Frankens kleine Welten: Warum Spinnen wahre Superhelden sind | FLZ.de | Stage

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Veröffentlicht am 13.11.2021 10:00

Frankens kleine Welten: Warum Spinnen wahre Superhelden sind

Fangen wir mal ganz unten an, am Boden der Tatsachen: Nicht alles, was mit vielen Beinen krabbelt, ist ein Insekt. Gliederfüßer sind auch Krebstiere, Tausendfüßler und Spinnentiere. Von diesen gibt es rund 100.000 bekannte Arten. Sie sind, wenn man grad mal in Ruhe nachzählen kann, an ihren acht Beinen zu erkennen. Insekten haben sechs Beine.

Wir reden nicht über Skorpione, die es in unseren Breiten nicht gibt, Weberknechte (die in unseren Breiten auf den Namen „Hobbergaas“ hören) und Milben, zu denen auch die Zecken gehören. „Die bekanntesten Spinnentiere sind die Webspinnen. Sie können alle Fäden spinnen, mit denen sich viel mehr anfangen lässt als nur Netze zu weben“, erklärt der Biologe Ulrich Meßlinger, der unsere Serie fachlich begleitet.

„Die Netze sind am interessantesten, weil die jeder sieht“, sagt er. „Junge Spinnen bilden Flugfäden. Sie setzen sich an eine windexponierte Stelle und scheiden einen Spinnfaden aus. Dieser wird immer länger und irgendwann trägt die Luftreibung die Spinne davon.“ So können die kleinen Tiere ihre Reise zwar nicht steuern, aber elegant sehr lange durch die Luft schweben. „Ballooning“ nennen Fachleute diese geniale Fortbewegungsart.

Alles im Blick und Haare zum Hören

„Mit den Fäden, die ganz leicht und windempfindlich sind, können sie über riesige Entfernungen fliegen, fast eine Weltreise machen“, so der Biologe aus Flachslanden. „Die Bolaspinnen weben eine kleine pheromonhaltige Schleimkugel an einer Schnur und schlagen damit nach fliegender Beute. Andere bauen kleine Netze und werfen sie. Es ist faszinierend, was sie mit ihren Fäden alles treiben.“ Für die Fäden haben die Tiere spezielle Spinndrüsen. Fäden für das Gerüst sind nicht klebrig. Erst dem fertigen Grundgerüst des Netzes werden dann die klebrigen Fangfäden hinzugefügt.

Eine Kunst für sich ist auch, wie sich die kleinen Tiere in der Welt orientieren. „Spinnen haben bis zu acht Augen, was oft zu einem guten Rundumblick führt. Manche Arten sehen UV- und polarisiertes Licht oder können gut im Dunklen jagen“, weist Ulrich Meßlinger auf eine Armada verschiedener Augentypen und -größen hin. „Diese übernehmen unterschiedliche Aufgaben. Die Springspinnen besitzen riesige Augen, die wie Teleobjektive wirken. Aber auch damit sehen sie nur bis zu 30 Zentimeter weit. Weitaus wichtiger für die Orientierung sind zahlreiche Sinneshaare, mit denen Spinnen tasten, Schwingungen und Schall wahrnehmen, also trotz fehlender Ohren hören können.“

Diese Fähigkeiten lassen sie in der Natur extrem häufig sein. In vielen intakten Lebensräumen leben mehr als 100, teils bis zu 1000 Spinnen pro Quadratmeter. Jede auf ihre Art. „Viele sind sehr klein, Zwergspinnen nur wenige Millimeter groß. Manche graben Röhren in den Erdboden. Obendrüber gibt es dann bodennah lebende Arten wie die Baldachinspinnen. Andere Arten leben bis in die Gipfelzonen von Bäumen“, weist Meßlinger auf die umfassende Rolle der Spinnen auf allen Ebenen hin. „Spinnen sind im Tierreich mit die wichtigsten Jäger. Sie machen vom Gewicht her viel mehr Beute als alle Tiere zusammen, die wir als Beutegreifer kennen. Ihr Anteil am Stoffkreislauf ist ökologisch hochbedeutend.“

