Die Gespräche verstummen, als Thomas Winges auf den Giebel der Vinothek Weineck zeigt. „Schauen Sie, dort oben am Haus ist die Flutmarke, kurz unter der Dachrinne: So hoch stand das Wasser der Ahr hier in der Nacht des 15. Juli 2021.“
Betroffen und nachdenklich folgen die Touristen den Worten von Winges, der die Besuchergruppe gerade durch die Seilbahnstraße in Altenahr führt. Hier wurden von der Jahrhundertflut 14 Häuser weggespült, andere blieben als Ruinen stehen.
Nach Starkregen kam es in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 zu einer verheerenden Sturzflut. In Eifel und Ahrtal fielen innerhalb von 48 Stunden bis zu 200 Liter pro Quadratmeter. An der Ahr starben 135 Menschen, insgesamt waren es über 180 Opfer. Mehr als 330 Menschen wurden mit Hubschraubern von Dächern und Bäumen gerettet. Bund und Länder richteten einen milliardenschweren Aufbaufonds ein.
Fünf Jahre nach der Katastrophe finden Touristen nach und nach zurück ins enge Tal, durch das sich die Ahr zwischen Steilhängen und Auen, Wäldern, Wiesen und Orten kurvenreich ihren Weg bahnt. Schäden sind im Ahrtal noch zu sehen, doch viele Gaststätten und Hotels haben wieder geöffnet.
„Wandern zwischen den Welten“ - so nennt der Altenahrer Winges seinen Rundgang, der über drei Stunden an einem Samstag zunächst durch seinen Heimatort führt, dann steil hinauf zu den jungen Rebstöcken, an denen Trauben für die Spätburgunderweine reifen, für die das Tal so bekannt ist.
Vor der Flut hatte Winges mit seiner Frau Simone einen Fahrradverleih, und sie führten Wandergruppen durchs Ahrtal. „Nach der Flut mussten wir den Neustart wagen“, sagt Winges, der mit seinen Touren den Gästen nun nicht nur die Schönheit der Kulturlandschaft seiner Heimat zeigen, sondern auch ein Gefühl für das Ausmaß der Katastrophe vermitteln möchte.
Pause bei einem Gläschen Wein, Käsehappen und Salzgebäck: Die Aussicht vom Rastplatz auf die imposante Ruine der Burg Are, Wahrzeichen des Weinortes und zwischen 1095 und 1105 auf der Felskuppe über Altenahr errichtet, ist toll: Reben an steilen Hängen, bewaldete Höhenrücken, der sich windende Fluss.
Die Winges touren wieder, doch der Neubeginn kommt auch in Raten: Statt wie gewohnt im Supermarkt wird in Altenahr noch im Container eingekauft. Flussabwärts in Mayschoß baut die Winzergenossenschaft Mayschoß-Altenahr neue Produktion- und Lagerflächen samt Vinothek und Veranstaltungsräumen, nächstes Jahr soll alles fertig sein. Immerhin die symbolische Grundsteinlegung feierte man Ende Mai schon.
Damit schlägt auch die laut Selbstauskunft älteste Winzergenossenschaft der Welt, im Jahr 1868 von 18 Winzern gegründet, ein neues Kapitel auf: „Durch die Flut sind wir zur Schicksalsgemeinschaft zusammengewachsen“, sagt Carsten Berke, Geschäftsführer des Unternehmens mit heute 540 Mitgliedern.
Denn auch in der Winzergenossenschaft standen die Fluten meterhoch, Schlammmassen bedeckten die gelagerten Weinvorräte. Doch sie machten das Beste daraus, säuberten die unversehrten Flaschen und verkauften sie als „Flutwein“, über 50.000 Flaschen mit verschrumpelten, welligen Etiketten. Restbestände an edlem Weinbrand sind noch zu haben.
Auch Manager Berke beobachtet den wieder aufkeimenden Tourismus – vor allem Tagesausflügler und Wochenendbesucher seien es. Und sie können wieder ungehindert Zug fahren im Tal. „Ein Meilenstein für unsere Zukunft war der Neustart der Ahrtalbahn am 12. Dezember 2025.“
Die Lebensader wurde in der Flutnacht ebenfalls gekappt – Brücken und Tunnel, Dämme und Gleise ein riesiges Trümmerfeld. 18 Kilometer Gleise, 22 Brücken und fünf zerstörte Tunnel sowie zehn Bahnhöfe wurden im Eiltempo neu gebaut, saniert oder umgestaltet. Zeitgleich wurde die Strecke elektrifiziert, 590 Millionen Euro Investment.
Elektrozüge rollen nun im 20-Minuten-Takt durchs Ahrtal, entweder über Remagen bis Bonn oder südwärts über Koblenz bis Boppard. Im Winzerdorf Dernau halten sie jetzt am Ortszentrum, der Bahnhof wanderte um ein paar hundert Meter dorthin.
