzschnell zurückziehen können. Man kennt die Bilder, wie die Amsel am Wurm zerrt und hinten klammert er sich im Boden fest. Es ist selbst für Menschen nicht leicht, einen großen Regenwurm aus dem Boden zu ziehen. Er hat ringsherum Borsten, mit denen er sich in seiner Röhre spreizt.“
Das Sicherungssystem brauche er, sonst ist das Wurmleben schnell vorbei. „Regenwürmer sind eine sehr begehrte Beute für Vögel, Eidechsen, Amphibien, Spitzmäuse, Igel und Käfer und viele andere bis hin zu Störchen, Krähen und Möwen. Sie sind als Nahrung so wichtig, dass sie als Schlüsselart in manchen Lebensräumen gelten, die vielen anderen überhaupt erst ein Überleben ermöglicht“.
Die Risiken kommen nicht nur von Tieren, auch vom Mensch, so der Experte. „Eine schnelle Umwandlung ihres Lebensraumes, von Wald in Ackerland zum Beispiel, ist für sie immer eine Bedrohung. Bei tiefer Bodenbearbeitung werden viele direkt getötet. Durch Gülle, Pestizide und Herbizide werden sie ebenfalls geschädigt, auch wenn dadurch Beikräuter als Nahrung vernichtet werden.“ Und irgendwann scheitern selbst die begnadeten Superbohrer an harter Erde. „Intensive Landwirtschaft reduziert die Zahl der Würmer, auch durch die von Maschinen ausgehende Bodenverdichtung.
Gut gehe es ihnen dagegen überall dort, wo es Feuchtigkeit, Humus und verrottendes Pflanzenmaterial gibt. „In den Komposthaufen finden wir die höchsten Regenwurmdichten. Viele gibt es auch in feuchten Wäldern. Wichtig ist für sie der lockere Boden. Sie müssen schnell nach unten kommen.“ Dort sind sie nicht nur vor ihren Feinden sicher, sie überstehen in der Erde trotz ihrer sehr empfindlichen Haut die Trockenphasen.
Am wohlsten fühlen sie sich in Frühjahr und Herbst. Dann sind auch die intensivsten Paarungszeiten an der Oberfläche. Für die Suche nach einem Partner verschwenden die Würmer keine Zeit. Sie sind Zwitter, legen sich aneinander und drücken ihre Samen in die Samentasche des anderen. Der Nachwuchs schlüpft nach frühestens zwei Wochen. Im Schnitt hat er zwei Jahre Lebenszeit vor sich. Das liegt vor allem an den vielen Feinden, weniger am Alterungsprozess. Im sicheren Labor haben es einzelne Würmer schon auf zehn Jahre gebracht.
Sie sind für niemanden ein Problem, nicht einmal lästig, betont Ulrich Meßlinger. „Regenwürmer haben keine Schattenseiten für andere. Sie schaden niemandem, sondern nutzen allen. Rundum positive Tiere.“ Solange man sie in ihrer gewohnten Umgebung lässt. „Hochproblematisch ist, wenn Würmer lebend als Köder rund um den Globus verschickt werden. In Nordamerika haben sich freigesetzte, europäische Regenwürmer massiv ausgebreitet und negativ auf Boden-Ökosysteme ausgewirkt, auch in der Karibik, weil sich das dortige Bodenleben nicht an sie anpassen kann. Bei uns sind sie dagegen für das Bodenleben äußerst wichtig, jedoch ebenfalls nur heimische Arten.“ Die auch hierzulande nicht aufgespießt werden sollten. „Angeln mit Regenwürmern, die zum Teil noch leben, ist aus Tierschutzsicht fragwürdig. Auch Würmer empfinden Schmerzen.“
Weil vielerorts die Böden trockener werden, ruhen große Hoffnungen auf den kleinen Tieren. „Jetzt wird viel geforscht an Regenwürmern, wegen des Klimawandels und der Bodenveränderung“, verweist Meßlinger auf ein stark steigendes Interesse. „Sie sind wichtig für die Belüftung und die Durchfeuchtung der Böden. Sie halten sie locker, so dass mehr Wasser aufgenommen werden kann.“
Im Verhältnis zu ihrem Gewicht gehören die zwölf bis 30 Zentimeter langen Würmer zu den stärksten Tieren der Welt. Sie drücken das 50- bis 60-Fache ihres eigenen Gewichts weg. Damit sind sie wichtige Helfer bei Projekten, mit denen der Biologe aus Flachslanden mit dem Naturpark Frankenhöhe die Speicherung von Wasser in Böden verbessern will. Feuchte Böden und genug Würmer setzen eine positive Spirale in Gang. Dann können pro Quadratmeter 2000 Würmer leben, die in ihren Gängen wiederum wichtigen Bodenbakterien das ideale Umfeld schaffen.
Ulrich Meßlinger, kürzlich mit der bayerischen Staatsmedaille für herausragende Verdienste um die Umwelt ausgezeichnet, wirbt deshalb für die meist unterschätzte Art. „Wir kommen mit Regenwürmern selten in Berührung. Wenn wir sie sehen, sollten wir uns freuen.“ Sein Tipp an die Gartenbesitzer in der Region: „Sie sollten Mulchmaterial und Laub liegenlassen. Das wird zum günstigen Treibstoff für Regenwürmer, die dann die Fruchtbarkeit der Böden im Garten verbessern.“
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