Fleißige Helfer für die Landwirte

Was sie unter den schwindenden Lebensräumen ebenso leiden lässt wie andere Tiere. „Spinnen sind auf lebende Nahrung angewiesen. Insektenarmut ist auch für sie sehr negativ. Viele Spinnen brauchen unterschiedliche Strukturen wie alte Halme, bestimmte Bäume, Stoppeln, Altgras, zwischen denen sie ihre Netze aufhängen können.“

Zum Nutzen aller, auch der Menschen, die ihnen keinen Platz mehr geben wollen. „Ein Brachstreifen zwischen zwei Feldern kann für viele Tiere, die bei Landwirten unerwünscht sind, das Ende bedeuten. Spinnen helfen dort, für die Landwirtschaft unerwünschte Tiere wegzufressen — wenn man ihnen ihre Räume lässt“, empfiehlt Meßlinger den Landwirten, im ureigenen Interesse den Appetit der Spinnen zu nutzen. „Aber wenn jeder Bewuchs weggemulcht wird, können Spinnen keine Netze mehr bauen. In einer kahlen Landschaft haben auch Spinnen wenig Überlebensmöglichkeiten.“

„Für Mensch und Natur haben sie eine riesige Bedeutung“, betont Meßlinger. „Alleine Milliarden von Blattläusen verenden in ihren Netzen. Sie sind für uns wirklich wichtig, deshalb müssen wir ihnen Lebensräume lassen und schaffen. Etwas Wildnis in Garten, Flur und Wald ist auch hierfür hilfreich.“

Hierzulande kein Grund für Angst vor Spinnen

Nicht alle Spinnen fangen mit Netzen ihre Beute. Andere wie die Springspinne oder die Wolfsspinne gehen zu Fuß auf die Pirsch. Was dann folgt, beschreibt Ulrich Meßlinger so: „ Spinnen nehmen ihre Beute vornehmlich mit Sinneshaaren wahr, stürzen sich drauf und setzen einen Biss. Damit werden Giftstoffe injiziert, die betäubend wirken, und zudem die Tiere von innen auflösen. Spinnen zerbeißen ihre Beute nicht, sondern saugen sie aus.“

Angst vor Spinnen muss kein Mensch haben. „In Europa schafft es nur der Ammen-Dornfinger, durch die menschliche Haut zu beißen. Das ist schmerzhaft, man kann Fieber oder Kopfweh bekommen, aber das ist äußerst selten“, versichert der Biologe. „Alles, was bei uns lebt, kommt so gut wie nicht durch unsere Haut durch. Spinnen greifen auch nicht Menschen an, nur wenn sie sich bedrängt fühlen. Normalerweise stellen sie sich tot oder hauen ab.“

Die kaum einen Zentimeter langen Springspinnen gehen mit wahren Teleaugen zu Fuß auf die Jagd. (Foto: Ulrich Meßlinger)
Die kaum einen Zentimeter langen Springspinnen gehen mit wahren Teleaugen zu Fuß auf die Jagd. (Foto: Ulrich Meßlinger)
Die kaum einen Zentimeter langen Springspinnen gehen mit wahren Teleaugen zu Fuß auf die Jagd. (Foto: Ulrich Meßlinger)
Ein Gewirr aus Stolperfäden lässt fliegende Kleintiere auf die darunter horizontal gespannten Netze der Baldachinspinnen fallen. (Foto: Ulrich Meßlinger)
Ein Gewirr aus Stolperfäden lässt fliegende Kleintiere auf die darunter horizontal gespannten Netze der Baldachinspinnen fallen. (Foto: Ulrich Meßlinger)
Ein Gewirr aus Stolperfäden lässt fliegende Kleintiere auf die darunter horizontal gespannten Netze der Baldachinspinnen fallen. (Foto: Ulrich Meßlinger)
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