Dernau an der Mittelahr mit seinen 1.600 Einwohnern war einer der am stärksten betroffenen Orte. In der Bachstraße zeigt eine rote Markierung den Stand des Hochwassers, viele hundert Meter entfernt von der Ahr. Manche Häuser sind mit Brettern vernagelt, andere im Rohbau - sichtbare Narben. Doch trotzig verkündet ein Schild am Bauzaun: „Straußwirtschaft geöffnet“.
Auf dem Rotweinwanderweg oberhalb von Dernau marschieren wieder die Wandergruppen. Die 36 Kilometer lange Route und der anspruchsvolle Ahrsteig auf der anderen Talseite ergänzen seit Frühjahr neue Rundwanderwege - zwischen sieben und 17 Kilometer lang. Von Familienfreundlich bis knackig herausfordernd ist alles dabei.
So weist die Fünf-Stunden-Tour „AhrSchleife WeinBergBlicke“ rund 450 Höhenmeter auf. Dafür werden die Kraxelnden auch hier mit beeindruckenden Aussichten ins enge Tal und auf die Rebenhänge belohnt.
Die Ahrschleifen gelten als neue Attraktion, neben althergebrachten Winzerfesten, Konzerten, Märkten und thematischen Weinwanderungen. Mit über 1.000 Veranstaltungen im Jahr ist das Tal nach der Flut im Wandel. Auch der beliebte Ahrtal-Radweg wird wieder aufgebaut. Mitte Juni wurde ein 8,5 Kilometer langes Teilstück zwischen Walporzheim und Mayschoß-Laach eröffnet, andere Teilstrecken sind noch im Bau.
Ortswechsel in den Doppelort Bad Neuenahr-Ahrweiler: Baumaschinen rattern rund um das historische Kurhaus und im Kurpark, etliche Behelfsbrücken führen über die in diesen Wochen so anmutig dahinplätschernde Ahr.
Auch im traditionsreichen Weingut Lingen haben sie neuen Mut geschöpft. Aus der alten Probierstube wurde nach der Flut eine helle Vinothek - ein kompletter Neustart auch hier. Die beiden Jungwinzer Jan und Niklas Lingen, 24 und 22 Jahre alt, führen als elfte Generation mit den Eltern den Betrieb. Jan sagt: „Das Ahrtal ist für uns Heimat, geprägt von den Spätburgunderrotweinen. Unsere Familie ist seit 1599 im Weinbau, wir sind leidenschaftliche Winzer.“
Auch in noblen Hotels wie der „Villa Aurora“ lassen es sich die Gäste wieder gut gehen. Hotelier Christian Lindner sagt: „Den Familienbetrieb aufzugeben, kam niemals infrage. Seit 1910 sind wir Gastgeber an der Ahr.“
Monatelang liefen in der Jugendstilvilla die Trocknungsgeräte, im Oktober 2022 konnten die ersten Gäste einchecken, und man wirbt mit dem Slogan „we ahr open“. Aurora ist bei den Römern übrigens die Göttin der Morgenröte. Kaum ein Name könnte den Neustart so prosaisch wohl besser umschreiben - im Ahrtal fünf Jahre nach der Flut.
Reiseziel: Das Ahrtal liegt etwa 60 Kilometer südlich von Köln, die Ahr entspringt in Blankenheim und mündet nach 85 Kilometern bei Sinzig in den Rhein. Etwa 50 Weingüter und mehr als 400 Nebenerwerbswinzer kümmern sich in Handarbeit in Steillagen mit Schieferböden um die Rebstöcke. Die gesamte Rebfläche beträgt rund 530 Hektar. Damit gilt das Ahrtal als größtes zusammenhängendes Rotwein-Anbaugebiet in Deutschland. Vor allem hochwertige Spätburgunder-Rotweine werden produziert (ahrwein.de).
Anreise: mit der Bahn Umstieg in Bonn oder Koblenz in die Ahrtalbahn, die bis Altenahr und Ahrbrück fährt (vareo.de/vareo/Das-vareo-Netz/Rhein-Ahr-Bahn). Mit dem Auto beträgt die Fahrtzeit etwa ab Berlin sieben Stunden, ab Hamburg und München sechs Stunden.
Wanderwege: Klassiker ist der Rotweinwanderweg, der über 35 Kilometer von Altenahr bis Bad Bodendorf durch die Ahr-Weinberge führt (rotweinwanderweg.de). Unter dem Begriff AhrSchleifen werden sieben neue Rund- und Spazierwanderwege am Ahrsteig vermarktet (ahrsteig.de/ahrschleifen).
Unterkünfte: Es gibt Hotels, Pensionen, Ferienwohnungen, Camping- und Wohnmobilstellplätze. In den Hotels kosten Übernachtungen im Doppelzimmer rund 100 bis 250 Euro.
Weitere Informationen: ahrtal.com
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