Ein warmer Herbstabend in Bad Windsheim: Im Hinterzimmer des Hotels „Zum Storchen“ sitzt eine fröhliche Runde, es wird gelacht, erzählt, erinnert. Ehemalige Schülerinnen und Schüler der Abiturklasse von 1965 haben sich getroffen, sechzig Jahre nach dem Ende ihrer Schulzeit.
Schon zu Abiturzeiten war der „Storchen“ ihre Stammkneipe. Damals nutzten einige donnerstags ihre Freistunde zwischen Latein und Sport, um dort ein Bier zu trinken und den neuesten Stern zu lesen, bevor es weiter zum Turnen ging. Heute füllt das Hinterzimmer sich mit Geschichten, die zugleich heiter und nachdenklich sind, und während der Duft von fränkischem Braten aus der Küche herüberweht, scheint für einen Abend die Zeit stillzustehen.
Das „Gymnasium mit Oberrealschule Bad Windsheim“ war geprägt vom humanistischen Zweig, in dem Latein und Altgriechisch Pflichtfächer waren. „Wir waren die letzte Klasse dieser Art, und das hat uns geprägt fürs Leben“, erzählt einer der Ehemaligen. Viele berichten, wie ihnen das Lernen der alten Sprachen half, Denkweisen zu entwickeln und Zusammenhänge zu verstehen. Ein Lehrer erinnert sich, er habe die deutsche Grammatik erst über das Latein wirklich begriffen, eine Lehrerin ergänzt, dass sie den Gedanken vom Menschen als Einheit von Körper, Seele und Geist nie vergessen und an ihre Kinder weitergegeben habe.
Andere erzählen, wie die Texte von Platon oder Sokrates ihnen damals halfen, Orientierung im Leben zu finden. Natürlich fehlte auch die Strenge nicht. Direktor Georg Schirmer galt als sehr pedantisch, stand jeden Morgen am Schultor und ermahnte Zuspätkommende. Doch genau dieser Schirmer rührte die Klasse zwanzig Jahre später, als er alle seine ehemaligen Abiturienten noch mit Namen begrüßte.
Manche Erinnerungen sind heiter, manche skurril: Da ist die Rede vom Lehrer Köhler, dessen dunklen Anzug die Schüler mit Kreide beworfen hatten. Es gab Arreststrafen wegen Kleinigkeiten, was manche Beziehung zu den Lehrern belastete. Oder das legendäre Geschenk einer Parkbank an die Stadt: Mit einem Traktor zogen die Abiturienten damals durch Windsheim, unterbrachen sogar eine Stadtratssitzung, um ihre Spende zu überbringen. Sie erinnern sich noch heute staunend, wie der damalige Bürgermeister Ludwig Kießling auf den Balkon trat und spontan eine Rede für die Jugendlichen hielt. Ihre Bank war sogar Anlass dafür, dass der Stadtrat beschloss, weitere Bänke zu stiften.
Im Rückblick war es nicht nur der Unterrichtsstoff, sondern vor allem die Begegnungen mit den Lehrern, die Spuren hinterließen. Viele gaben den jungen Leuten mehr mit als den Lehrplan: Gespräche über Krieg, Frieden oder die großen Fragen des Lebens. „Das hat uns geprägt, viel mehr als Vokabeln und Grammatik“, lautet ein Tenor des Abends.
Auch die Klassengemeinschaft selbst war etwas Besonderes. Noch heute fühlen sich alle verbunden – und das seit Jahrzehnten. Rolf Mischung, der Psychologe geworden ist, hat die Treffen über all die Jahre organisiert. Er sorgt dafür, dass sich die Runde immer wieder zusammenfindet und erntet große Anerkennung dafür.
„Es ist selten, dass eine Klassengemeinschaft so lange lebendig bleibt“, sagt er, und die anderen stimmen ihm zu. Auch die Ehepartner sind inzwischen Teil der Runde geworden, was ganz selbstverständlich klappte. Man wächst zusammen, egal ob man früher schon dabei war oder nicht.
Die Gespräche im „Storchen“ zeigen, wie reflektiert die Gruppe auf ihre Schulzeit blickt. Sie schätzen die Bildung, die ihnen damals vermittelt wurde, und sehen darin einen Grundstein für ihre späteren Wege in Jura, Medizin, Theologie, Psychologie oder Lehramt. „Diese Bildung hat uns im Leben getragen“, heißt es mehrfach, und man spürt, dass die Dankbarkeit für diesen Start ins Leben tief sitzt.
Natürlich kam auch der Blick auf die Jugend von heute zur Sprache. Manche sehen sie leistungsbereiter als früher, andere überfordert von zu vielen Möglichkeiten. Einer zitierte schmunzelnd Sokrates: „Die Jugend hat keinen Respekt mehr und wird den Untergang bringen.“ Alle lachten – seit über zweitausend Jahren ändert sich daran offenbar nichts. Die Zeit im „Storchen“ endete schließlich nicht nur mit Erinnerungen, sondern auch mit einem Versprechen: „Solange wir können, sehen wir uns jedes Jahr wieder.“