Solomon’s Knot liebt die großen Affekte. Im britischen Barock-Kollektiv singen und spielen Theatraliker. Das war vor zwei Jahren bei ihrem hinreißenden Bachenwochen-Debüt so, das war jetzt so.
Vor zwei Jahren baute Jonathan Sells mit seinem Kollektiv aus Bach-Kantaten und dem ersten Brandenburgischen Konzert eine höfische Geburtstagsfeier nach. Das ergab einen weitgehend schlüssigen Erzählbogen, der sich von einem Festgottesdienst über Jagdausflüge bis hin zur High-Society-Party spannte. Das funktionierte blendend in seiner fröhlichen, augenzwinkernden Diesseitigkeit.
Dieses Mal ist Solomon's Knot jenseitig gestimmt. Der Blick wendet sich nach oben zu Bachs Engeln und senkt sich betrübt, weil zwischendurch die streng lutherische Landesmutter betrauert werden muss. „Es geht um Streit”, umreißt Jonathan Sells das verbindende Thema. Auf die Michaels-Kantaten trifft das offensichtlich zu, aber für die Trauerode und das sechste Brandenburgische Konzert sind doch einige gedanklichen Volten nötig, um den Anschluss herzustellen.
Bei der „Trauer Music”, BWV 198, verweist der Sänger auf den Konfessionsstreit. Die fromme Christiane Eberhardine konvertierte nicht zum Katholizismus, wie das ihr Mann, August der Starke, aus machtstrategischen Gründen tat. Und wo wird im sechsten Brandenburgischen gestritten? „Es ist eine Art Kampf der Bratschen”, merkt Sells süffisant an. Er behält leider recht.
Keiner der drei Sätze, die zwischen den Kantaten eingeschoben und solistisch besetzt sind, gelingt auf Festspielniveau. Sie geraten zu rau, zu schnell, zu unsauber. Die konzertanten Teile fallen also schwach aus; zudem fehlt dieses Mal ein stabiler Erzählstrang. Aber die Kantaten erzielen einen enormen Effekt. Denn dort, wo der Erzengel Michael mit aller Macht gegen den höllischen Drachen kämpft, passiert viel. Solomon's Knot verwandelt diese Kantaten in flammendes Hörtheater. Und die verstorbene Fürstin wird vom Kollektiv professionell passioniert und facettenreich betrauert.
Den Anfang aber macht Bachs Großcousin Johann Christoph mit seinem Geistlichen Konzert „Es erhub sich ein Streit”, ein grandioses Werk. Das britische Barock-Kollektiv malt das tosende Schlachtengetümmel in kräftigsten Farben aus. Die Trompeten schmettern. Die himmlischen Heerscharen stürzen sich in den Kampf. Ohrenbetäubend schwillt das Militärgetöse an, überrollt die Hörgemeinde in St. Gumbertus. Am Ende triumphiert das Gute – Musik wie für einen biblischen Blockbuster.
Von der reifen Klangfülle der Sängerinnen und Sänger, von ihrer vokalen Intensität und ihrer Bühnenpräsenz profitieren dann auch die folgenden Werke, allesamt Kantaten von Johann Sebastian Bach: der doppelchörige Kantatensatz „Nun ist das Heil und die Kraft”, BWV 50, die Trauerode, BWV 198, und „Herr Gott, dich loben alle wir”, BWV 130.1. In den Solopartien der Trauerode überzeugen die Sopranistin Zoë Brookshaw, der Altus James Hall und der Tenor David de Winter.
Das Vokalensemble des Kollektivs singt seit Langem auswendig. Keine Pulte, keine Notenhefte, keine Tablets – bei den Chorsätzen fällt das nicht weiter nichts Gewicht, aber bei Rezitativen und Arien ermöglicht das eine freiere Interaktion zwischen den Mitgliedern von Solomon's Knot. Am schönsten ist das in der letzten Tenor-Arie zu beobachten, wo die Flötistin Eva Caballero zu David de Winter tritt und beide innig im Duett musizieren: eine Bitte an den Fürsten der Cherubinen, in den Himmel aufgenommen zu werden.
Als Zugabe gibt es noch einmal eine dramatisch wogende Himmelschlacht, nun den Anfang von Johann Sebastian Bachs „Es erhub sich ein Streit”, BWV 19. Und wieder gewinnt Michael.